Warum Leben auf Biodiversität setzt

Vom Vorteil etwas anders zu sein

Sechs Milliarden Menschen leben auf der Erde. Wir teilen diesen Planeten jedoch mit Trillionen von Tieren und Pflanzen. Welchen Wert die zahlreichen Pflanzen- und Tierarten haben, ist schwer abzuschätzen und leicht zu ignorieren – insbesondere dann, wenn es darum geht, die Ernte für das nächste Jahr sicherzustellen. Ackerflächen liefern einen greifbaren Ertrag, dessen Wert unmittelbar durch die Kräfte des Marktes festgelegt wird. Doch wozu brauchen wir 25 000 Orchideenarten, 1,5 Millionen Pilzarten oder 400 000 verschiedene Fadenwürmer? Fest steht: Auch die moderne Zivilisation beruht nicht nur auf Technik und Kultur, sondern ist in hohem Maße von einer Vielfalt der Organismen abhängig.

Intakte Ökosysteme stellen dem Menschen lebenswichtige Güter und Leistungen – wie z.B. Nahrung, Wasser, Baustoffe, Sauerstoff, Kohlenstoff etc. – quasi kostenlos zur Verfügung. Zwischen den Hunderten von Arten, die das Funktionieren eines Ökosystems ermöglichen, bestehen komplexe Wechselwirkungen. Sie folgen nicht vorhersagbaren Mustern und lassen sich auch nicht ohne weiteres durch einfache Mathematik beschreiben. Gegenwärtig gehen Arten mindestens tausendmal, vielleicht zehntausendmal schneller verloren, als sie durch neue ersetzt werden, und wir beginnen erst langsam zu verstehen, wie einfache Ökosysteme auf den Verlust oder das Hinzufügen einzelner Tier- oder Pflanzenarten reagieren.

Im Verlauf der Erdgeschichte tauchten ständig neue Arten oder Gruppen verwandter Arten auf, während andere ausstarben. Die Evolution neuer Arten ist die Grundlage für biologische Vielfalt. An der Schwelle zum „Jahrhundert der Biologie“ nimmt jedoch der Verlust biologischer Arten weltweit in einer nie zuvor da gewesenen Größenordnung und Geschwindigkeit zu. Die Wettbewerbskräfte am Markt, die in den vergangenen beiden Jahrhunderten erhebliche Fortschritte bei der Erschließung von Rohstoffen bewirkt haben, haben zu Ausbeutungsraten geführt, die zehntausend bis eine Million Mal höher sind als die Geschwindigkeit, mit der diese natürlichen Ressourcen erneuert werden. Ein tiefer gehendes Verständnis des Begriffs „Biodiversität“ gilt daher als eine der großen wissenschaftlichen Herausforderungen und wird wesentlich zu unserer Zukunftsfähigkeit beitragen.

Eine erste systematische Aufstellung der seinerzeit bekannten lebenden Arten verdanken wir dem schwedischen Naturforscher Carl von Linné. Sein 1758 herausgegebenes Werk verzeichnete etwa 9000 Tier- und Pflanzenarten und bildete einen bedeutenden Ausgangspunkt für eine Liste, die sich in den nächsten 200 Jahren auf über eine Million Spezies ausdehnte. Unglücklicherweise müssen wir aber mindestens genauso viele neue Arten erst noch klassifizieren, vielleicht sogar zehnmal so viele.

Und schließlich wird es nicht nur darum gehen, bisher unbekannte Arten zu entdecken; denn Biodiversität findet sich auf verschiedenen hierarchischen Ebenen – auf der Ebene der Ökosysteme ebenso wie auf der Ebene der Lebensgemeinschaften, der Arten, der Populationen und schließlich der Gene. Letztere sind die kleinsten grundlegende Einheiten, auf denen biologische Vielfalt fußt. Und sie sind der „Motor“ der Evolution; denn alle Arten benötigen eine gewisse, über eine Population verteilte Vielfalt an Genen, sollen sie ihre Fähigkeit beibehalten, sich an sich verändernde Umweltbedingungen anzupassen. Ein Gen, das zwar selten, aber dennoch vorhanden ist, könnte genau das richtige sein, wenn eine Population in eine neue Umgebung gedrängt wird.

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