Geomax 32: Demokratie schützen
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was sie gefährdet und wie man sie stärkt
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Der demokratische Zustand der Welt hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren gravierend verschlechtert. Im Jahr 2024 leben weltweit 72 Prozent der Menschen in einer Autokratie. Tendenz: weiter steigend. Aber es gibt auch Beispiele von Ländern, die einen „Beinahe-Unfall“ erlitten und in eine stabile Demokratie zurückfanden. Forschende untersuchen, wie das Abgleiten abläuft – und was es braucht, um Autokraten Einhalt zu gebieten.
Wie kommen Autokraten an die Macht? Der vielleicht naheliegende Gedanke: Mit einer einmaligen, gewaltsamen Aktion, einem Umsturz. Bekannte Beispiele der jüngeren Geschichte sind der Putsch von General Augusto Pinochet in Chile 1973 oder der Militärputsch 2021 in Myanmar gegen die Regierung von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Ein anderer Weg ist weniger spektakulär, aber mindestens ebenso effizient – und gerade in Deutschland bestens bekannt. Dabei machen sich die Gegner der Demokratie die Mittel der Demokratie zunutze. Sie werden gewählt und bauen dann den Staat Schritt für Schritt um. Die Nationalsozialisten erlangten 1933 in Deutschland die Herrschaft auf verfassungskonformem Weg und der Umbau begann
„Demokratien brechen selten auf einen Schlag zusammen. In den meisten Fällen gehen sie schleichend zugrunde“, sagt Ralph Hertwig, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Der Psychologe hat gemeinsam mit einem Team aus der Psychologie und Politologie untersucht, wie Demokratien in die Krise geraten. Dabei hat das Team in seiner Studie das Augenmerk auf Fälle gerichtet, in denen genau das nicht passiert ist: Historische Momente, in denen Demokratien Gefahr liefen, in Autokratien abzurutschen, dies aber abgewendet wurde. Diese „Beinahe-Katastrophen“ analysierten die Forschenden und zogen daraus ihre Schlüsse.
Demokratien auf dem Prüfstand
Wie es um die Demokratien rund um den Globus bestellt ist, untersucht das V-Dem Institut an der Universität Göteborg. V-Dem steht für „Varieties of Democracy“, also etwa „Spielarten der Demokratie“. Das unabhängige Forschungsinstitut gibt jedes Jahr im Frühling seinen „V-Dem-Report“ heraus, eine der renommiertesten Demokratiemessungen weltweit. Im Report 2025, der die Lage bis Ende 2024 berücksichtigt, sind nach dem „Liberal Democracy Index“ demokratische Länder beispielsweise in Westeuropa und Nordamerika sowie in einigen Teilen Ostasiens, des Pazifikraums und Südamerikas häufiger zu finden. Der Nahe Osten, Süd- und Zentralasien sowie große Teile von Afrika werden von eher autokratischen Ländern dominiert (Abb. A) .

Abb. A: Stand der Demokratie 2024. Der „Liberal Democracy Index“ erfasst sowohl die wahlrechtlichen als auch die liberalen Aspekte der Demokratie – und reicht von der niedrigsten (0) bis zur höchsten Stufe (1) der Demokratie. Blau steht für überwiegend demokratische Systeme, Rot für zunehmend autokratisch regierte Länder. Für Grönland wurden keine Daten erhoben.
© Democracy Report 2025; Grundlage: V-Dem-Datensatz v15
Für die Einteilung von Autokratien und Demokratien nutzt der V-Dem-Report auch die „Regimes of the world“-Kategorien (Abb. B) . Diese unterscheiden zum einen „geschlossene“ und „elektorale“ Autokratien. „Geschlossen“ sind Regime ohne Wahlen wie China, Nordkorea oder Saudi-Arabien. „Elektorale“ Autokratien halten durch Wahlen zumindest einen Anschein von Demokratie aufrecht. Beispiele sind hier Russland, Iran oder Ungarn. Dem gegenüber stehen „elektorale“ Demokratien, etwa Kroatien und die Slowakei, und „liberale“ wie Deutschland, Dänemark und die Schweiz. Demokratie und Autokratie bilden in ihren ausgeprägtesten Formen die Enden einer gedachten Skala, auf der es laufend kleine und größere Verschiebungen in die eine oder andere Richtung geben kann. In der Mitte liegt eine Grauzone. Länder, die der V-Dem-Report in diesen Bereich eingestuft, befinden sich gerade im Übergang von der Autokratie zur Demokratie (oder umgekehrt) und können nicht eindeutig zugeordnet werden.
