Dem demografischen Wandel auf der Spur

Sieht Deutschland bald alt aus?

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„Mit 65 ist Schluss.“ Das war für den Wissenschaftler Louis Israel Dublin im Jahr 1928 vollkommen klar. Der Forscher konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Lebenserwartung des Menschen weiter steigen konnte. Und er musste es ja eigentlich wissen – Dublin beschäftigte sich damals intensiv mit Gesundheitsfragen und der Bevölkerungsentwicklung in den USA. Dass er sich aber doch getäuscht hatte, erfuhr er noch zu Lebzeiten. Denn schon um 1960 lag die durchschnittliche Lebenserwartung für Frauen in den USA bei 73,5 Jahren. Und auch Dublin selber trug nicht gerade zur Bestätigung seiner Theorie bei: Er starb erst am 7. März 1969 – im Alter von 87 Jahren.

Dublin war jedoch nicht der einzige Forscher, der Hochrechnungen zu diesem Thema abgab und diese dann später wieder revidieren musste. „Voraussagen über eine vermeintliche Obergrenze der Lebenserwartung haben sich immer wieder als falsch erwiesen“, sagt James W. Vaupel. Der Direktor am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock beschäftigt sich intensiv mit der Bevölkerungsentwicklung bei uns und anderswo. Seine These: „Das Altersmaximum wird sich weiter nach oben verschieben. Ein biologisches Höchstalter gibt es nicht.“ Schon heute kann bei uns jedes neugeborene Mädchen damit rechnen, 82,4 Jahre alt zu werden, jeder Junge 77,2 Jahre. Tendenz: weiter steigend. Vaupel und seine Mitarbeiter halten es für sehr wahrscheinlich, dass die Lebenserwartung in Deutschland bis 2050 über die 90-Jahre-Marke geklettert sein wird.

Demografen schauen gerne und häufig nach vorn, aber: „Demografen können nicht in die Zukunft sehen, sie können nur auf der Basis des heute vorliegenden Wissens und ausgehend von der aktuellen Größe und Struktur der Bevölkerung vorausberechnen, wie diese sich wahrscheinlich entwickeln wird“, erklärt Vaupel eines der wichtigsten Prinzipien seiner Arbeit. Damit die Prognosen möglichst sicher und präzise ausfallen, müssen die Forscher oft auch einen Blick in die Vergangenheit werfen. Das hilft ihnen langfristige Entwicklungen zu erkennen, natürlich auch beim Altern der Menschen. So beobachten die Rostocker Wissenschaftler, dass schon seit 1840 die Lebenserwartung bei uns und in anderen entwickelten Ländern wie Schweden, Australien oder den USA nahezu konstant um 3 Monate pro Jahr steigt. Sollte das so weitergehen, wäre eine durchschnittliche Lebenserwartung von 100 Jahren keine Utopie mehr. Doch noch ist es nicht annähernd soweit. Aktueller Rekordhalter in Sachen Lebenserwartung sind die Japaner, genauer gesagt die japanischen Mädchen. Gerade auf die Welt gekommen, können sie davon ausgehen, im Durchschnitt erstaunliche 86 Jahre zu leben.

Entwicklung der Lebenserwartung von Frauen von 1840 bis heute im jeweils Rekord haltenden Land. Die separate Kurve gibt den Trend für Deutschland wieder. Bild vergrößern
Entwicklung der Lebenserwartung von Frauen von 1840 bis heute im jeweils Rekord haltenden Land. Die separate Kurve gibt den Trend für Deutschland wieder.
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