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Wenn es um Maßnahmen gegen den Klimawandel geht, stehen hĂ€ufig technische Lösungen im Vordergrund: Maschinen, die CO₂ aus der Luft filtern, spezielle Baustoffe oder Speicheranlagen. Dabei gerĂ€t leicht aus dem Blick, dass die Natur selbst eine starke VerbĂŒndete im Kampf gegen den Klimawandel sein kann. WĂ€lder, Moore und Ozeane nehmen seit Millionen von Jahren Kohlenstoffdioxid auf – und könnten auch jetzt eine zentrale Rolle im Kampf gegen die ErderwĂ€rmung spielen. Sönke Zaehle vom Max-Planck-Institut fĂŒr Biogeochemie spricht mit Wissenschaftsjournalistin Alice Lanzke darĂŒber, warum diese Senken so wichtig sind, wie sie sich verĂ€ndern und was fĂŒr ihren Schutz nötig ist.

Audiodatei | 20 min, Juni 2025

© MPG / CC BY-NC-ND 4.0

Die Drohnenaufnahme zeigt von oben den Amazonas-Regenwald und wie der ATTO-Forschungsturm ĂŒber die BĂ€ume in die Höhe ragt.

© P. Papastefanou / MPI-BGC

Im Jahr 1958 installierte der amerikanische Chemiker Charles D. Keeling ein MessgerĂ€t fĂŒr Kohlenstoffdioxid (CO2) auf dem Vulkan Mauna Loa auf der Insel Hawaii. Das GerĂ€t stand in rund 3.400 Metern Höhe, weit weg von störenden CO2-Quellen wie Industriegebieten. Keeling wollte den CO2-Gehalt der AtmosphĂ€re bestimmen. Bis dahin gab es dazu nur ungenaue und widersprĂŒchliche Daten. Daher war unklar, ob sich das Treibhausgas durch das Verbrennen von Öl, Gas und Kohle in der AtmosphĂ€re anreichert. Viele Forschende vermuteten, das dabei freigesetzte CO2 wĂŒrde vom Ozean geschluckt. Die vom Menschen verursachte ErderwĂ€rmung war damals bloß eine Theorie.

Keeling machte zwei Entdeckungen: Zum einen stellte er fest, dass die CO2-Konzentration innerhalb eines Jahres schwankt und dem Vegetationszyklus auf der Nordhalbkugel folgt: Im FrĂŒhjahr und Sommer nimmt sie ab, wĂ€hrend sie in der kĂ€lteren JahreshĂ€lfte ansteigt. Zum anderen konnte er bald nachweisen, dass der durchschnittliche CO2-Gehalt in der LufthĂŒlle der Erde tatsĂ€chlich von Jahr zu Jahr zunimmt. Die von Keeling begonnene und bis heute fortgesetzte Messreihe gilt als bedeutendster Umweltdatensatz des 20. Jahrhunderts (Abb. A). Sie zeigte zum ersten Mal, wie die BiosphĂ€re im Rhythmus des jahreszeitlich bedingten Pflanzenwachstums CO2 aus der AtmosphĂ€re aufnimmt und wieder abgibt – und wie der Mensch das Klima des Planeten beeinflusst.

Die Grafik zeigt die Keeling-Kurve. In der x-Achse sind die Jahre, in der y-Achse der CO2-Anteil aufgetragen. Die Keeling-Kurve steigt nicht gleichförmig an, sondern schwingt im Verlauf des Jahres auf und ab. Jeweils am Ende des FrĂŒhjahrs klettert der Wert auf einen neuen Höchststand.

Abb. A: Keeling-Kurve. Die Abbildung zeigt die monatliche durchschnittliche CO2-Konzentration der Luft, gemessen auf dem Mauna Loa in einer Höhe von 3.400 Metern in den nördlichen Subtropen. Die Keeling-Kurve steigt nicht gleichförmig an, sondern schwingt im Verlauf des Jahres auf und ab. Jeweils am Ende des FrĂŒhjahrs klettert der Wert auf einen neuen Höchststand. Das liegt unter anderem daran, dass die WĂ€lder der NordhemisphĂ€re im Winter nur wenig Fotosynthese betreiben und monatelang kaum CO2 aus der Luft aufnehmen, wĂ€hrend Pflanzen und Böden einen Teil des zuvor aufgenommenen Kohlenstoffdioxids durch die Atmung wieder an die AtmosphĂ€re abgeben. Der langfristige Trend hingegen geht hauptsĂ€chlich auf die anthropogen bedingten CO2-Emissionen zurĂŒck.
© Author: Oeneis; Data from Dr. Pieter Tans, NOAA/ESRL and Dr. Ralph Keeling, Scripps Institution of Oceanography / CC BY-SA 4.0

NatĂŒrliche Kohlenstoffspeicher

Vor Beginn der Industrialisierung herrschte zwischen Aufnahme und Freisetzung von Kohlenstoffdioxid im langfristigen Mittel ein Gleichgewicht. Der Mensch aber stört diese Balance, vor allem durch die Nutzung fossiler Rohstoffe, die heutzutage fast 90 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verursacht. Die restlichen zehn Prozent gehen auf das Konto verĂ€nderter Landnutzung. Dazu zĂ€hlen die Umwandlung von WĂ€ldern, GraslĂ€ndern oder Mooren in landwirtschaftliche NutzflĂ€chen und die Verwendung von Holz als Brennstoff, aber auch Siedlungs- und Straßenbau. Zu Beginn der industriellen Revolution waren die daraus resultierenden Emissionen sogar grĂ¶ĂŸer als jene aus dem Verbrennen fossiler Rohstoffe. Erst im Zuge des starken weltweiten Wirtschaftswachstums nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden Öl, Gas und Kohle zur bedeutendsten CO2-Quelle.

Die ErderwĂ€rmung durch die anthropogenen CO2-Emissionen wĂ€re heute noch viel höher, gĂ€be es keine Ökosysteme, die einen Teil des Kohlenstoffdioxids aus der AtmosphĂ€re aufnehmen und speichern. Wie das funktioniert und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen, untersucht das Team von Sönke Zaehle, Direktor am Max-Planck-Institut fĂŒr Biogeochemie in Jena. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen die Kohlenstoffbilanzen von Landökosystemen. Sie wollen verstehen, wie etwa WĂ€lder, GraslĂ€nder und Böden als Quellen und Senken von Treibhausgasen wirken und wie der Mensch und das Klima diese Ökosysteme beeinflussen. „In den vergangenen 60 Jahren haben Ozeane und Landökosysteme etwa die HĂ€lfte der anthropogenen Kohlenstoffdioxid-Emissionen aus der AtmosphĂ€re aufgenommen“, erklĂ€rt Sönke Zaehle (Abb. B). „Die Weltmeere nehmen Kohlenstoffdioxid aus der AtmosphĂ€re auf und lösen es in Form von KohlensĂ€ure. Auf dem Land wirken Pflanzen und Böden als Kohlenstoffspeicher.“ Die Forschung von Sönke Zaehle ist Teil eines globalen Monitorings: Klimaforschende aus der ganzen Welt erstellen jedes Jahr eine Bilanz des globalen Kohlenstoffkreislaufs. Sie beziffern im Global Carbon Report unter anderem die anthropogenen CO2-Emissionen auf der einen sowie die CO2-Aufnahme der LandbiosphĂ€re und der Ozeane auf der anderen Seite.