Von Hochsicherheitssystemen lernen
Um die kleineren und größeren Verschiebungen im Demokratie-Autokratie-Spektrum zu erklären, hat das Team um Ralph Hertwig ein Modell aus der Forschung zu Risikoanlagen gewählt. Das „Drift-to-Danger-Modell“ beschreibt die Zwänge und Gefahren in komplexen Systemen wie Atomkraftwerken, Bohrinseln oder Weltraummissionen. Drei Grenzen definieren das System: wirtschaftlicher Kollaps, technisches Versagen und menschliche Kapazitäten. Die Grenzen definieren einen gedachten Raum, innerhalb dessen sich das System bewegt. Einmal mehr in Richtung der einen Grenze, mal in Richtung einer anderen. Der Betreiber wird versuchen, die Wirtschaftlichkeit auszureizen, die Arbeitskräfte, ihre Arbeitslast geringer zu halten. Jenseits der Grenzen liegt der Kollaps. Abweichungen vom Idealverhalten kann das System bis zu einem gewissen Grad tolerieren und absorbieren. Es gibt Sicherheitsvorkehrungen („safety layers“), die das System auch bei einzelnen Verstößen stabil halten. Das System kann durch verschiedene Dynamiken in einen gefährlichen Zustand geraten: Drängt das Management beispielsweise zu stark auf Effizienz, kann dies bei den Mitarbeitenden zu Ausweichreaktionen führen. Um den stetig wachsenden Anforderungen dennoch gerecht zu werden, werden etwa regelwidrige oder risikoreichere Abkürzungen gewählt. Solche Normverletzungen führen schleichend zu einer Erosion der Funktionsfähigkeit des Systems. Das ist gemeint mit dem Abdriften in die Gefahrenzone, auf die das Modell aufmerksam macht. Und je näher es dadurch den Grenzen kommt, desto problematischer wird es.
Das Modell liefert eine gute Analogie zu den Prozessen, die in einem demokratischen System ablaufen (Abb. C) . „Auch hier sind die Vorgänge nicht linear“, sagt Hertwig, „aber ständige Regel- und Normverstöße bringen die Demokratie an ihre Grenzen und darüber hinaus.“ Wichtig: Das Abgleiten in die Autokratie erfolgt einerseits schleichend, andererseits von einem bestimmten Moment an jedoch ruckartig. Wie beim Klima könnte man auch von Kipppunkten sprechen. „Leider ist es extrem schwierig vorherzusagen, wie nahe so ein Kipppunkt schon ist. Erst wenn der Unfall passiert ist, weiß man, dass der Kipppunkt längst überschritten wurde“, sagt Hertwig. Doch was passiert vor dem Kipppunkt? Ist das Abgleiten eine Einbahnstraße? Nein, denn es gibt auch Beispiele für in die Krise geratene Demokratien, die sich wieder stabilisierten.

Abb. C: Demokratie in Gefahr. Etablieren sich Normverletzungen, Populismus und Polarisierung, driftet ein demokratisches System in die Autokratie ab. Stabilisierend kann beispielsweise der Widerspruch der Zivilgesellschaft wirken. Sicherheitsschichten (gestrichelte Linien) sind etwa eine unabhängige Justiz, freie Wahlen, die Wahrung der Grund- und Menschenrechte, oder eine sprachlich angemessene Debattenkultur. Je stärker diese Schutzschichten erodieren, desto schwieriger wird eine Rückkehr – eine Autokratie kann sich etablieren.
© Verändert nach: Abels, C. M. et al. (2023): Dodging the autocratic bullet: enlisting behavioural science to arrest democratic backsliding; / CC BY 4.0
Autokratisierung verhindern
Álvaro Uribe Vélez war siegessicher: Er war der beliebteste Präsident in der kolumbianischen Geschichte. Im Jahr 2006 hatten 62,2 Prozent der Wählerinnen und Wähler für den politisch weit rechts stehenden Uribe gestimmt. So sollte es auch 2010 passieren, fand er. Einziger Haken: Die kolumbianische Verfassung erlaubt nur eine Amtszeit. Schon an der Wahl 2006 durfte er nur durch eine Verfassungsänderung teilnehmen. Eine Abgeordnete sagte später aus, sie sei bei der Abstimmung bestochen worden. Das Verfassungsgericht hatte Bedenken, segnete aber letztlich die Verfassungsänderung ab. Im Jahr 2010 strebte Uribe eine zweite Verfassungsänderung an. Beim zweiten Versuch stoppte das Verfassungsgericht Uribe jedoch: Die Gefahr, dass eine einzelne Person durch die lange Amtszeit zu viel Macht anhäufe und zu viele Posten mit eigenen Leute besetze, sei zu groß. Zur Wahl traten ausschließlich neue Kandidaten an, die Regierungszeit Uribes endete.
