Mit Schimpansen zu den Wurzeln unseres Verhaltens

Gruppenerfolge

Räumliche Anordnung der verschiedenen Rollen bei einer kollaborativen Jagd von Taï-Schimpansen. Die Nummerierung entspricht der Reihenfolge, in welcher sich die Rolleninhaber an der Jagd beteiligen. Bild vergrößern
Räumliche Anordnung der verschiedenen Rollen bei einer kollaborativen Jagd von Taï-Schimpansen. Die Nummerierung entspricht der Reihenfolge, in welcher sich die Rolleninhaber an der Jagd beteiligen.

Untersuchungen im Freiland an unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen, zeigen sehr anschaulich, wie und wann es zur Gruppenbildung kommt: Moderne Schimpansen jagen überwiegend geschwänzte Stummelaffen und holen etwa 30 Prozent ihrer gesamten Kalorienzufuhr aus dem so erbeuteten Fleisch. Für die Jagd bilden Schimpansen organisierte Gruppen und entwickeln komplexe Strategien – etwas, das ansonsten nur bei Löwen, Wölfen und Dingos zu beobachten ist. Dem Jagdrudel gehören ausschließlich Männchen an. Christophe Boesch, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, hat im Taï Nationalpark an der Elfenbeinküste beobachtet, wie Schimpansen in koordinierten Gruppen Stummelaffen fangen.

Die Tiere übernehmen bei dieser Gruppenjagd unterschiedliche Rollen: Ein Stummelaffe, der von seiner Gruppe getrennt werden konnte, wird zunächst auf einem relativ isoliert stehenden Baum in die Enge getrieben. Ein oder zwei Schimpansen (Driver) klettern auf diesen Baum, um das Beutetier nach unten zu scheuchen, während andere (Blocker) in den Kronen der Nachbarbäume sitzen und so verhindern, dass der Affe nach dorthin ausweicht. Oder aber sie hocken sich (Ambusher) unten an die Nachbarbäume, um zu verhindern, dass er an deren Stämmen abwärts klettert und entkommt. Ist die Beute gefasst, wird sie getötet und die Jäger (Chaser) teilen das Fleisch untereinander auf.

Der Jagderfolg steigt mit der Größe der Gruppe, so dass besonders große Gruppen, in denen alle Rollen besetzt werden können, besonders erfolgreich sind. Während einer solchen gemeinschaftli­chen Jagd, stimmen die Jäger ihre Handlungen und Bewegungen aufeinander ab – und können sogar das Verhalten der anderen Jäger vorausahnen. Teilweise übernehmen die Tiere im Verlauf der Jagd eine andere Rolle. Dieses Verhalten ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass die Beute entsprechend dem Beitrag des Individuums zum Jagderfolg aufgeteilt wird. Jäger erhalten mehr Fleisch als Nichtjäger, und jene, die die wichtigen Jagdrollen übernommen haben, bekommen mehr als die, die weniger bedeutende Rollen innehatten. So bekommen Treiber (Driver) dreimal weniger von der Beute als jene Tiere (Chaser), die die Beute gefangen und getötet haben.

Vor dem Hintergrund der Eigennutz-Hypothese sollten Schimpansen somit nur am Boden auf die flüchtende Beute warten, weil ihnen das mehr Fleisch garantiert. Die Gruppenjagd würde dann immer seltener. Das aber ist nicht der Fall, wie die Leipziger Primatologen bei ihren Untersuchungen feststellten. 250 Gruppenjagden konnten sie allein in einem Jahr beobachten. Offenbar verfolgen die Tiere wirklich ein „gemeinsames Ziel“, das der einzelne nicht erreichen kann, und übernehmen sehr flexibel die jeweils notwendige Rolle bei der Gruppenjagd – unabhängig von ihrem eigenen kurzfristigen Nutzen.

Während der Gruppenjagd von verschiedenen männlichen Taï-Schimpansen eingenommene Rollen. Bild vergrößern
Während der Gruppenjagd von verschiedenen männlichen Taï-Schimpansen eingenommene Rollen.

Allerdings fällt die Neigung zur Gruppenjagd in den verschiedenen Populationen ebenso wie die Organisation der Gruppen sehr unterschiedlich aus. Das beobachtete Verhalten ist abhängig von den jeweils vorherrschenden ökologischen Bedingungen. So wird der Jagderfolg sehr stark von der Art des Geländes bestimmt: In einem Wald mit nicht ganz geschlossenem Kronendach lässt sich die Beute auf einem Baum in die Enge treiben und auch ein einzelner Jäger kann dann erfolgreich sein. Schimpansen im Gombe jagen deshalb in allererster Linie alleine, während Schimpansen im dichten Taï die Gruppenjagd bevorzugen. Diese unterschiedlichen Ergebnisse zeigen, wie wichtig es ist, Daten aus verschiedenen Freiland-Studien auszuwerten. Denn Kooperation kann nur beobachtet werden, wenn die Bedingungen so sind, dass sich Teamwork auch wirklich auszahlt.

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