Die Grafik zeigt das globale Kohlenstoffbudget 2023. Etwa die HĂ€lfte des ausgestoßenen CO2 aus fossilen Energiequellen und LandnutzungsĂ€nderungen wird von Land- und Ozeansenken absorbiert, der Rest verbleibt in der AtmosphĂ€re und trĂ€gt zum Klimawandel bei

Abb. B: Globales Kohlenstoffbudget 2023. Etwa die HĂ€lfte des ausgestoßenen CO2 aus fossilen Energiequellen und LandnutzungsĂ€nderungen wird von Land- und Ozeansenken absorbiert, der Rest verbleibt in der AtmosphĂ€re und trĂ€gt zum Klimawandel bei.
© Global Carbon Project; Data source: Friedlingstein et al. 2023 Global Carbon Budget 2023. Earth System Science Data. // CC BY 4.0; https://globalcarbonatlas.org

Wenn Senken zu Quellen werden

Bis heute gibt es noch keine Technologien, um Kohlenstoffdioxid in großem Maßstab aus der AtmosphĂ€re zu entfernen. Um den Klimawandel einzudĂ€mmen, sind die natĂŒrlichen Senken daher von zentraler Bedeutung, denn ohne diese wĂŒrde die doppelte Menge an CO2 in die AtmosphĂ€re gelangen und die Erde noch schneller aufheizen. Doch die Senken sind zunehmend bedroht – durch menschliche AktivitĂ€ten und auch durch den Klimawandel selbst. Im schlimmsten Fall kann die CO2-Abgabe die Aufnahme sogar ĂŒbersteigen, sodass Pflanzen und Böden zur Netto-CO2-Quelle werden (s. Geomax 25). Das passierte etwa im Jahr 2023 – bis dahin das heißeste jemals aufgezeichnete Jahr, als die Netto-Kohlenstoffaufnahme an Land zeitweise sogar zusammenbrach: Pflanzen und Böden wandelten sich von Kohlenstoffsenken in -quellen.

Menschliche AktivitĂ€ten wie Abholzung, Brandrodung oder die Trockenlegung von Feuchtgebieten, 2020 aber auch Urbanisierung und die Versiegelung von Böden zerstören wertvolle Kohlenstoffspeicher. Der Klimawandel fördert Hitze, DĂŒrren, BrĂ€nde und Überschwemmungen, die das Pflanzenwachstum beeintrĂ€chtigen und CO2 aus dem Boden freisetzen. Die weltweite landwirtschaftliche NutzflĂ€che betrĂ€gt heute rund fĂŒnf Milliarden Hektar – fast 40 Prozent der globalen LandoberflĂ€che. Insbesondere in den Tropen und in anderen LĂ€ndern mit starkem Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum haben Landwirtschaft und Holznutzung stark zugenommen. So geraten die natĂŒrlichen Kohlenstoffreservoirs immer mehr unter Druck. In SĂŒdostasien werden WĂ€lder vor allem fĂŒr den Anbau von Ölpalmen und KautschukbĂ€umen großflĂ€chig gerodet, in Westafrika fĂŒr Kakaoplantagen. Im Amazonasgebiet gilt die Produktion von Rindfleisch, Soja und Zuckerrohr als Haupttreiber der Entwaldung (s. Geomax 24).

Der Einfluss von El Niño

Forschungsgruppenleiter Santiago BotĂ­a und sein Team am Max-Planck-Institut fĂŒr Biogeochemie konzentrieren sich unter anderem auf den Amazonas-Regenwald, der mehr als die HĂ€lfte des weltweit noch verbliebenen tropischen Regenwalds ausmacht. Die Forschenden möchten herausfinden, welche Rolle der Wald als Kohlenstoffsenke spielt, was seine SpeicherkapazitĂ€t beeinflusst und welche Prozesse sich auf den Gehalt von CO2, Methan und Lachgas in der AtmosphĂ€re auswirken. Um die KohlenstoffflĂŒsse nachzuverfolgen, kombinieren sie Messungen von Treibhausgasen an Bodenstationen oder per Flugzeug mit Computersimulationen, die den Gastransport in der AtmosphĂ€re abbilden. Wichtige Messdaten liefert das 325 Meter hohe Amazon Tall Tower Observatory (ATTO) mitten im brasilianischen Regenwald (s. Titelbild). Ziel ist es, Quellen und Senken von Kohlenstoff im Amazonasgebiet zu bestimmen.

„GrundsĂ€tzlich gilt der Amazonas-Regenwald als Kohlenstoffsenke“, sagt Santiago BotĂ­a, „Doch es gibt Hinweise, dass diese Senke durch menschliche Eingriffe sowie klimabedingten Trockenstress schwĂ€cher geworden ist.“ Eine wichtige Rolle dabei spielt El Niño (s. Kasten). El Niño ist ein natĂŒrliches KlimaphĂ€nomen, das die Folgen des menschengemachten Klimawandels wie Hitzewellen, DĂŒrren oder extreme NiederschlĂ€ge verstĂ€rken kann. BotĂ­a und sein Team haben gezeigt, dass die DĂŒrre im Jahr 2023 das Pflanzenwachstum und damit die Kohlenstoffspeicherung beeintrĂ€chtigt hat (Abb. C): „WĂ€hrend eines El Niño wird insbesondere in den Tropen weniger Kohlenstoff gebunden und infolgedessen ist der CO2-Anstieg in der AtmosphĂ€re in der Regel höher als in anderen Jahren“, sagt der Max-Planck-Forscher. Als weiteres Beispiel nennt er den starken El Niño in den Jahren 2015 und 2016. „Damals gab es viele Feuer, die zahllose BĂ€ume vernichtet haben, zusĂ€tzlich hat der Wald wegen Hitze und ausbleibender RegenfĂ€lle weniger CO2 aufgenommen.“

Die Abbildung zeigt, dass der Regenwald CO2 abgeben kann. Von Januar bis April 2023 war die Kohlenstoffaufnahme höher als ĂŒblich. Das Ă€nderte sich im Mai, als der Regenwald begann, mehr CO2 freizusetzen, wobei die höchsten Werte im Oktober gemessen wurden. Da die CO2-Emissionen durch BrĂ€nde innerhalb der normalen Werte der letzten zwei Jahrzehnte lagen, fĂŒhren die Forschenden die Anomalie auf eine verringerte CO2-Aufnahme durch den Regenwald zurĂŒck.

Abb. C: Wenn der Regenwald zur CO2-Quelle wird. Die gestrichelte rote Linie zeigt den zeitlichen Verlauf der CO2-Aufnahme bzw. -Abgabe des Amazonasgebiets fĂŒr das Jahr 2023. Der schattierte Bereich gibt die normalen Werte der letzten zwei Jahrzehnte (2003-2023) an. Die gestrichelte schwarze Linie ist die Netto-Null-Linie, d.h. CO2-Aufnahme und -Abgabe sind ausgeglichen. Von Januar bis April 2023 war die Kohlenstoffaufnahme höher als ĂŒblich. Das Ă€nderte sich im Mai, als der Regenwald begann, mehr CO2 freizusetzen, wobei die höchsten Werte im Oktober gemessen wurden. Da die CO2-Emissionen durch BrĂ€nde innerhalb der normalen Werte der letzten zwei Jahrzehnte lagen, fĂŒhren die Forschenden die Anomalie auf eine verringerte CO2-Aufnahme durch den Regenwald zurĂŒck.
© S. BotĂ­a, MPI fĂŒr Biogeochemie / CC BY 4.0

Dass El Niño dabei auch zu VerĂ€nderungen der jĂ€hrlichen Wachstumsrate des CO2-Gehalts in der AtmosphĂ€re fĂŒhren kann, belegt eine gemeinsame Studie von Forschenden des Max-Planck-Instituts fĂŒr Biogeochemie und der UniversitĂ€t Leipzig: Langzeitdaten hatten gezeigt, dass der CO2-Gehalt in der AtmosphĂ€re zwischen 1959 und 2011 phasenweise besonders stark angestiegen war. Als Ursache vermutete man langfristige klimabedingte VerĂ€nderungen des Kohlenstoffkreislaufs und damit des globalen Klimasystems. Die Forschenden ĂŒberprĂŒften diese Annahme anhand von Computersimulationen – und kamen zu einem anderen Ergebnis: Der hohe Anstieg lĂ€sst sich allein mit dem vermehrten Auftreten von El Niño-Ereignissen in den 1980er- und 1990er-Jahre erklĂ€ren. Hierunter fallen auch die extremen El Niño-Phasen von 1982/83 und 1997/98, die starke DĂŒrren und Hitzewellen in den Tropen mit sich brachten. WĂ€hrend dieser Phasen nahm der CO2-Gehalt in der AtmosphĂ€re ĂŒberraschend schnell zu. Die schnelle Zunahme hĂ€ngt damit zusammen, dass wĂ€hrend der El Niño-Phasen (aber auch anderer klimatischer Extremereignisse) gehĂ€uft auftretende BrĂ€nde und andere Störungen schnell viel Kohlenstoff freisetzen – und so die langfristige, vergleichsweise langsame Kohlenstoffaufnahme der ungestörten Ökosysteme kompensieren. In der Ökologie ist dies bekannt als die sogenannte „slow-in, fast-out-Dynamik“ des Kohlenstoffkreislaufs. Die langfristige Konsequenz davon ist, dass sich VerĂ€nderungen in der HĂ€ufigkeit von El Niños auf den CO2-Gehalt der AtmosphĂ€re auswirken und so eine RĂŒckkopplung zum Klimawandel verursachen können.