Demokratische Institutionen boten einem machthungrigen Politiker Einhalt. Die Episode aus Kolumbien ist eine von sieben „Beinahe-Katastrophen“, die Hertwig mit seinem Team unter die Lupe genommen hat. Zu den weiteren gehören Finnland und Großbritannien in den 1930er-Jahren, die beide rechtsextreme Bewegungen in Schach hielten, oder Spanien, wo 1981 König Juan Carlos eine zentrale Rolle beim Scheitern eines Militärputsches spielt. Die Fälle unterscheiden sich stark in ihrem Ablauf und auch in den Gründen, die das Abgleiten in die Autokratie abwendeten. „Man kann deshalb nicht sagen, es gibt diesen einen Hebel, den man umlegen muss, um die Bedrohung der Demokratie abzuwenden“, sagt Hertwig. Andererseits: „Was man in erster Linie daraus lernen kann, ist: Es gibt praktisch in jeder Situation Aktionen und Momente, die das weitere Abdriften verhindern könnten.“
Entscheidend ist, dass die Sicherheitsschichten der Demokratie halten, etwa eine unabhängige Justiz wie im Fall Kolumbiens. In Deutschland verteidigt das Bundesverfassungsgericht die freiheitlich-demokratische Grundordnung und wacht über die Einhaltung der Grundrechte, der Menschenwürde und der Rechtsstaatlichkeit. Um die Unabhängigkeit des Gerichts besser gegen demokratiefeindliche Einwirkungen zu schützen, wurde 2024 das Grundgesetz geändert. Wesentliche Strukturmerkmale des Gerichts erhielten Verfassungsrang und können so von politischen Mehrheiten, die sich dem Grundgesetz nicht verpflichtet fühlen, nicht mit einfacher Mehrheit geändert werden. Da eine unabhängige Justiz Macht begrenzt, ist sie meist einer der ersten Ansatzpunkte autokratischer Bestrebungen. Weitere Strategien sind die Zensur der Medien, Untergrabung von Wahlen und Polarisierung der Gesellschaft. Gerade das deutsche Grundgesetz, nach dem Zweiten Weltkrieg auch als Reaktion auf das Scheitern der Weimarer Republik geschrieben, soll es autokratischen Tendenzen schwer machen. Die „wehrhafte Demokratie“ wurde geschaffen: Feinde der Demokratie sollen sie nicht einfach abschaffen können. An mehreren Stellen ist das im Grundgesetz zu erkennen. Ein Beispiel: die Möglichkeit, verfassungsfeindliche Parteien zu verbieten.
Ungeschriebenen Normen achten
Geschriebene Regeln lassen jedoch Lücken und Interpretationsspielraum, die allgemein anerkannte Verhaltensregeln füllen: „Die ungeschriebenen Normen der Demokratie sind nicht weniger wichtig als die geschriebenen“, sagt Hertwig. Dabei fallen die ungeschriebenen Regeln oft erst auf, wenn sie verletzt werden. Hertwig nennt einige konkrete Beispiele: Wahlergebnisse annehmen. Gerichtsurteile akzeptieren. Den politischen Gegner nicht als Feind abwerten und entmenschlichen. Keine Koalitionen mit Parteien eingehen, die nicht auf dem Boden der Demokratie stehen. Nicht lügen. Keine Verschwörungstheorien verbreiten. Richterinnen und andere Amtsträger nicht diskreditieren oder gar mit Gewalt drohen. „Wie politische Akteure sich äußern, hat große Bedeutung“, sagt Hertwig. „Auch die Sprache, die wir verwenden, ist durch Normen geregelt. Wer unabhängige Medien als ‚Feinde des Volkes‘ bezeichnet, verletzt eine Norm.“ In allen „Beinahe-Katastrophen“ fanden im Vorfeld auch Verletzungen der ungeschriebenen Regeln statt. „Es waren politische Akteure, die schon über längere Zeit Normen und damit die ‚safety layers‘ beschädigten“, sagt Hertwig. So findet eine Normalisierung von Regelverletzungen statt, die das System – die Demokratie – kollabieren lässt.
