Unbekannte Waffe unseres Immunsystems entdeckt

Eine neue Masche?

Neutrophile sind, ebenso wie die andere Sorte „Fresszellen“, die Makrophagen, Teil der angeborenen Immunabwehr. Sie differenzieren sich täglich zu Millionen aus Stammzellen des Knochenmarks und machen weit über die Hälfte der weißen Blutkörperchen aus. Sie zirkulieren im Blut, verlassen die Blutgefäße aber, sobald sie über das Eindringen von Bakterien in den Körper alarmiert sind. Einem chemischen Lockstoff-Gradienten folgend, suchen sie innerhalb von Stunden den Infektionsherd auf. Zusammen mit den Makrophagen sind sie „Ersthelfer“ vor Ort. In der direkten Umgebung des Infektionsherds entlassen die Neutrophile dann in einem zweiten Schritt membranumhüllte und mit antimikrobiellen Substanzen gefüllten Bläschen, die Granula – gleichsam kleine chemische Bomben. Dieser Vorgang wird als Degranulation bezeichnet.

Die angeborene Immunabwehr gilt als eine Art Vorhut, ein erster Schutzwall und im Vergleich zum adaptiven Immunsystem zumindest vordergründig als ein wenig filigraner Haudrauf, der eingedrungene Erreger binnen Minuten attackiert und so ihre Ausbreitung im Organismus verhindert. Die adaptive Immunabwehr wiederum basiert darauf, jeden Keim mit maßgeschneiderten Waffen zu vernichten. Und hernach die molekulare Visitenkarte des jeweiligen Erregers ein Leben lang im Gedächtnis zu behalten, um bei einer erneuten Infektion schneller und effektiver zur Tat zu schreiten. Sie besteht aus Myriaden spezialisierter Zellen mit verschiedenen Unterklassen und noch mehr Botenstoffen und Signalmolekülen sowie passgenauen Antikörpern.

Die Waffen der angeborenen Immunabwehr schienen also bekannt – dachte man zumindest bis 2003. Aber das, was Arturo Zychlinsky und Volker Brinkmann jetzt zum ersten Mal unter dem Lichtmikroskop sahen, war etwas anderes: Die Neutrophilen hatten sich ganz offenbar in den Selbstmord gestürzt. Die Zellen waren aufgeplatzt, und zwar einschließlich der Membran des Zellkerns. Dabei war die DNA dekondensiert und hatte – wie bei einem aufgelösten Knäuel Wolle – Fäden aus Chromatin über die Mikroben ausgeworfen, die nun wie Fische im Netz zappelten. „Neutrophil extracellular traps“ oder kurz NETs nannten die beiden Max-Planck-Forscher ihre Entdeckung. In den folgenden Jahren machten sie sich daran, das Geheimnis der NETs zu entschlüsseln, Schritt für Schritt mit ausgeklügelten Methoden.

Zur Redakteursansicht
loading content