Kohlenstoffsenken unter Beobachtung

Das Team von Sönke Zaehle möchte mit seiner Arbeit vor allem dazu beitragen, kĂŒnftige Klimamodelle zu verbessern: „Um verlĂ€sslichere Prognosen fĂŒr die Zukunft zu machen, ist es entscheidend, die rĂ€umliche und zeitliche Dynamik der Kohlenstoffsenken möglichst genau zu kennen“, sagt Zaehle. Das gilt auch fĂŒr Strategien, die auf KlimaneutralitĂ€t abzielen: Der europĂ€ische „Green Deal“ etwa, der Netto-Null-Emissionen bis zum Jahr 2050 anstrebt (s. Geomax 29), kalkuliert die Kohlenstoffaufnahme durch Landökosysteme wie WĂ€lder mit ein. Doch auch in unseren Breiten verlieren WĂ€lder zunehmend ihre FĂ€higkeit, Kohlenstoff zu speichern: Im Jahr 2022 etwa wurden in Europa rekordverdĂ€chtige Temperaturen gemessen. Fast 30 Prozent des Kontinents – insgesamt rund drei Millionen Quadratkilometer – waren von einer schweren Sommertrockenheit betroffen. Ein Forschungsteam unter Beteiligung des Max-Planck-Instituts fĂŒr Biogeochemie wies nach, dass die Netto-Kohlenstoffaufnahme der BiosphĂ€re in diesem Gebiet stark verringert war. Einige WĂ€lder in Frankreich setzten im Sommer durch Trockenstress und WaldbrĂ€nde sogar Kohlenstoff frei. „Solche temporĂ€ren Schwankungen der Kohlenstoffsenken werden bislang kaum berĂŒcksichtigt“, sagt Zaehle. Ein Ziel des europĂ€ische Erdbeobachtungsprogramms Copernicus ist es daher, die Kohlenstoffbilanz kontinuierlich zu ĂŒberwachen.

Ökosysteme stĂ€rken

Studien wie die der Jenaer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zeigen, wie fragil die natĂŒrlichen Kohlenstoffsenken sind. Dass wir uns auch weiterhin auf sie verlassen können, ist keineswegs sicher: „Inwieweit die terrestrischen Kohlenstoffsenken ihre Funktion als Klimapuffer in Zukunft noch erfĂŒllen  können, ist unklar“, sagt Santiago BotĂ­a. „Bei der derzeitigen globalen ErwĂ€rmung sind extreme DĂŒrrejahre hĂ€ufiger zu erwarten und werden wohl Teil der neuen  NormalitĂ€t“. Es ist daher entscheidend, dass wir uns auf diese VerĂ€nderungen vorbereiten und die Funktion der Ökosysteme erhalten. „Wichtig ist, die natĂŒrlichen Kohlenstoffsenken zu stĂ€rken – zum Beispiel durch Aufforstung von  WĂ€ldern, die WiedervernĂ€ssung von Mooren und eine nachhaltige Landwirtschaft, die den Kohlenstoffgehalt von Böden erhöht und weniger Treibhausgase produziert“, sagt Sönke Zaehle. „Neben dem Erhalt der natĂŒrlichen Senken ist aber eine Reduzierung der fossilen Emissionen unerlĂ€sslich, um den Klimawandel zu stoppen. Jede Tonne Kohlenstoffdioxid, die wir vermeiden, zĂ€hlt.”

Die sogenannte El Niño-SĂŒdliche Oszillation (ENSO) ist ein gekoppeltes Zirkulationssystem von Ozean und AtmosphĂ€re im tropischen Pazifik. Normalerweise schieben die Passatwinde das OberflĂ€chenwasser entlang des Äquators von der WestkĂŒste SĂŒdamerikas  in Richtung SĂŒdostasien. Dort steigt der Meeresspiegel infolgedessen um gut einen halben Meter an. Vor SĂŒdamerika erzeugt diese westwĂ€rtige Strömung einen Sog, der kaltes Tiefenwasser zur OberflĂ€che strömen lĂ€sst. Das kalte Wasser heizt sich auf dem Weg nach Westen auf, was vor SĂŒdostasien fĂŒr starke Verdunstung und ein regenreiches Klima sorgt. Etwa alle fĂŒnf Jahre passiert es, dass  sich die Passatwinde aufgrund von VerĂ€nderungen der LuftdruckverhĂ€ltnisse ĂŒber dem Pazifik abschwĂ€chen oder ihre Richtung  sogar umkehren. Dadurch strömt warmes Wasser aus dem Westpazifik nach Osten. An der sonst trockenen WestkĂŒste SĂŒdamerikas kommt es dadurch zu starken NiederschlĂ€gen, wĂ€hrend in SĂŒdost-asien weniger Regen fĂ€llt. Weil das PhĂ€nomen seinen Höhepunkt typischerweise um Weihnachten erreicht, wird es El Niño, spanisch „das Christkind“, genannt.

 

Abbildungshinweise:

Titelbild: © P. Papastefanou / MPI-BGC
Abb. A: © Author: Oeneis; Data from Dr. Pieter Tans, NOAA/ESRL and Dr. Ralph Keeling, Scripps Institution of Oceanography / CC BY-SA 4.0
Abb. B: © Global Carbon Project; Data source: Friedlingstein et al. 2023 Global Carbon Budget 2023. Earth System Science Data. // CC BY 4.0; https://globalcarbonatlas.org
Abb. C: © S. BotĂ­a, MPI fĂŒr Biogeochemie / CC BY 4.0

Der Text wird unter CC BY-NC-SA 4.0 veröffentlicht.

GEOMAX Ausgabe 30, Februar 2025; Text: Tim Kalvelage; Redaktion: Elke Maier, Tanja Fendt

Der Klimawandel hinterlĂ€sst seine Spuren: DĂŒrren und Starkregen im Wechsel beeinflussen die QualitĂ€t unseres Grundwassers, weil die ausgetrockneten Böden das Regenwasser schlechter filtern. Ein GesprĂ€ch mit Gerd Gleixner vom Max-Planck-Institut fĂŒr Biogeochemie in Jena.

Themen im Podcast:
min 1:50 Wie gefÀhrden Extremereignisse unser Trinkwasser?
min 2:50 Standorte fĂŒr die Probenentnahme
min 4:14: Verwendete Messtechniken
min 5.24: Ergebnisse der Forschung
mih 6.30: Auswirkung des Hitzejahres 2018
min 8:08: Welche Stoffe gelangen ins Trinkwasser?
min 11:00: Auswirkungen / Folgerungen
min 13:40: NĂ€chste Schritte in der Forschung

Zum Podcast (16 min) vom 6. Februar 2025 © detektor.fm / Max-Planck-Gesellschaft

HintergrĂŒnde zur Langzeitstudie


Foto: © Drbouz / istock

Die Sammlung enthÀlt Aufgaben zu folgenden Themen:

Diagrammbeschreibung  / ZusammenhĂ€nge Feuer und NiederschlĂ€ge im Amazonas-Regenwald / MindMap zum Video „WaldbrĂ€nde im Amazonas-Regenwald“

Unterrichtsmaterial zum Geomax 24 (aktualisierte Ausgabe 2024)

Im Amazonasgebiet kommt es immer wieder zu BrÀnden, vor allem wÀhrend der Trockenzeit von September bis November. Im Jahr 2023 haben sich die Feuer aufgrund einer massiven Trockenheit vermehrt auch in PrimÀrwaldgebieten ausgebreitet.

