Gefiederte Großstädter

Gefiederte Grossstädter ─ und ihr anderes Verhalten (nicht nur zu Paarungszeit)

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In den kommenden Jahrzehnten wird die weltweite Verstädterung weiter zunehmen. Während 1950 erst 30 Prozent der Menschen in Städten lebten, war es 2007 bereits die Hälfte. Für 2030 wird mit mehr als 60 Prozent und für 2050 mit 75 Prozent gerechnet*. In absoluten Zahlen bedeutet dies eine Verdopplung der Stadtbevölkerung zwischen 2007 und 2050 von 3,3 auf 6,8 Milliarden Menschen. Städte werden damit der unmittelbare Lebens- und Erfahrungsraum für die Menschen sein. Dabei gilt die Stadt als die naturfernste Form der anthropogenen Landnutzung – nirgends wirkt der menschliche Fußabdruck so stark wie in großstädtischen Ballungsgebieten. Trotzdem zieht es nicht nur immer mehr Menschen in die Stadt…

Städte sind so attraktiv, dass Artenreichtum und Häufigkeit beispielsweise von Vögeln mit zunehmender Größe der Städte stark ansteigen und nicht etwa abnehmen. So ist Berlin mit fast 140 Brutvogelarten die vogelreichste Stadt Deutschlands, gefolgt von Hamburg, München und Köln. Innerhalb des Berliner Stadtgebiets kommen etwa zwei Drittel aller in Deutschland beheimateten Vogelarten als Brutvögel vor. Und dabei ist der Vogelreichtum der Großstädte beileibe kein deutsches, sondern ein weltweites Phänomen. Bezogen auf die Flächengröße sind Städte erheblich reicher an Vogelarten; die Zahlen liegen 15 Prozent oder mehr über den Erwartungswerten. Mit anderen Tiergruppen verhält es sich ähnlich, soweit dazu entsprechende Untersuchungen vorliegen. Und auch bei wild wachsenden Pflanzen zeigen zahlreiche Studien der vergangenen Jahre eine unerwartet große städtische Vielfalt. Sie übertrifft die freie Umgebung der Städte nicht selten um das Doppelte. Mit 230 wild wachsenden Pflanzenarten pro Quadratkilometer ist die Berliner Innenstadt artenreicher als der Stadtrand und vor allem als das Umland.

<strong>Abb. A:</strong> Stadtklima im Sommer im Profil Bild vergrößern
Abb. A: Stadtklima im Sommer im Profil

Verschiedene Aspekte wie u.a. die größere Strukturiertheit der Stadt und ein wärmeres Innenklima begünstigen diese Entwicklung. Kommen wir zunächst auf das wärmere Stadtklima zu sprechen: Verschiedene Faktoren führen dazu, dass sich die Innenstädte stärker erwärmen als das Umland. In heißen Sommermonaten kann es daher zu Hitzestress und nächtlichem Wärmestau kommen; in den Wintermonaten hingegen sind die Frostzeiten verglichen mit dem Umland kürzer, insgesamt verlängern sich die Vegetationszeiten (Abb. A). Das kann für Vögel von Vorteil sein: Kleinvögel beispielsweise leben mit Körperinnentemperaturen von mehr als 40 Grad Celsius. Sofern sie entsprechend ergiebige Nahrungsquellen zur Verfügung haben, können sie extreme Temperaturunterschiede überstehen. Der Zaunkönig gleicht in eisigen Winternächten, wenn die Außentemperatur unter minus 20 Grad Celsius absinkt, einen Temperaturunterschied von 60 Grad und mehr aus. Dieses intensive „Heizen“ kostet jedoch viel Energie. Der Aufenthalt in den wärmeren Städten während der Kältephasen des Winters reduziert daher zweifellos seinen Aufwand zur Lebenserhaltung. Hinzu kommt vielerorts die Fütterung an Vogelhäuschen, die viele Vögel gerade im Winter in die Städte wechseln lässt.

Städte – Inseln der Vielfalt

Verglichen mit dem offenen Land oder mit größeren Wäldern sind Städte zudem außerordentlich divers strukturiert: Auf engstem Raum grenzen Gebäude unterschiedlicher Größe und Höhe an kurzrasige Freiflächen, Baumbestände oder Hecken; sonnige warme Südlagen wechseln mit kühlen, feuchten Schattenzonen und häufig gibt es auch kleinere oder größere Gewässer. Damit können die Städte als Ganzes nahezu alle Haupttypen von Lebensräumen einer Großregion aufweisen – wenn­gleich in einem in der Regel flächenmäßig geringerem Umfang. Diese Strukturiertheit ist einer der wichtigsten Faktoren, die den überraschend hohen Artenreichtum in der Stadt ermöglichen. Verschiedene Forschungsarbeiten zeigen, dass Strukturvielfalt Artenvielfalt nicht nur fördert, sondern oft sogar entscheidend bedingt. Das hat auch damit zu tun, dass unterschiedliche Biotope zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich produktiv sind. Setzen sie sich wie Mosaiksteine zusammen, ermöglichen sie eine viel höhere Diversität als großflächig einheitliche Biotope. Dass die einzelnen Strukturelemente an Ort und Stelle oft nur sehr kleinflächig ausgebildet sind, schmälert ihre Wirkung dabei nicht.

Allerdings bergen solche „Inselbiotope“ auch ein Risiko: Die Wahrscheinlichkeit wieder auszusterben, nimmt stark zu, wenn das Biotop weiter verkleinert wird. Kleinstbiotope beherbergen deshalb auf Dauer weit weniger Arten als Ausschnitte dieser Größe in einem großflächig zusammenhängenden Lebensraum. Die Vorkommen müssen aber nicht „ortsstabil“ sein, um sich im Stadtgebiet erhalten zu können. Anders als auf dem Land, wo die Flächen extrem bewirtschaftet werden, entstehen in der Stadt schnell freie Flächen, die sich ohne Vorgabe durch den Menschen entwickeln dürfen. Durch die geringfügigen Entfernungen in der Stadt wird zudem die Isolationswirkung von Kleinstbiotopen wieder kompensiert: Lokales Aussterben kommt zwar häufig vor, rasche Wiederansiedlung aber auch; die Stadt lässt viel mehr Dynamik zu als das Land. Zusammen mit der Vielfalt der Strukturen erhält sie so die Diversität der Arten.

Und es gibt noch einen weiteren Vorteil für das Leben in der Stadt: In den Städten sind die Flächen nicht überdüngt. Hier wird höchstens in Kleingärten oder auf besonderen Rasenflächen punktuell bis kleinräumig Dünger eingesetzt. Deshalb bleiben in den Städten vielfach magere, nährstoffarme Zustände erhalten oder können, wenn ein Gelände frei gemacht wird, entsprechend länger anhalten. Die Überdüngung beschert uns auch eine Umkehr der klimatischen Verhältnisse: War es früher auf dem Land warm und trocken, so führt das rasche und dichte Aufwachsen der Pflanzendecke hier zu einem kühlen und feuchten Kleinklima. Hingegen fördert die Bodenversiegelung sowie die verstärkte Wärmeaufnahme und -abstrahlung der Gebäude in der Stadt trocken-warme Bedingungen, die gerade für viele Insekten und Kleinstlebewesen vorteilhaft sind. Der Artenreichtum der Städte hängt somit in beträchtlichem Umfang auch davon ab, ob die Biotope nährstoffarm bleiben.

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