Mit Schimpansen zu den Wurzeln unseres Verhaltens

Die Fähigkeit zur Kooperation scheint aber ein wesentlicher Schritt in der Evolution des Menschen gewesen zu sein und war offenbar verbunden mit dem Übergang zu einer Ernährung mit hohem Fleischanteil. Bei gleichem verzehrtem Gewicht setzt Fleisch nämlich mehr Energie frei als pflanzliche Nahrung. Doch die Jagd auf Beutetiere und damit die Versorgung mit tierischen Proteinen, die sich beim einzelnen Tier positiv auf die Gehirnentwicklung auswirken, erklärt für sich genommen noch nicht, warum das Gehirn unserer frühen Vorfahren so extrem anwuchs. Der eigentliche Grund liegt vermutlich wirklich darin, wie die Beute erjagt wurde – nämlich im Team. Dass sich Kooperation bei der Fleischgewinnung als Vorteil erwies, erst das führte zur Bildung von in hohem Maße organisierten Gruppen.

Aber es gibt noch einen weiteren Mechanismus für Kooperation – die direkte Reziprozität, getreu dem Motto „wie Du mir, so ich Dir“ (engl. tit for tat). Dabei wird uneigennütziges Verhalten auf der Basis von Gegenseitigkeit „zurückgezahlt“. Direkte Reziprozität setzt deshalb voraus, dass sich die Beteiligten mehr als einmal treffen. Wenn in einer Population die Chance relativ groß ist, dass es zu einer wiederholten Interaktion mit ein und demselben Individuum kommt, dann lohnt es sich, langfristig zu kooperieren. Die Rationalität des reziproken Tausches ist offensichtlich: Durch die Verrechnung von Leistung und Gegenleistung – auf welcher Basis auch immer – wird eine Ausnutzung durch Egoisten verhindert. Denn bleibt die Gegenleistung aus, so wird der Tauschprozess sofort abgebrochen. Stimmen Leistung und Gegenleistung überein, so wird die Kooperation zwischen zwei Individuen auch über lange Zeiträume aufrechterhalten.

Vergleich Anteil Gruppenjagd (a) und kollaborative Jagd (b) mit einem hohen Maß an Koordination zwischen den beteiligten Jägern bei verschiedenen Schimpansenpopulationen. Bild vergrößern
Vergleich Anteil Gruppenjagd (a) und kollaborative Jagd (b) mit einem hohen Maß an Koordination zwischen den beteiligten Jägern bei verschiedenen Schimpansenpopulationen.

Der Befund, dass Schimpansen-Männchen jagen und dann ihre Beute mit den Weibchen teilen, lässt sich gut mit diesem Mechanismus erklären. Christophe Boesch und seine Mitarbeiterin Cristina Gomes beobachteten, dass Weibchen häufiger mit den Männchen kopulierten, die wenigstens einmal ihre Jagdbeute mit ihnen geteilt hatten. Männchen, die nie von ihrer Beute abgaben, wurden hingegen abgewiesen. Darüber hinaus erhielten Weibchen selbst dann Fleisch, wenn die letzte Kopulation mit dem erfolgreichen Jäger schon längere Zeit zurücklag. Ein Tausch von "Fleisch gegen Sex" scheint sich also auf den Paarungserfolg der Schimpansen-Männchen günstig auszuwirken. Dabei muss der Austausch über einen längeren Zeitraum verlaufen. „Es gibt mehr und mehr Hinweise darauf, dass Schimpansen Vergangenheit und Zukunft in ihr Denken einschließen und dass dies ihr Verhalten in der Gegenwart bestimmt", erklärt Christophe Boesch. Auch Studien zu menschlichen Jäger- und Sammlergesellschaften deuten darauf hin, dass erfolgreiche Jäger mehr Frauen und somit auch mehr Nachwuchs hatten.

Direkte Reziprozität ist ein wirkungsvoller Mechanismus für die Evolution von Kooperation, aber er kann bestimmte Aspekte nicht erfassen, die in menschlichen Gesellschaften von Bedeutung sind. So ist eine Person in der Lage jemandem zu helfen, doch dieser kann sich nicht revanchieren. Wir sind auch bereit, Fremden zu helfen, die wir nicht wiedertreffen. Aber indem wir anderen helfen, bauen wir eine hohe Reputation, also persönliches Ansehen auf. Und ganz nach dem Motto "wer gibt, dem wird gegeben", bekommt derjenige auch mehr Unterstützung, der anderen schon geholfen hat. Dies konnten theoretische wie empirische Studien belegen. Forscher bezeichnen diesen Mechanismus als indirekte Reziprozität. Und offenbar – das zeigen Verhaltensstudien im Labor – sind auch Schimpansen in der Lage, die Kooperationsbereitschaft anderer einzuschätzen, indem sie das beobachtete Verhalten gegenüber Dritten zugrunde zu legen.

Wir Menschen haben dieses Spiel dann auf die Spitze getrieben: Indem wir die Fähigkeit des Sprechens entwickelt haben, ist es uns möglich, Information über andere zu erhalten und zu verbreiten. Indirekte Reziprozität und menschliche Sprache spielen deshalb vermutlich eine entscheidende Rolle bei der Sozialisation und Entwicklung der menschlichen Intelligenz. Vollständig gelöst ist das evolutionsbiologische Rätsel der Kooperation nicht-verwandter Individuen indes bis heute nicht. So ist beispielsweise die Neigung zu uneigennützigem, altruistischem Verhalten in menschlichen Gesellschaften sehr unterschiedlich ausgeprägt.

Zur Redakteursansicht
loading content