Mit Schimpansen zu den Wurzeln unseres Verhaltens

Nichtsdestotrotz galt die Fähigkeit zu Altruismus gegenüber nicht-verwandten Gruppenmitgliedern lange als ausschließlich menschliches Charakteristikum – auch weil altruistisches Verhalten voraussetzt, dass man sich in die Nöte eines anderen hineinversetzen kann. Lange Zeit glaubten die Forscher, dass Schimpansen dazu nicht in der Lage seien. An Schimpansen in Zoos hatte man derartiges nicht beobachtet. Die Freilandstudien im Taï-Nationalpark haben dazu beigetragen, dass dieses Bild revidiert werden musste. Tatsächlich konnten Boesch und seine Mitarbeiter in den vergangenen 27 Jahren 18 Adoptionen von verwaisten Schimpansenkindern beobachten. Mehr als die Hälfte der Jungtiere wurde von Männchen adoptiert, die – mit einer Ausnahme – nicht der biologische Vater waren, womit das Argument der Verwandtenselektion entfällt. In einigen Fällen sorgten die Männchen viele Jahre lang für ihre Adoptivkinder. Sie trugen sie tagtäglich kilometerweit herum, teilten mit ihnen ihre Schlafnester, knackten Nüsse für sie und verteidigten sie bei Streitereien. Ohne diese Rundum-Betreuung hätten die Babys nicht überlebt, denn bis zu einem Alter von fünf Jahren sind junge Schimpansen vollkommen auf Betreuung, in der Regel durch die Mutter, angewiesen.

Von den Ersatzeltern verlangt es viel Einsatz und Energie, fremden Nachwuchs zu versorgen. Hier das Alpha-Männchen Freddy mit dem verwaisten Schimpansenjungen Oskar. Bild vergrößern
Von den Ersatzeltern verlangt es viel Einsatz und Energie, fremden Nachwuchs zu versorgen. Hier das Alpha-Männchen Freddy mit dem verwaisten Schimpansenjungen Oskar.

Dass Adoptionen bei Taï-Schimpansen so viel häufiger vorkommen als beispielsweise bei Schimpansen in Ostafrika, könnte daran liegen, dass sie stärker gefährdet sind, Leoparden zum Opfer zu fallen. Die ständige Bedrohung durch die Raubkatzen hat bei den westafrikanischen Schimpansen zu einer starken Solidarität innerhalb der Gemeinschaft geführt. Sie zeigt sich nicht nur darin, dass sich die Schimpansen gemeinsam gegen ihren Feind verteidigen, sondern kommt auch in der Fürsorge für Verletzte und Hilfsbedürftige zum Ausdruck. Hat sich eine solche Fürsorge für das Wohlergehen anderer in der Population erst einmal etabliert, so wird sie offensichtlich auch in andere soziale Kontexte übertragen, einschließlich Adoptionen. Bevor wir also Aussagen über die Unterschiede zwischen verschiedenen Spezies wie Schimpansen und Menschen treffen, sollten wir uns immer die jeweiligen sozio-ökologischen Bedingungen vergegenwärtigen, unter denen die Populationen existieren.

Immer weniger Platz für Afrikas Menschenaffen

Die Schutzzonen für Schimpansen in Ost- und Zentralafrika (dunkelgrün) und solche Gebiete, die nach Empfehlungen von Wissenschaftlern -  in besondere Aktionspläne aufgenommen werden sollten (grau). A.P.E.S.-Datenbank (auf Basis von Google Earth) Bild vergrößern
Die Schutzzonen für Schimpansen in Ost- und Zentralafrika (dunkelgrün) und solche Gebiete, die nach Empfehlungen von Wissenschaftlern -  in besondere Aktionspläne aufgenommen werden sollten (grau). A.P.E.S.-Datenbank (auf Basis von Google Earth)

In den vergangenen 30 Jahren hat die Anzahl der in Afrika lebenden Menschenaffen stetig abgenommen. Gründe dafür sind die kommerzielle Jagd auf die Tiere, die Zerstörung ihrer Lebensräume und Krankheiten. Ein Forscherteam des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie hat eine A.P.E.S. Datenbank (http://apes.eva.mpg.de) erstellt, an der auch die Kommission für Artenerhalt der Internationalen Union für die Erhaltung der Natur (IUCN) mitgewirkt hat. 47 Wissenschaftler und Naturschützer haben gemeinsam über 15.000 Aufenthaltsorte von Schimpansen, Gorillas und Bonobos zusammengetragen. Erhebungen von über 60 Standorten wurden hier zusammengefasst. Die Datenbank vermittelt so einen Überblick über die Habitate der Menschenaffen auf dem gesamten afrikanischen Kontinent. Das Ergebnis im Rückblick der vergangenen zwanzig Jahre ist ernüchternd: Insgesamt gingen den Menschenaffen mehr als 200.000 Quadratkilometer Lebensraum verloren, eine Fläche von etwa vier Fußballfeldern pro Tag verteilt über die letzten 20 Jahre. Allerdings gibt es drastische Unterschiede zwischen den Arten. Während mehr als 50 Prozent der Lebensräume von Östlichen Gorillas im Laufe der Zeit verloren gingen, gilt das für nur etwa 10 Prozent der Schimpansen-Habitate. Gründe dafür sind unterschiedliche ökologische Bedingungen, wie z. B. Nahrungspräferenzen oder eine stärkere Bedrohung durch Wilderer aufgrund der Verhaltensweisen und Sozialstrukturen verschiedener Menschenaffenarten. Die Regionen mit dem größten Verlust an geeigneten Menschenaffenhabitaten sind die Regenwaldgebiete des Kongobeckens und der Westafrikanische Küstenwald in Liberia. Wichtig zu wissen ist aber, dass in anderen Gebieten, die keinen so starken Rückgang zeigen, ein großer Teil der Lebensräume bereits vor den 1990er-Jahren zerstört wurde, wie etwa in Ost- und Westafrika. Noch besorgniserregender ist die Erkenntnis, dass der Verlust geeigneter Habitate in den zentralafrikanischen Waldgebieten, die man heute als die verbleibende Hochburg der Menschenaffen betrachtet, besonders schwerwiegend gewesen zu sein scheint. Sogar diese riesigen und einst abgelegenen Waldgebiete sind nun von Holz- und Bergwerksstraßen durchzogen und wurden in Folge von Menschen besiedelt.

BIOMAX Ausgabe 29, Frühjahr 2013; Autorin: Christina Beck

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