Forscher spüren den Ursachen und Folgen der Migration nach

DEUTSCHLAND WIRD VIELFÄLTIGER

Schon die Bibel erzählt von einem Phänomen, das bis heute immer wieder eine entscheidende Rolle in der Geschichte der Menschheit gespielt hat: Migration. Neben dem sagenumwobenen Auszug der Israeliten aus Ägypten änderten unter anderem die Ausbreitung der Frühmenschen „Out of Africa“, die Kreuzzüge und die Besiedlung Amerikas die Geschicke der Welt. „Menschen sind seit ewigen Zeiten ‚unterwegs‘. Als Sklaven und Wallfahrer, als Eroberer, Flüchtlinge und Händler, oder ganz einfach auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben“‚ sagt Steven Vertovec.

Der US-Amerikaner ist Migrationsforscher und war unter anderem für die Weltbank und die UNESCO als Experte tätig. Seit einigen Jahren ist er Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen. Vertovec kümmert sich nicht nur um längst vergangene lokale oder globale „Umzüge“ des Menschen, ihn interessiert ganz besonders die aktuelle Situation in Sachen Migration. Zusammen mit seinen Kollegen beobachtet und analysiert er, wie die vielen Bevölkerungsbewegungen weltweit in der Praxis „funktionieren“ und welche Prozesse ihnen zugrunde liegen.

Wie wichtig diese Aufgabe gerade jetzt ist, zeigt ein Blick auf die neuesten Zahlen: Demnach gab es im Jahr 2010 über 220 Millionen Migranten weltweit, mehr als doppelt so viele wie 50 Jahre zuvor. Als Einwanderungsland par excellence gelten dabei die Vereinigten Staaten. Ihre bereits Jahrhunderte dauernde Tradition als Migrations-Hotspot hat dazu geführt, dass heute etwa in New York mehr Menschen italienischen Ursprungs leben als in Rom und mehr Irisch-stämmige als in Dublin.

Aber nicht nur die amerikanische, auch die deutsche Gesellschaft verändert sich signifikant. Begonnen hat dies mit den Bevölkerungsverschiebungen in der Zeit des Nationalsozialismus und während des Zweiten Weltkrieges. Danach sorgte der Arbeitskräftemangel im aufstrebenden Wirtschaftswunderland Deutschland dafür, dass sich die Bevölkerungsstruktur weiter veränderte. So strömten infolge diverser Anwerbeabkommen ab 1955 Gastarbeiter aus Italien, Spanien, Griechenland und der Türkei ins Land. 30 Jahre später änderte sich das Migranten-Portfolio dann grundlegend: Hunderttausende Asylbewerber und Spätaussiedler aus Kriegsgebieten wie dem ehemaligen Jugoslawien und der zerfallenden Sowjetunion machten unsere Republik noch internationaler.

„Zunächst wanderten große Gruppen aus wenigen Ländern ein“, fasst Vertovec die Entwicklung der letzten 70 Jahre zusammen. Dann wurde die Zahl der Herkunftsländer immer größer, vor allem aber stieg die Zahl der Nationen aus denen größere Gruppen stammten. Aktuell kommen noch immer die meisten Migranten aus dem europäischen Raum zu uns. Gerade in letzter Zeit hat jedoch die Zuwanderung aus Asien und Afrika erheblich zugenommen. „Mittlerweile leben Menschen aus rund 200 verschiedenen Ländern in Deutschland“ sagt Vertovec. Der Forscher hat seine Kernthesen zur Migration im Konzept „Superdiversität“ zusammengefasst und dann immer weiter ergänzt, konkretisiert und verfeinert. „Superdiversität“ ist daher eine Art Kompendium der zunehmenden gesellschaftlichen Vielfalt in vielen Ländern der Erde.

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