© Grafik: S. Brill, MPI fĂŒr Chemie / CC BY-NC-SA 4.0; Daten: Niederschlag: ATTO-Projekt;  Feuer: https://panorama.sipam.gov.br und https://terrabrasilis.dpi.inpe.br

Fischereischiff auf dem Meer mit ausgefahrenem Netz

© taylanibrahim / istock / HNBM

Vor der ostkanadischen Insel Neufundland, dort wo der warme Golfstrom auf den kalten Labradorstrom trifft, liegt einer der reichsten FischgrĂŒnde der Erde: die Grand Banks, eine Reihe flacher Unterwasserplateaus auf dem nordamerikanischen Kontinentalschelf. BerĂŒhmt wurde die Region einst fĂŒr ihre riesigen KabeljaubestĂ€nde. Schon bevor Kolumbus Amerika entdeckte, segelten baskische Fischer wegen des Kabeljaus quer ĂŒber den Atlantik. Ab Mitte des letzten Jahrhunderts  plĂŒnderten immer grĂ¶ĂŸere Trawler – vor allem aus Europa und der Sowjetunion – die FischreichtĂŒmer. Auf dem Höhepunkt wurden an den Grand Banks im Jahr 1968 mehr als 800.000 Tonnen Kabeljau gefangen. In den Folgejahren kollabierten die BestĂ€nde, sodass Kanadas Regierung 1992 ein Fangverbot verhĂ€ngte. 40.000 Menschen in den Provinzen Neufundland und Labrador verloren ihre Jobs in der Fischerei.

Trotz mehrjĂ€hrigen Fangverbots und noch immer drastisch reduzierter Fangquoten haben sich die KabeljaubestĂ€nde an den Grand Banks bis heute nicht erholt. Stattdessen ist der Zusammenbruch der dortigen Kabeljaufischerei zum Symbol geworden fĂŒr die Ausbeutung der Ozeane durch den Menschen und den RĂŒckgang vieler Fischpopulationen. In den vergangenen Jahrzehnten sind die weltweiten Fangflotten in immer entlegenere Gebiete vorgedrungen und haben ihre Netze und Leinen in immer grĂ¶ĂŸeren Tiefen ausgebracht, um die Nachfrage nach Fisch und anderen Meerestieren zu bedienen.

Nahrungslieferant Ozean

Fischfang und das Sammeln von MeeresfrĂŒchten wie Muscheln spielen seit Tausenden von Jahren eine wichtige Rolle fĂŒr die ErnĂ€hrung der KĂŒstenbewohner der Erde. Im Laufe der Zeit wurden ihre Boote besser und die Netze grĂ¶ĂŸer und sie wagten sich immer weiter aufs Meer hinaus. Im Mittelalter florierte der Handel mit getrocknetem und gesalzenem Fisch, etwa rund um die Ostsee oder zwischen Westeuropa und Nordamerika. Angesichts der endlosen Weiten der Ozeane und der riesigen FischschwĂ€rme schienen die lebenden marinen Ressourcen einst unerschöpflich. Dann kam die Industrielle Revolution: Dampfschiffe, die schneller waren als Segelschiffe und weniger abhĂ€ngig von Wind oder Gezeiten, eroberten die Weltmeere. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Harpunenkanone erfunden und das große Schlachten der Wale begann. Manche Arten waren binnen weniger Jahrzehnte nahezu ausgerottet. Nach dem 2. Weltkrieg schließlich ermöglichten hochseetaugliche KĂŒhlschiffe, elektronische Navigationssysteme und Echolote den Aufstieg der industriellen Fischerei. Heute werden laut der WelternĂ€hrungsorganisation (Food and Agriculture Organization – FAO) von den rund 30.000 Fischarten im Ozean mehr als 1.700 kommerziell genutzt. Sie landen auf unseren Tellern oder werden als Pellets in der Aquakultur und der Landwirtschaft verfĂŒttert. FĂŒr Milliarden von Menschen sind sie eine essenzielle Proteinquelle: 17 Prozent des tierischen Eiweißes, das weltweit verzehrt wird, stammen aus dem Ozean oder aus SĂŒĂŸgewĂ€ssern. Fischereiprodukte leisten damit einen wichtigen Beitrag zur globalen ErnĂ€hrungssicherheit. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts ist der Hunger nach Fisch und MeeresfrĂŒchten jedoch stark gestiegen:  Die Weltbevölkerung hat sich seither mehr als verdreifacht, und pro Kopf wird heute die doppelte Menge an Fisch gegessen – ca. 20 Kilogramm jĂ€hrlich. Fangstatistiken und wissenschaftliche Studien zeigen eindringlich, dass die Nutzung der marinen Ressourcen durch den Menschen die Grenzen der Nachhaltigkeit lĂ€ngst ĂŒberschritten hat. Vielerorts wird dem Ozean mehr Fisch entnommen, als nachwachsen kann.

RĂ€uber und Beute

FĂŒr ein besseres VerstĂ€ndnis der ProduktivitĂ€t der Ozeane hilft ein Blick auf die marinen Nahrungsbeziehungen und den damit verbundenen Transfer von Kohlenstoff und Energie. Betrachtet man ausgewĂ€hlte Organismen in einem Ökosystem – etwa in einem Korallenriff – dann lassen sich ihre Nahrungsbeziehungen als lineare Nahrungsketten darstellen. In Wirklichkeit jedoch sind Fische, Wirbellose und andere Meerestiere in komplexen  Nahrungsnetzen miteinander verknĂŒpft (Abb. A). Denn viele besitzen ein breites Beutespektrum und stehen selbst auf dem Speisezettel verschiedener RĂ€uber, mit denen sie zum Teil um Nahrung konkurrieren. Je nach Futterquelle besetzen Organismen unterschiedliche ErnĂ€hrungsstufen – oder trophische Ebenen.

Grafische Darstellung der ozeanischen Nahrungskette mit verschiedenen Fischarten und Planktonstufen.

Abb. A: Marines Nahrungsnetz
© World Ocean Review Nr. 2, maribus gGmbH, Hamburg 2013

Auf der niedrigsten Stufe stehen die PrimĂ€rproduzenten, die Kohlenstoffdioxid und Wasser mittels Fotosynthese in Zucker und Sauerstoff umwandeln. Sie ernĂ€hren direkt oder indirekt alle Konsumenten. Die wichtigsten Produzenten im Ozean sind frei schwebende Mikroalgen und Cyanobakterien: das Phytoplankton. Es bildet die Nahrungsgrundlage fĂŒr Zooplankton – kleine Krebstiere, Fischlarven und Quallen, die mit der Strömung treiben. Krill und anderes Zooplankton wiederum landen in den MĂ€ulern von Heringen, Makrelen, Walhaien und Blauwalen. Höhere trophische Ebenen gehören schnellen RĂ€ubern wie Schwert- und Thunfischen oder Delfinen, die Schwarmfische erbeuten. Am Ende der Nahrungskette jagen Weiße Haie, Orcas und Pottwale – SpitzenprĂ€datoren, die keine natĂŒrlichen Feinde haben.

