Wie Forscher Chinas Aufstieg zur Weltmacht erklären

Die aktuelle Situation im Perlflussdelta ist dennoch nur eine Momentaufnahme. Viele Experten gehen davon aus, dass dort in den kommenden zehn Jahren elf Millionenstädte wie im Zeitraffer zu einer gewaltigen Megacity zusammenwachsen: Perlfluss-City, die dann mit 60 Millionen Einwohnern bei weitem größte Stadt der Welt. Im gleichen Zeitraum könnte sich die Wirtschaftsleistung des Perlflussdeltas noch einmal verdoppeln (Abb. B).

Abb. B: Im Perlflussdelta entwickelt sich die größte Stadt der Welt durch Zusammenwachsen von elf Millionenstädten. Schon in zehn Jahren sollen in Perlfluss-City 60 Millionen Menschen leben und arbeiten. Für den Aufbau der nötigen Infrastruktur investiert der chinesische Staat umgerechnet rund 200 Milliarden Euro. Bild vergrößern
Abb. B: Im Perlflussdelta entwickelt sich die größte Stadt der Welt durch Zusammenwachsen von elf Millionenstädten. Schon in zehn Jahren sollen in Perlfluss-City 60 Millionen Menschen leben und arbeiten. Für den Aufbau der nötigen Infrastruktur investiert der chinesische Staat umgerechnet rund 200 Milliarden Euro.

EXPORTSCHLAGER „MADE IN CHINA“

Doch was sind die Gründe für diese Erfolgsgeschichte Chinas? Wie hat es der kommunistische Staat geschafft, traditionelle Wirtschaftsmächte wie Japan und Deutschland zu überflügeln und sogar die USA herauszufordern? Eine endgültige Antwort auf diese spannenden Fragen hat auch Chinaforscher ten Brink (noch) nicht parat. Als aufmerksamer Beobachter der Geschichte sucht er aber sowohl in den „nackten“ Zahlen zur Ökonomie als auch mithilfe eines Blickes hinter die Kulissen von Politik und Gesellschaft nach Erklärungen für die florierende Wirtschaft des Landes.

Zahlreiche wichtige Mosaiksteinchen des Erfolgsmodells China hat ten Brink in jahrelanger Arbeit bereits aufgespürt. Eines davon ist schlichtweg das Glück. „Der Erfolg Chinas hängt zu einem großen Teil mit Faktoren zusammen, die die chinesischen Machthaber nicht kontrollieren konnten, sondern die auf günstigen weltwirtschaftlichen und ostasiatischen Konstellationen beruhten“, erklärt ten Brink. So war Ende der 1980er-Jahre, als der Aufstieg begann, reichlich „Treibstoff“ für die chinesische Wirtschaft vorhanden. Anleger in Ostasien, Europa und Nordamerika suchten damals händeringend nach Projekten, in die es sich gewinnbringend zu investieren lohnte. Ten Brink fasst dieses Phänomen unter dem Begriff „Anlagennotstand“ zusammen. Da kam das wirtschaftlich (noch) unterentwickelte China mit seinen Dumpinglöhnen und allgemein niedrigen Arbeitskosten und Umweltauflagen gerade recht. Innerhalb kurzer Zeit stiegen die ausländischen Direktinvestitionen in China um ein Vielfaches.

Maßgeblich unterstützt wurde diese Entwicklung von zahlreichen sogenannten Übersee-Chinesen in Taiwan, Hongkong oder den USA. Sie besaßen beste Kontakte ins Reich der Mitte und fädelten so manch lukratives Geschäft ein. Schon bald produzierte die chinesische Industrie im Auftrag von europäischen, nordamerikanischen und zum Teil auch asiatischen Investoren billige Produkte für den globalen Markt. Den Großteil der Gewinne strichen damals zwar die multinationalen Konzerne ein und nicht die lokalen Produzenten oder Zulieferer. Trotzdem brachte diese staatlich geförderte Strategie China nicht nur den Titel „Werkbank der Welt“ ein, sondern auch erhebliche Steuereinnahmen. Und diese wurden zum großen Teil umgehend in die eigene Industrie reinvestiert.

Als äußerst erfolgreich erwies sich darüber hinaus eine von China ausgedachte und perfektionierte Vorgehensweise, die man wohl als „copy & paste“ bezeichnen kann. Statt teure eigene Forschung zu betreiben, konzentrierte sich die chinesische Industrie in vielen Wirtschaftsbereichen darauf, lukrative technische Neuentwicklungen und High-Tech-Produkte aus aller Welt zu kopieren und weit unter Weltmarktpreis mit dem Label „Made in China“ auf den Markt zu bringen. Ein Paradebeispiel für diese Strategie ist das Unternehmen Lenovo. Erst im Jahr 1984 von einigen wenigen jungen Chinesen gegründet, stellt Lenovo heute Millionen von Notebooks, Tablet-PCs, Ultrabooks, Workstations, Server und Smartphones her. Längst hat Lenovo einstigen Marktführern wie Hewlett-Packard, Dell oder der Kultmarke Apple den Rang abgelaufen und verkauft mehr PCs als jeder andere Konzern weltweit (Stand 2013). Hinzu kommen aktuell Mehrheitsbeteiligungen etwa am Aldi-Lieferanten Medion und eine Übernahme des Handyherstellers Motorola Mobility.

Interessant war das aufstrebende China für die Industrieländer zudem durch seinen Rohstoffreichtum etwa im Bereich der Seltenen Erden. Diese Metalle gehören zu den begehrtesten Handelswaren der Welt. Ohne sie wären Smartphones, Notebooks, Windkraftanlagen, LED-Leuchten und Elektromotoren heute undenkbar. Von China zunächst billig auf den Markt geworfen, wurden Seltene Erden wie Cer, Neodym, Yttrium oder Lanthan zu Exportschlagern und sprudelnden Einnahmequellen.

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