Wie Forscher Chinas Aufstieg zur Weltmacht erklären

DIE KEHRSEITE DES ERFOLGS

Ein möglicher anderer Stolperstein sind die massiven ökologischen Probleme, die in China an der Tagesordnung sind und die Gesundheit von Millionen Chinesen bedrohen. Dazu gehören Trinkwassermangel, Smog, Müllberge, vergiftete Böden und natürlich die ungeregelte Bautätigkeit, die immer mehr wertvolle Naturflächen vernichtet. „An all diesem zeigt sich einmal mehr, dass ein Kapitalismus ohne Krisen und soziale Widersprüche nicht zu haben ist. Das gilt auch für den neuen chinesischen Kapitalismus“, konstatiert ten Brink. Hinzu kommt die ohnehin komplizierte Situation innerhalb des Landes. Die enorme Größe und die Aufteilung in 22 Provinzen, vier Städte mit Provinzstatus (Chongqing, Beijing, Tianjin und Shanghai) und fünf autonome Regionen spielen lokalen Politikern und Fabrikchefs in die Karten. Sie haben vor Ort oft mehr Einfluss auf die Geschicke der Region als die weit entfernten Machthaber in Peking. Korruption und Vetternwirtschaft sind weit verbreitet und verhindern eine Detailsteuerung durch die Zentralregierung. (Abb. C)

Abb. C: Der fragmentierte chinesische Parteienstaat: Die Koexistenz von 22 Provinzen, 5 autonomen Regionen und 4 St&auml;dten mit dem Status einer Provinz schafft ein recht disparates Gebilde. <br />Durch die Aufteilung in 5 Regierungsebenen wird eine Detailsteuerung unm&ouml;glich. Bild vergrößern
Abb. C: Der fragmentierte chinesische Parteienstaat: Die Koexistenz von 22 Provinzen, 5 autonomen Regionen und 4 Städten mit dem Status einer Provinz schafft ein recht disparates Gebilde.
Durch die Aufteilung in 5 Regierungsebenen wird eine Detailsteuerung unmöglich.

In den letzten Jahren hat sich deshalb – manchmal ausgehend von dem durch die Kolonialzeit westlich geprägten Hongkong – schon interner Widerstand gegen die (Wirtschafts-)Politik der chinesischen Führung formiert. Streikwellen und Studentenproteste mit Forderungen nach höherer Bezahlung oder ökologischer Erneuerung sind längst keine Seltenheit mehr. Die Machthaber stecken dabei in einer Zwickmühle. Denn mehr soziale Gleichheit und höhere Löhne würden zwar den Binnenmarkt ankurbeln, sie könnten jedoch ein Faustpfand des Erfolgs, die geringen Arbeitskosten, zunichtemachen. Gar nicht auf die Wünsche der Massen einzugehen oder Widerstand ggf. sogar militärisch zu brechen, wäre dagegen für die Arbeitsmoral verheerend und könnte ausländische Handelspartner abschrecken.

Ob der Staatskapitalismus in China dauerhaften Erfolg verspricht, ist derzeit selbst für Experten kaum absehbar. Ten Brink wird daher auch in Zukunft den Licht- und Schattenseiten des Modells China nachspüren. Als nächstes plant er die Entwicklung einzelner Industriezweige – etwa der Photovoltaik-, LED- oder Robotikbranche – näher unter die Lupe zu nehmen. Anderen aufstrebenden Staaten weltweit rät ten Brink angesichts der vielen Unwägbarkeiten jedoch ab, den chinesischen Weg als eine Art Blaupause zu verwenden: „De facto orientieren sich aber bereits eine Menge Regierungen im globalen Süden etwa an der chinesischen Wirtschaftsförderung“, so der Forscher. Und auch im Westen gibt es mittlerweile mehr Fürsprecher als gedacht für diesen „Kapitalismus ohne Demokratie“.

Zur Redakteursansicht
loading content