Muster im Meer

Forschende um den Biologen Ian Hatton vom Leipziger Max-Planck-Institut fĂŒr  Mathematik in den Naturwissenschaften haben untersucht, wie zahlreich Plankton Fische und MeeressĂ€uger im Ozean sind und welche Masse sie auf die Waage bringen. Dabei machten die Forschenden eine verblĂŒffende Entdeckung. Ausgangspunkt der Studie waren  Beobachtungen, die kanadische Wissenschaftler bereits im Jahr 1972 gemacht hatten. Diese hatten in Wasserproben aus dem Atlantik und Pazifik rund um Nord- und SĂŒdamerika Plankton gezĂ€hlt und dessen GrĂ¶ĂŸe bestimmt. Dabei stellten sie fest, dass Organismen umso hĂ€ufiger vorkommen, je kleiner sie sind. Viel erstaunlicher jedoch war: Wenn sie das Plankton in logarithmische GrĂ¶ĂŸenklassen einteilten (1-10 ”m, 10-100 ”m usw.), dann entfiel auf jede GrĂ¶ĂŸenklasse der gleiche Anteil der Planktonbiomasse. In anderen Worten: GrĂ¶ĂŸere Organismen machen ihre zahlenmĂ€ĂŸige Unterlegenheit gegenĂŒber kleineren durch ein höheres Gewicht wett. Auf Basis der Ergebnisse formulierten sie die kĂŒhne Hypothese, dass sich dieses Muster in den Weltmeeren von mikroskopischen Einzellern bis hin zu riesigen Walen erstreckt. „Allerdings war die Hypothese bisher nie getestet worden“, erklĂ€rt Hatton, „denn lange Zeit fehlte es dafĂŒr an Daten.“ FĂŒnf Jahrzehnte spĂ€ter gab es genug Daten um zu ĂŒberprĂŒfen, ob die Verteilung der marinen Biomasse tatsĂ€chlich diesem Muster folgte. Hatton und sein Team berechneten zunĂ€chst die Biomasse fĂŒr die Zeit vor 1850, als die Meere noch relativ unberĂŒhrt waren. Die weltweite Menge an Phytoplankton schĂ€tzten sie anhand von Satellitendaten ab, die heute routinemĂ€ĂŸig zur Bestimmung der PrimĂ€rproduktion im Ozean genutzt werden. Hunderttausende Wasserproben, die ĂŒber Jahrzehnte rund um den Globus gesammelt worden waren, lieferten Zahlen fĂŒr Zooplankton und Bakterien. Beim Plankton nahmen die Forschenden an, dass die Menge seit der Industriellen Revolution konstant geblieben ist. „Die grĂ¶ĂŸte  Herausforderung war eine AbschĂ€tzung der Fischbiomasse“, sagt Hatton. „Fische sind schwer zu erfassen, da sie wandern, Netzen entgehen und konzentriert in SchwĂ€rmen auftreten.“ Letztlich wurden die historischen FischbestĂ€nde anhand von weltweiten Fangdaten und mithilfe von Computermodellen ermittelt. FĂŒr Robben, Wale und andere MeeressĂ€uger griff das Team auf  regelmĂ€ĂŸige TierzĂ€hlungen zurĂŒck sowie auf SchĂ€tzungen, die in die Vergangenheit extrapoliert wurden.

Diagramm illustriert Biomasseverteilung von Organismen, von Bakterien bis SÀugetiere, nach Körpergewicht.

Abb. B: Ozean aus dem Gleichgewicht. Die 23 Gewichtsklassen mariner Organismen sind als SĂ€ulen dargestellt. Die Farben der SĂ€ulen entsprechen dem relativen Anteil der jeweiligen Gruppe. Der schraffierte Bereich (pink) zeigt, wie stark der Mensch inzwischen die BestĂ€nde der großen Meeresbewohner durch Fischerei und Walfang reduziert hat.
© I. Hatton, MPI fĂŒr Mathematik in den Naturwissenschaften / CC-BY-NC-SA 4.0

Nachdem die Forschenden die Anzahl der Lebewesen und deren Biomasse fĂŒr den globalen Ozean beziffert hatten, teilten sie diese in logarithmische Gewichtsklassen (1-10 g, 10-100 g usw.) ein. Das Körpergewicht mariner Organismen umfasst 23 GrĂ¶ĂŸenordnungen, vom weniger als ein Billionstel Gramm schweren Bakterium bis hin zum mehr als 100 Tonnen schweren Blauwal. In der Tat bestĂ€tigte sich die 50 Jahre alte Hypothese: Bevor der Mensch das Ökosystem Meer weitreichend verĂ€nderte, war die Biomasse ĂŒber alle GrĂ¶ĂŸenklassen hinweg erstaunlich konstant – zumindest in den produktiven obersten 200 Metern der WassersĂ€ule. Damals betrug die Biomasse je Gewichtsklasse rund eine Milliarde Tonnen; nur an den Enden des GrĂ¶ĂŸenspektrums, bei Bakterien und Walen, wichen die Werte nach oben bzw. unten ab (Abb. B). Worauf die RegelmĂ€ĂŸigkeit beruht, sei noch nicht klar, so Hatton. „Möglicherweise hĂ€ngt es mit dem Kohlenstoff- und Energietransfer entlang der Nahrungskette zusammen, wie viele Forschende annehmen.“ Auch der Stoffwechsel, das Wachstum und die Fortpflanzung mariner Organismen könnten eine Rolle spielen. Klar ist jedoch: „Der Mensch hat dieses Naturgesetz der Meere gebrochen.“ Das sagt Hatton beim Blick auf die heutige Verteilung der Biomasse im Ozean. Die Studie offenbart einen dramatischen RĂŒckgang fĂŒr das obere Drittel des GrĂ¶ĂŸenspektrums gegenĂŒber dem vorindustriellen Zeitalter (Abb. B). Seit 1800 hat die Biomasse von Fischen und MeeressĂ€ugern um rund zwei Milliarden Tonnen abgenommen, das entspricht einem Verlust von 60 Prozent. Bei den grĂ¶ĂŸten Walen betrĂ€gt er sogar fast 90 Prozent. Man schĂ€tzt, dass allein im 20. Jahrhundert knapp drei Millionen Tiere getötet wurden, unter anderem zur Gewinnung von Lampenöl, Margarine oder Nitroglycerin fĂŒr Munition. Zwar wird heute kein kommerzieller Walfang mehr praktiziert – mit Ausnahme von Island, Japan, und Norwegen. Doch viele Populationen sind weit entfernt von ihrer einstigen Biomasse. Auch die Auswirkungen der industriellen Fischerei auf das Ökosystem sind unĂŒbersehbar. Insbesondere große RĂ€uber auf hohen trophischen Ebenen wie Schwert- und Thunfische oder Haie sind vielfach verschwunden.

Weiße Flecken in der Fangstatistik

In ihrem aktuellen Fischereibericht beziffert die FAO die weltweite Produktion von Fisch und MeeresfrĂŒchten fĂŒr das Jahr 2020 auf knapp 180 Millionen Tonnen (Abb. C).  Nahezu die HĂ€lfte davon waren Wildfische aus dem Meer. Fast jeder zweite Speisefisch stammt heute aus der Aquakultur und wĂ€chst in Zuchtteichen oder in KĂ€figen im Meer auf. Aquakultur ist der am schnellsten wachsende Sektor der Nahrungsmittelproduktion und hat in der Vergangenheit oft zu großflĂ€chigen Umweltzerstörungen gefĂŒhrt. FĂŒr die Garnelenzucht etwa werden in SĂŒdostasien MangrovenwĂ€lder abgeholzt, die wichtige Kinderstuben fĂŒr Fische sind und KĂŒsten vor Erosion schĂŒtzen. Auch der Bedarf an Futterfischen und die GewĂ€sserbelastung durch Futterreste und Fischkot sind ein Problem.

Die Fangstatistik der FAO basiert auf den offiziellen Fischereidaten, die Staaten an die UN-Behörde ĂŒbermitteln. Wie hoch die tatsĂ€chlichen Fangmengen sind, ist unklar. Forschende des Projekts „Sea Around Us“ schĂ€tzen, dass ein Viertel aller gefangenen Meeresfische nicht in der FAO-Statistik auftaucht, weil sie illegal angelandet, nicht berichtet oder als Beifang wieder ĂŒber Bord geworfen wurden. Zudem fehlen in der FAO-Statistik die Fangmengen kleiner Schwarmfische wie Sardinen und Heringe, die als Futtermittel wie Fischmehl oder Fischöl enden. Dabei machen diese geschĂ€tzte 25 Prozent der globalen Fangmenge aus.

Diagramm zur Entwicklung der Fischproduktion von 1950 bis 2020: Marine Fischerei, Binnenfischerei, Marine Aquakultur und Binnenaquakultur in Millionen Tonnen.

