Wie Forscher Chinas Aufstieg zur Weltmacht erklären

KAPITALISMUS AUF CHINESISCHE ART

„Dies alles war möglich, weil sich der Staat von Anfang an stark in die Wirtschaftspolitik eingemischt hat und dies noch immer tut“, erklärt ten Brink. Das gilt etwa für das staatlich kontrollierte Bankensystem mit der mächtigen Zentralbank an der Spitze. Dieses effektive Steuerungsinstrument stellt Kredite für Investoren bereit und überwacht allgemein den Geldverkehr. Mit diesem Machtinstrument im Rücken konnten Chinas Politiker etwa auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 das größte Konjunkturpaket der Welt (im Verhältnis zum BIP) auf den Weg bringen. Die bereitgestellten rund 460 Milliarden Euro Soforthilfe sorgten dafür, dass der lahmende chinesische Wirtschaftsmotor wieder ansprang. Die Finanzspritze entpuppte sich darüber hinaus als wichtiger Rettungsanker für die gesamte Weltwirtschaft.

Die Machthaber in Peking haben aber nicht nur den Kapitalmarkt weitgehend im Griff, sie sorgen auch dafür, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Ob Energie, Verkehr oder IT: In allen Bereichen wurden und werden regelmäßig neue Projekte angeschoben. Sie sollen die Industrie in die Lage versetzen, noch mehr und gegebenenfalls noch kostengünstiger zu produzieren.

Seit den Anfängen der Modernisierung 1979 unter dem damaligen Staatschef Deng Xiaoping hat sich die Volksrepublik tatsächlich in weiten Teilen neu erfunden. Das moderne China setzt viel mehr als früher auf Profit und Gewinne, schnelles Wirtschaftswachstum und Wettbewerb. Auch persönlicher Reichtum, gesellschaftliche Anerkennung und Streben nach Erfolg bekommen für viele Chinesen eine immer wichtigere Bedeutung. Ten Brink fasst diesen Image- und Wertewandel so zusammen: „Aus der alten Kommandowirtschaft ist ein Staatskapitalismus ‚Made in China‘ geworden.“ Chinesische Politiker sprechen lieber von einer „sozialistischen Marktwirtschaft“. Von der sozialen Marktwirtschaft im Wirtschaftswunderland Deutschland der 1960er-Jahre ist diese jedoch noch ein ganzes Stück weit entfernt.

Immerhin hat die chinesische Regierung mittlerweile einige Maßnahmen auf den Weg gebracht, um etwa die Situation der rund 200 Millionen Wanderarbeiter im Lande zu verbessern. Dazu gehören eine Erhöhung des Mindestlohns sowie Renten- und Arbeitslosen-Programme nach westlichem Vorbild. Diese Reformen sollen einerseits zeigen, dass die Staatsparole von der „harmonischen Gesellschaft“ Gültigkeit hat. Dahinter steckt aber letztlich auch das Ziel, den Erfolg des chinesischen Modells nicht zu gefährden. „Damit Chinas Kapitalismus funktioniert, braucht es wie in jedem Kapitalismus einen Sozialstaat. Dieser kann die Reproduktion der Arbeitskraft sichern, den Binnenkonsum stärken und für ein Mindestmaß an Zufriedenheit unter den einfachen Leuten sorgen“, meint ten Brink.

Der aus alldem resultierende wirtschaftliche Aufschwung hat das Land in den vergangenen 20 Jahren außenpolitisch deutlich gestärkt und die Machtverhältnisse weltweit, (geo)politisch wie ökonomisch, nachhaltig verändert. Chinas Stimme hat heute im Weltsicherheitsrat und in anderen internationalen Gremien und Bündnissen viel mehr Gewicht als früher – Blockadestrategien bei wichtigen Entscheidungen inklusive. Unterstützt wird dieses moderne Weltmachtdenken Chinas unter anderem durch die Modernisierung der eigenen Armee und die Sicherung wichtiger Seewege. Und es werden neue politisch-wirtschaftliche Allianzen geschmiedet, die den Machthabern in Peking erfolgversprechend erscheinen. So wurde im Jahr 2014 ein Deal über die Belieferung Chinas mit russischem Erdgas ratifiziert. Der Spatenstich für die notwendige 4.000 Kilometer lange und 50 Milliarden Euro teure neue Pipeline ist bereits erfolgt. 38 Milliarden Kubikmeter Gas will Russland damit von 2018 an jährlich nach China pumpen.

AUFSCHWUNG OHNE ENDE?

Aufstieg zur Führungsnation, anhaltendes Wachstum, mehr Wohlstand für die Arbeiterklasse, internationale Partnerschaften: Chinas Führung scheint in den vergangenen Jahren zumindest wirtschaftlich einiges richtig gemacht zu haben. Doch wie sieht die Zukunft des Landes aus? Geht die Erfolgsstory weiter oder droht vielleicht bereits ein schnelles Ende des Wirtschaftsbooms? „Als Sand im Getriebe könnten sich vor allem die noch immer enormen sozialen Unterschiede im bevölkerungsreichsten Land der Welt erweisen“, sagt ten Brink. Im Perlflussdelta etwa klafft die Schere zwischen arm und reich nach wie vor besonders weit auseinander.

Vor allem die 30 Millionen Wanderarbeiter leben dort – trotz der staatlichen Eingriffe – noch immer an der Existenzgrenze. Neben diesen sozialen Problemen gibt es aber noch andere Fallstricke. Dazu gehören unter anderem die Exportabhängigkeit des Landes und die Bedrohungen, die durch Schwankungen des Weltmarkts ausgelöst werden können. So würde eine neuerliche Weltwirtschaftskrise im Ausmaß von 2008/2009 vermutlich auch die chinesische Wirtschaft ins Wanken bringen. Schon die Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers 2008 und die anschließende globale Kettenreaktion hatten in China damals für einen Einbruch der Exporte um rund 25 Prozent gesorgt. Massenentlassungen in der Elektronik- und Textilindustrie, aber auch in anderen Bereichen waren die Folge. Ähnliches könnte jederzeit wieder drohen.

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