Dem Leben unserer Urahnen auf der Spur

Auf den Zahn gefühlt

Mittels Computertomografen analysieren die Forscher die Zahnstrukturen – sie geben Auskunft über die Wachstumsraten der frühen Hominiden. Mit einem 3-D-Drucker können sie dann eine vergrößerte Gips-Version des Zahns erstellen. Bild vergrößern
Mittels Computertomografen analysieren die Forscher die Zahnstrukturen – sie geben Auskunft über die Wachstumsraten der frühen Hominiden. Mit einem 3-D-Drucker können sie dann eine vergrößerte Gips-Version des Zahns erstellen.

Unser Studiengelände liegt im Nordosten Äthiopiens in der Region Dikika. Die weite, karge Landschaft von Dikika birgt Jahrmillionen altes Gebein. Seit fünf Jahren suchen wir die Böschungen entlang eines ausgetrockneten Flussbeckens ab und durchsieben den Boden nach Knochen, die das Wasser, das einst durch das Becken floss, bergab gespült hat. Mittagstemperaturen bis 50° Celsius lassen die Arbeit zur Qual werden; nirgends gibt es ein schattiges Plätzchen. Bisher besteht unsere Ausbeute aus einer Fülle fossiler Säugetiere, darunter Elefanten, Flusspferde und Antilopen. Menschliche Überreste sind nicht dabei.

Doch im Dezember 2000 werden die Paläoanthropologen endlich fündig: In einer dicken Sandsteinlage stoßen sie auf die Teile eines Kinderskeletts. Das winzige Gesicht lugt aus einem staubigen Hang hervor. Es handelt sich um die fossilen Überreste eines Hominiden, wie man die frühen Vorfahren des Menschen nennt; ein Australopithecus afarensis, wie die Forscher später feststellen werden. Damit gehört das Kleinkind zur gleichen Art wie "Lucy", jenes weltberühmte, rund 3,2 Millionen Jahre alte weibliche Skelett, das 1974 in der gleichen Region Afrikas ausgegraben wurde. Vermutlich hat eine Flutwelle es vor etwa 3,3 Millionen Jahren mitgerissen und dann sehr schnell unter Kies und Sand begraben, so dass es vor Aasfressern und vor der Witterung geschützt war.

Sämtliche Knochen des oberen Skelettteils sind in einem sehr kompakten Sandsteinblock eingeschlossen - für die Paläoanthropologen eine ungewohnte Herausforderung, denn in der Regel müssen sie die bruchstückhaften Teile eines Fundes wieder zusammenfügen und nicht auseinanderpulen. Mit Hilfe eines Zahnarztbohrers entfernen sie den harten Sandstein Korn für Korn aus den Rippenzwischenräumen und der gekrümmten Wirbelsäule. Es dauert vier Jahre bis das gesamte Skelett geborgen werden kann. Zahlreiche Forscher, u.a. vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, und mehr als 40 Feldforschungsassistenten sind an der Ausgrabung beteiligt.

Der neue Skelettfund ist der älteste und vollständigste, der jemals von einem kindlichen menschlichen Vorfahren gemacht worden ist, denn im Gegensatz zu "Lucy" hat das Kind auch Finger, einen Fuß und einen vollständigen Rumpf. Und vor allem: Es hat ein Gesicht. „Wir können die Milchzähne sehen und die bleibenden Zähne, die noch im Kiefer stecken. Wir haben fast alle Wirbel, Rippen und die Schulterblätter. Und wir haben Ellbogen, Hände, Beinknochen und fast einen kompletten Fuß, bei dem nur die Zehenspitzen fehlen", beschreibt Zeresenay Alemseged, der aus Äthiopien stammende und in Leipzig arbeitende Projektleiter, den Fund in einem Interview mit dem Deutschlandradio im September 2006.

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