Abb. C: Entwicklung von Fischfang und Aquakultur. Im Jahr 2020 wurden weltweit 90 Millionen Tonnen Meerestiere gefangen und 88 Millionen Tonnen Fischereiprodukte in Aquakultur produziert. Von der Gesamtproduktion entfallen 63 Prozent auf die Meere und 37 Prozent auf BinnengewÀsser.
© VerÀndert nach FAO: The State of World Fisheries and Aquaculture, 2022

Nachhaltige Nutzung der Meere

Welche Maßnahmen könnten den RĂŒckgang der FischbestĂ€nde aufhalten und dennoch langfristig hohe FischereiertrĂ€ge sichern, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernĂ€hren? Experten fordern seit langem, rund ein Drittel der Meere als Schutzgebiete auszuweisen, besonders artenreiche Regionen sowie wichtige LaichgrĂŒnde und Kinderstuben. Durch Abwanderung in benachbarte, nicht geschĂŒtzte Gebiete könnten sich die dortigen Populationen erholen. Gleichzeitig sollten BestĂ€nde nicht bis an ihre Belastungsgrenze ausgebeutet werden, damit es nicht zum Kollaps kommt, wenn sich Umweltbedingungen verĂ€ndern und die Reproduktionsrate sinkt. Nachhaltiges Fischereimanagement beinhaltet, Zielarten nicht isoliert zu betrachten, sondern auch ihre Rolle im Ökosystem zu berĂŒcksichtigen. Zum Beispiel verschwinden große Raubfische, wenn ihre Beute zu stark befischt wird. Mehr als 95 Prozent des globalen Fischfangs findet innerhalb von 200 Seemeilen vor den KĂŒsten statt (in der sog. Ausschließlichen Wirtschaftszone). In vielen LĂ€ndern mĂŒssten Fischereigesetze verschĂ€rft und die illegale Fischerei stĂ€rker verfolgt werden.

Fortschritte gibt es beim Schutz der Hochsee, die sich an die 200-Seemeilen-Zone anschließt. Im FrĂŒhjahr 2023 haben sich die Vereinten Nationen nach jahrelangen Verhandlungen auf ein Abkommen geeinigt. Bisher war dieses riesige Gebiet, das fast 60% der Weltmeere umfasst, ein nahezu rechtsfreier Raum. Geplant ist, mindestens 30 Prozent der Weltmeere unter Schutz zu stellen. Wirtschaftliche Projekte, Expeditionen und andere AktivitĂ€ten in den Meeren sollen zukĂŒnftig auf ihre UmweltvertrĂ€glichkeit geprĂŒft und die biologische Vielfalt der Hochsee unter international verbindlichen Schutz gestellt werden. Jetzt kommt auf es auf die schnelle und ernsthafte Umsetzung in den MitgliedslĂ€ndern an.

 

Abbildungshinweise:
Titelbild © taylanibrahim / istock //  HNBM
Abb. A: © World Ocean Review Nr. 2, maribus gGmbH, Hamburg 2013
Abb. B: © I. Hatton, MPI fĂŒr Mathematik in den Naturwissenschaften / CC BY-NC-SA 4.0

Abb. C: VerÀndert nach FAO: The State of World Fisheries and Aquaculture, 2022

Der Text wird unter CC BY-NC-SA 4.0 veröffentlicht.

GEOMAX Ausgabe 27, FrĂŒhjahr 2023; Autor: Dr. Tim Kalvelage; Redaktion: Dr. Tanja Fendt

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Woher kommst du? In diesem Video zeigen MrWissen2go und Johannes Krause vom Max-Planck-Institut fĂŒr Menschheitsgeschichte, dass Europa in mehreren Einwanderungswellen besiedelt worden ist. Wissenschaftler kommen deshalb zu dem Schluss: Wir sind alle Migranten. Außerdem sind die genetischen Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen sehr gering. Es gibt deshalb keine menschlichen Rassen. Äußere Unterschiede wie zum Beispiel die Hautfarbe sind nur Anpassungen an die jeweiligen Lebensbedingungen.

[Dauer des Videos: 11 min]

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Brandrodung im Amazonas-Regenwald: Verkohlte BaumstÀmme und Rauch in einem Waldgebiet nach dem Abbrennen.

©  Adobe Stock / Imago Photo

Verkohlte BaumstĂŒmpfe, wo einst ĂŒppige TropenwĂ€lder standen: Vor allem wĂ€hrend der Trockenzeit breiten sich im brasilianischen Amazonasgebiet immer wieder Feuer aus und fĂŒhren zu großer Zerstörung. Die meisten der BrĂ€nde sind menschengemacht. Um neue Areale fĂŒr die Landwirtschaft zu gewinnen, werden WaldflĂ€chen abgeholzt und anschließend in Brand gesteckt. Die BrĂ€nde bedrohen nicht nur einzigartige Ökosysteme. Sie haben auch Auswirkungen auf das Weltklima.

„Feuer sind in dieser Region mittlerweile nichts mehr Ungewöhnliches“, sagt Sebastian Brill, Wissenschaftler am Max-Planck-Institut fĂŒr Chemie in Mainz. Beginnend mit dem Bau der Fernstraße Transamazonica in den 1970er-Jahren und den zunehmenden menschlichen Eingriffen brennt es dort inzwischen jedes Jahr. Die Brandsaison 2023 fiel allerdings besonders dramatisch aus: „Auf den ersten Blick sticht das Jahr in der Statistik nicht  heraus, weil meist nur die Gesamtzahl der BrĂ€nde erfasst wird“, sagt Brill, der in der Arbeitsgruppe von Christopher Pöhlker forscht. „Doch Feuer ist nicht gleich Feuer. Entscheidend sind die  FlĂ€che, die Dauer des Brandes und vor allem, welcher Vegetationstyp betroffen ist.“ WĂ€hrend normalerweise vermehrt solche FlĂ€chen brennen, die bereits landwirtschaftlich genutzt wurden oder auf denen SekundĂ€rvegetation wĂ€chst, haben sich die Feuer im Jahr 2023 vermehrt auch in PrimĂ€rwaldgebieten ausgebreitet (Abb. A) – in Arealen also, die normalerweise sehr feucht und daher nicht feuergefĂ€hrdet sind.

Balkendiagramm vergleicht Feueranzahl und Niederschlag in PrimÀrwald des Amazonasgebietes und die Vegetation von Juli 2022 bis Juni 2024

Abb. A: Feuersaison in Amazonien. Im Amazonasgebiet kommt es immer wieder zu BrÀnden, vor allem wÀhrend der Trockenzeit von September bis November. Im Jahr 2023 haben sich die Feuer aufgrund einer massiven Trockenheit vermehrt auch in PrimÀrwaldgebieten ausgebreitet.
© Grafik: S. Brill, MPI fĂŒr Chemie / CC BY-NC-SA 4.0 (Datenquellen s.u.)

Diesmal herrschte in Amazonien allerdings eine ungewöhnliche Trockenheit, als Folge von El Niño (s. Geomax 30). Dieses natĂŒrliche KlimaphĂ€nomen verĂ€ndert die globalen Zirkulationsmuster und fĂŒhrt in manchen Gegenden zu Überschwemmungen, in anderen zu DĂŒrren. Aufgrund der Trockenheit fraßen sich die Feuer auch durch Regionen mit unberĂŒhrter Vegetation. „Wenn Feuer auf Regenwaldgebiete ĂŒbergreifen, schwelen sie dort manchmal wochenlang“, sagt Sebastian Brill. Da TropenwĂ€lder im Gegensatz zu manchen anderen Ökosystemen nicht an saisonale BrĂ€nde angepasst sind, verursachen dort Feuer mitunter immense SchĂ€den. Die meisten BrĂ€nde im Amazonasgebiet werden dabei vorsĂ€tzlich gelegt: Brasilien, auf dessen Territorium der grĂ¶ĂŸte Teil des Amazonas-Regenwalds liegt, zĂ€hlt zu den LĂ€ndern mit den höchsten Entwaldungsraten weltweit. Kleinbauern, Großgrundbesitzer und Spekulanten legen Feuer, um durch Brandrodung illegal neue FlĂ€chen fĂŒr die Landwirtschaft zu gewinnen und fĂŒr sich zu beanspruchen. Die staatlichen BemĂŒhungen reichen nicht aus, um diesen Landraub effektiv einzudĂ€mmen.

Der rot-weiße Messturm des Amazon Tall Tower Observatory (ATTO) ragt zwischen grĂŒnen Baumkronen in den blauen Himmel empor.