Welche Bedeutung hat der Zeitgeist? Schließlich verändern sich ungeschriebene Normen, mehr noch als die geschriebenen, im Laufe der Jahre und Jahrzehnte. Das Grundgesetz ist seit 1949 immer wieder ergänzt und geändert worden. Verhaltensweisen, die vor Jahrzehnten gang und gäbe waren, sind heute undenkbar geworden und umgekehrt. Der Unterschied: die Geschwindigkeit der aktuellen Phänomene. Hertwig stellt fest: „Ich sehe hier einen enorm beschleunigten Normenwandel, der systematisch in eine Richtung geht: die Normalisierung der Normverletzung.“ Gerade die aktuellen Vorgänge in den USA seien nicht mit einem Normenwandel vergleichbar, der den Zeitgeist widerspiegelt, sondern ein permanenter, kalkulierter und systematischer Angriff auf die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln demokratischer Institutionen.
Die untersuchten „Beinahe-Katastrophen“ haben gemeinsam: Sie spielen in einer Zeit (weitgehend) ohne Social Media. Der jüngste Fall, eine Verfassungskrise in Südkorea, reicht bis ins Jahr 2017. Das ist noch nicht lange her, doch seitdem hat sich die Welt einschneidend verändert. Soziale Medien sind ein weiterer Player auf dem demokratischen Spielfeld geworden. Eine Metaanalyse von Hertwig und Mitgliedern seines Forschungsbereichs am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung zeigte, dass soziale Medien in bestehenden Demokratien schädliche Wirkungen haben können: Sie treiben Polarisierung voran, verstärken Populismus und zersetzen Vertrauen. Eine positive Wirkung haben soziale Medien eher in Autokratien, da sie dort Partizipation ermöglichen (s. Geomax 31) .
Demokratie stärken
Populismus und Polarisierung einerseits und Normverletzungen durch Entscheidungsträger andererseits stehen in Wechselwirkung und verstärken sich gegenseitig. Dabei ist es – neben starken demokratischen Institutionen – gerade das Eintreten der Öffentlichkeit, das eine Demokratie stärken kann. „Die Öffentlichkeit, das sind letztlich wir alle. Wir als Zivilgesellschaft müssen bereit sein, Normverletzungen konsequent zu widersprechen“, sagt Hertwig. Demonstrationen sind ein Beispiel dafür, was jeder von uns tun kann. Aber auch Widerrede am Stammtisch oder im Arbeitsumfeld. Viele Alltagssituationen bieten die Gelegenheit, Demokratie zu stärken oder zu schwächen. „In jeder Begegnung können wir die Haltung zeigen: ‚Ich möchte in einer Demokratie leben, und ich bin auch bereit, für dieses System einzutreten‘“, sagt Hertwig. Die Grenze dieser Haltung: Niemand sollte sich selbst und andere in Gefahr bringen.
Stehen Wahlen an, ist die Gesellschaft besonders gefordert. Denn eine mächtige Schutzfunktion für die Demokratie hat die Politik, sowohl in Gestalt einzelner Politikerinnen und Politiker, als auch in ihrer Gesamtheit. In welcher Sprache und mit welchem Inhalt sich Personen aus dem politischen Leben äußern, hat Vorbildfunktion. Hier stehen Einzelpersonen in der Verantwortung, aber natürlich auch Parteien und Regierungen, die sich der demokratischen Erosion durch kluge und effiziente Politik und dem Schutz demokratischer Institutionen widersetzen müssen.
Abbildungshinweise:
Titelbild: © freepik.com
Abb. A: © Democracy Report 2025; Grundlage: V-Dem-Datensatz v15. // https://doi.org/10.23696/vdemds25
Abb. B: Verändert nach V-Dem Institute: Democracy Report 2025
Abb. C: © Verändert nach: Abels, C. M. et al. (2023): Dodging the autocratic bullet: enlisting behavioural science to arrest democratic backsliding; https://doi.org/10.1017/bpp.2024.43 // CC BY 4.0
Der Text wird unter CC BY-NC-SA 4.0 veröffentlicht.
GEOMAX Ausgabe 32, Februar 2026; Text: Nina Schick; Redaktion: T. Fendt, E. Maier, M. Hutterer