Abb. B: Forschung in luftiger Höhe. Das Amazon Tall Tower Observatory (ATTO) ragt weit ĂŒber das BlĂ€tterdach des Regenwalds hinaus.
© S. Brill, MPI fĂŒr Chemie / CC BY-NC-SA 4.0

Christopher Pöhlker und sein Team am Mainzer Max-Planck-Institut fĂŒr Chemie möchten herausfinden, welchen Einfluss die BrĂ€nde auf das Klima und die NiederschlĂ€ge in der Region haben. Sie arbeiten dazu in einem einzigartigen brasilianisch-deutschen Gemeinschaftsprojekt mit: dem Amazon Tall Tower Observatory, kurz ATTO (Abb. B). Das Observatorium besteht aus drei TĂŒrmen, die rund 150 Kilometer nordöstlich der Stadt Manaus mitten im Regenwald stehen und mit hochempfindlichen MessgerĂ€ten ausgestattet sind. Der höchste davon misst 325 Meter – etwas weniger als der Eiffelturm. Mit ATTO können die Forschenden Daten ĂŒber Regenwaldmeteorologie und -ökologie, Treibhausgase sowie in der AtmosphĂ€re enthaltene Teilchen – sogenannte Aerosole – sammeln. Das ermöglicht ihnen, Wolkeneigenschaften und Niederschlagsmuster zu untersuchen und sie mit dem Auftreten von WaldbrĂ€nden in Zusammenhang zu bringen.

Roden fĂŒr Ackerbau und Viehzucht

Der Amazonas-Regenwald bedeckt aktuell noch eine FlĂ€che von etwa 5,5 Millionen Quadratkilometern und ist damit das grĂ¶ĂŸte Regenwaldgebiet der Erde. Zum Vergleich: Die LandflĂ€chen von Deutschland und Frankreich umfassen zusammengenommen rund eine Million Quadratkilometer. Die Amazonasregion ist nicht nur ein Hotspot der biologischen Vielfalt und Heimat fĂŒr 385 indigene Völker. Sie ist auch das weltgrĂ¶ĂŸte SĂŒĂŸwasserreservoir und spielt eine SchlĂŒsselrolle im Klimageschehen. In den vergangenen Jahrzehnten ist das Amazonasgebiet jedoch zum Spielball wirtschaftlicher Interessen geworden und gerĂ€t immer mehr unter Druck. Ein FĂŒnftel des Amazonas-Regenwalds wurde bereits zerstört. Haupttreiber der Entwaldung sind Rinderzucht und Sojaanbau.

Erntemaschinen bei der Soja-Ernte im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso

Abb. C: Soja-Monokulturen. Soja, so weit das Auge reicht: Wo einst artenreicher Regenwald stand, wachsen heute ausgedehnte Monokulturen. Auf dieser Farm im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso wird gerade die Ernte eingefahren. Der Großteil davon landet als Viehfutter in der Massentierhaltung. Ein wichtiger Abnehmer ist Deutschland.
© istock / alffoto

Brasilien beherbergt neben rund 210 Millionen Einwohnern derzeit etwa 230 Millionen Rinder (Stand 2024). Das Land zĂ€hlt damit zu den fĂŒhrenden Rindfleisch-Produzenten weltweit. Mehr als ein Drittel der Tiere leben in der Amazonasregion. Noch lukrativer als die Rinderzucht ist der Sojaanbau, der sich mit staatlicher Förderung zu einem hochtechnisierten Wirtschaftszweig entwickelt hat (Abb. C). Brasiliens Sojaplantagen bedecken aktuell rund 433.000 Quadratkilometer – eine FlĂ€che, die grĂ¶ĂŸer ist als Deutschland. Rund zwei Drittel der Pflanzen wachsen im Amazonasgebiet. Die eiweißreichen Sojabohnen werden vor allem in der Tiermast verfĂŒttert und sind die Grundlage fĂŒr die rasant wachsende Massentierhaltung in den Industrienationen. Zu den grĂ¶ĂŸten Abnehmern zĂ€hlt die EU. Innerhalb Europas belegt Deutschland den Spitzenplatz. Die Zerstörung des Amazonas-Regenwalds folgt hĂ€ufig demselben Schema: Zuerst werden die wertvollen BĂ€ume gefĂ€llt, dann Feuer gelegt, um WeideflĂ€chen zu schaffen. Die Rinderhaltung ist allerdings nur kurzzeitig profitabel, weil der Boden sehr arm an NĂ€hrstoffen ist. Bald werden die FlĂ€chen daher aufgekauft und fĂŒr den Anbau von großteils gentechnisch verĂ€ndertem Soja genutzt – unter massivem Einsatz von DĂŒnger und Pestiziden. Im Anschluss werden neue Areale niedergebrannt. So fressen sich riesige Viehweiden und gigantische, monotone Sojafelder immer tiefer in die Waldgebiete.

Klimapuffer auf der Kippe

Auf diese Weise geht nicht nur ein einzigartiger Lebensraum verloren. Auch das Klima droht aus dem Gleichgewicht zu geraten: Allein durch seine GrĂ¶ĂŸe spielt der Amazonas-Regenwald eine wichtige Rolle im globalen Kohlenstoffkreislauf (s. Geomax 22): Seine Biomasse bindet dieselbe Menge an Kohlenstoff, wie die gesamte Menschheit innerhalb eines Jahrzehnts emittiert. Das Niederbrennen der Vegetation vernichtet wichtige Kohlenstoffspeicher und setzt riesige Mengen an Kohlenstoffdioxid frei, die das Klima weiter anheizen. Im schlimmsten Fall könnte der Wald irgendwann seine Pufferwirkung verlieren und sogar mehr Kohlenstoffdioxid abgeben als aufnehmen – mit verheerenden Folgen fĂŒr das Weltklima. Um die globale ErwĂ€rmung zu begrenzen, muss die Entwaldung am Amazonas und in anderen Teilen der Welt drastisch reduziert werden. Gelingt dies nicht, dĂŒrften hĂ€ufigere Extremwetterereignisse wie DĂŒrren und StĂŒrme die Baumsterblichkeit erhöhen – und gleichzeitig Feuer begĂŒnstigen. Dabei wĂ€ren allein schon die steigenden Temperaturen fatal: Fachleute gehen davon aus, dass die RegenwĂ€lder einen Temperaturanstieg von nur wenigen Grad Celsius ĂŒberleben.

Fliegende FlĂŒsse

Damit Regenwald gedeihen kann, sind neben der Temperatur auch die NiederschlĂ€ge entscheidend. Ein einzelner großer Baum kann pro Tag mehrere Hundert Liter Wasser verdunsten. Das vielschichtige, bis in 40 Meter Höhe reichende Laubwerk bietet auf einem Quadratmeter Regenwaldboden acht bis zehnmal so viel potenzielle VerdunstungsflĂ€che wie ein StĂŒck Weideland derselben GrĂ¶ĂŸe. Durch die hohe Verdunstungsrate schafft die Vegetation die Grundlage fĂŒr ihre eigene Existenz: Nur dadurch, dass Wald vorhanden ist, fĂ€llt genĂŒgend Regen, um Wald wachsen zu lassen. Etwa die HĂ€lfte des verdunsteten Wassers regnet sich in der unmittelbaren Umgebung ab. Ein weiterer Teil speist die sogenannten „Fliegenden FlĂŒsse“ – feuchte Luftströme, die in Richtung Anden treiben. Von dort aus werden sie in den SĂŒden des Kontinents umgelenkt, wo sie fĂŒr Regen sorgen. Verschwindet der Wald, geraten die Fliegenden FlĂŒsse ins Stocken, und weite Teile SĂŒdamerikas werden immer trockener.

„FĂ€llt der Niederschlag ĂŒber dem Regenwald zu gering aus, besteht die Gefahr, dass der dichte und feuchte Regenwald abstirbt und zu offeneren savannenartigen WĂ€ldern wird“, erklĂ€rt Christopher Pöhlker. „Dabei gibt es möglicherweise irgendwo einen ‚point of no return‘ – einen Punkt, an dem das System unwiderruflich kippt.“ Der Max-Planck-Forscher und sein Team möchten dazu beitragen, diesen kritischen Punkt zu identifizieren. Dazu mĂŒssen sie verstehen, wie schrumpfender Regenwald, Wasserhaushalt und Klima miteinander verknĂŒpft sind und wie sie sich gegenseitig beeinflussen.

Messstation ĂŒber dem BlĂ€tterdach

Das ATTO-Observatorium, das vom Bundesministerium fĂŒr Bildung und Forschung (BMBF) mitfinanziert wird, bietet dafĂŒr ideale Bedingungen: „Das Projekt ist einzigartig, weil es nicht nur eine Momentaufnahme liefert, sondern auf mehrere Jahrzehnte angelegt ist“, sagt Pöhlker. „Damit haben wir den Finger am Puls des Geschehens und können mitverfolgen, wie sich das System verĂ€ndert.“ Das Mainzer Team arbeitet gemeinsam mit dem vom Max-Planck-Institut fĂŒr Biogeochemie in Jena und brasilianischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an der Schnittstelle zwischen Aerosol, Wolke und Klima: „Wir beobachten die Geburt von Wolken und ihre Entwicklung, um diesen komplizierten und dynamischen Prozess besser zu verstehen.“ Mithilfe von ATTO untersuchen Pöhlker und seine Kolleginnen und Kollegen die Wolkenbildung unter verschiedenen Bedingungen:  Hoch ĂŒber dem BlĂ€tterdach werden die MessgerĂ€te von Luftmassen umströmt, die aus unterschiedlichen Regionen des Landes herangetragen wurden. Mithilfe von ausgeklĂŒgelten Computermodellen lĂ€sst sich der Ursprung dieser Luftmassen bestimmen. So können die Forschenden direkt untersuchen, wie sich saubere Luft im Vergleich zu Luft aus Waldbrandgebieten auf die Wolkenbildung und die mikrophysikalischen Eigenschaften der Wolken auswirkt.

Eine entscheidende Rolle spielen dabei die in der AtmosphĂ€re vorkommenden Aerosole: Die darin enthaltenen Partikel wirken als Kondensationskeime, an denen sich Wasserdampf aus der Luft als Tröpfchen niederschlĂ€gt. „FĂŒr die Wolkenbildung macht es einen großen Unterschied, ob die Luft sauber ist oder viele Aerosole enthĂ€lt, wie sie bei großen Feuern freigesetzt werden“, sagt Christopher Pöhlker. Ausschlaggebend ist folgender Mechanismus: In sauberer Luft kondensiert der Wasserdampf auf relativ wenigen Aerosolpartikeln (einigen Hundert pro Kubikzentimeter) zu wenigen, dafĂŒr aber großen Tropfen. Durch sogenannte Koaleszenz – das Zusammenstoßen und Zusammenfließen und somit Wachstum der Tropfen – wird in diesem Fall schon bald nach Entstehung der Wolke Regen gebildet. In schmutziger Luft  mit vielen Aerosolen (einigen Tausend bis Zehntausend Partikel pro Kubikzentimeter), entstehen viele, dafĂŒr jedoch deutlich kleinere Tröpfchen mit einer viel geringeren Neigung zur Koaleszenz. Das kann die Bildung von Regen verzögern oder sogar ganz unterdrĂŒcken.

RĂŒckkopplungszyklen aus Feuer, Rauch, WolkenverĂ€nderung und Niederschlag fĂŒr das Amazonasgebiet, Grafik

Abb. D: Die Grafik zeigt in vereinfachter Form sich selbst verstĂ€rkende Prozesse (braune Pfeile). Durch menschliche EinflĂŒsse (rot) wird der Regenwald zunehmend trockener und damit feueranfĂ€lliger. Die RĂŒckkopplungseffekte können zu Entwicklungen fĂŒhren, die sich möglicherweise schon in naher Zukunft nicht mehr kontrollieren lassen.
© C. Pöhlker, MPI fĂŒr Chemie; Grafik MPG / CC BY-NC-SA 4.0

„Dieser Mechanismus ist einer von mehreren menschengemachten EinflĂŒssen, die – nach allem was wir heute wissen – eine Austrocknungstendenz des Regenwalds verstĂ€rken“, sagt Christopher Pöhlker. „Dies wiederum erhöht die Entflammbarkeit des Waldes und damit die Zahl und IntensitĂ€t der Amazonasfeuer. Weil diese Prozesse sich tendenziell selbst verstĂ€rken, besteht die Gefahr, dass großskalige Entwicklungen in Gang gesetzt werden, die sich womöglich schon in naher Zukunft unserer Kontrolle entziehen. Die genaue Funktionsweise dieser RĂŒckkopplungszyklen aus Feuer, Rauch, WolkenverĂ€nderung und Niederschlag birgt noch eine Reihe von offenen Fragen. Sie sind ein Kernpunkt unserer Amazonasforschung.“ (Abb. D)

 

Die reinste Luft auf dem Planeten

Eine dieser Fragen beinhaltet die Suche nach dem AtmosphĂ€renzustand unter vorindustriellen Bedingungen vor 1750 – eine Zeit, bevor die Menschen in großem Umfang Gase und Partikel aus Industrie, Verkehr und Intensivlandwirtschaft in die AtmosphĂ€re freigesetzt haben. „Über die Funktionsweise vieler prĂ€industrieller AtmosphĂ€renprozesse wissen wir schlichtweg nichts, weil die heutige AtmosphĂ€re durch die Emissionen stark verĂ€ndert ist“, erklĂ€rt Pöhlker. „Es gibt heutzutage auch nur noch sehr wenige Orte weltweit, die einem Vergleich mit der prĂ€industriellen Zeit standhalten und daher RĂŒckschlĂŒsse zulassen. Der Amazonas-Regenwald ist einer dieser Orte, an dem wĂ€hrend der Regenzeit zumindest einige Wochen im Jahr die AtmosphĂ€re so sauber ist, dass kaum menschliche EinflĂŒsse messbar sind.“ Dieser sehr saubere Zustand steht in Kontrast zur massiven Verschmutzung durch die vielen Entwaldungsfeuer in der Trockenzeit. Anhand des direkten Vergleichs der annĂ€hernd prĂ€industriellen RegenzeitatmosphĂ€re und der stark verschmutzten TrockenzeitatmosphĂ€re können die Forschenden darauf schließen, wie wesentliche Teile des Weltklimasystems, insbesondere die Wolken, auf die vielfĂ€ltigen menschlichen Eingriffe reagieren.

Die Forschungsergebnisse zeigen immer deutlicher, wie komplex die Wechselwirkungen zwischen Wald, AtmosphĂ€re und Klima sind und welche zentrale Rolle der Amazonas-Regenwald im regionalen wie auch globalen Klimageschehen spielt. Umso wichtiger ist es, die Regenwaldvernichtung zu stoppen und intakte WaldflĂ€chen zu schĂŒtzen. Christopher Pöhlker sieht die Verantwortung dafĂŒr nicht allein in SĂŒdamerika. „Es ist zu einfach, nur nach Brasilien zu zeigen und die Situation zu beklagen.“ Ein Teil des Problems ist der weltweit hohe Fleischkonsum. Nach Ansicht des Max-Planck-Forschers lĂ€sst sich die Entwaldung am Amazonas letztlich nur durch wirtschaftliche Anreize aufhalten: „Es muss sich fĂŒr Brasilien finanziell lohnen, den Regenwald stehen zu lassen. Genauso wie die BekĂ€mpfung des Klimawandels und eine rĂŒcksichtsvollere Gestaltung des Weltwirtschaftssystems ist auch der Schutz des Amazonas-Regenwaldes eine Aufgabe, die auf internationaler Ebene gelöst werden muss. Sie erfordert die Mithilfe von uns allen.“

 

Abbildungshinweise:
Titelbild: BrÀnde © Adobe Stock / Imago Photo
Abb. A: S. Brill, MPI fĂŒr Chemie /  CC BY-NC-SA 4.0; Daten: Niederschlag: ATTO-Projekt;  Feuer: https://panorama.sipam.gov.br und https://terrabrasilis.dpi.inpe.br
Abb. B: ATTO © S. Brill, MPI fĂŒr Chemie /  CC BY-NC-SA 4.0
Abb. C: Soja-Monokulturen © istock / alffoto
Abb. D: RĂŒckkopplungseffekte © C. Pöhlker, MPI fĂŒr Chemie;  MPG / CC BY-NC-SA 4.0

Der Text wird unter CC BY-NC-SA 4.0 veröffentlicht.

GEOMAX Ausgabe 24, aktualisiert im Sommer 2024; Autorin: Elke Maier; Redaktion: Tanja Fendt

Diese Ausgabe wird nicht mehr aktualisiert und steht nur noch als pdf im Archiv zur VerfĂŒgung.

 

 

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