Mit Schimpansen zu den Wurzeln unseres Verhaltens

Die Evolution von Kooperation

Das sogenannte Grooming, die gegenseitige Fellpflege, stärkt die sozialen Bindungen in der Gruppe. Bild vergrößern
Das sogenannte Grooming, die gegenseitige Fellpflege, stärkt die sozialen Bindungen in der Gruppe.

Lange Zeit war umstritten, ob die Ausbildung kognitiver und mentaler Fähigkeiten gleichermaßen evolutionären Spielregeln folgt wie die anatomische und genetische Entwicklung von Organismen. Tatsächlich können wir jedoch davon ausgehen, dass bestimmte menschliche Verhaltensweisen eine lange evolutionäre Geschichte haben und dass vergleichende Untersuchungen u.a. an unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen, Hinweise liefern, wie diese Verhaltensweisen evolviert wurden und welche Faktoren sie begünstigt haben. Damit kommen wir auch einer Antwort auf die Frage näher, was den Menschen zum Menschen macht. Was trieb unsere frühen Vorfahren dazu an, größere Gehirne, höhere Intelligenz und schließlich eine auf Sprache beruhende Kultur herauszubilden?

Ein ganz wichtiger Aspekt scheint in diesem Zusammenhang die Fähigkeit zur Kooperation zu sein. Der moderne Mensch ist ein Meister der Kooperation: Von den Jäger-und-Sammler-Gesellschaften bis hin zu Nationalstaaten – Kooperation ist das entscheidende organisatorische Prinzip menschlicher Gesellschaften. Keine andere Lebensform auf dieser Erde ist eingebunden in derart komplexe Spiele von Kooperation und Nichtkooperation. Wie aber kann Kooperation entstehen und stabil aufrechterhalten werden? Bereits Darwin erkannte, dass die natürliche Selektion ein Merkmal nicht fördern kann, das nur von Nutzen für den anderen und nicht für einen selbst ist.

Forscher haben sich dieser Frage zunächst von theoretischer Seite her genähert. Dabei wurde schnell deutlich, dass sich in einer gemischten Population die nicht-kooperierenden Individuen, sprich die Egoisten durchsetzen, weil sie einen Fitnessvorteil besitzen. Denn sie optimieren nur auf den eigenen Nutzen. Im Laufe der Zeit verschwinden daher die kooperierenden Mitglieder aus der Population. Tatsächlich hat aber eine nur aus Egoisten bestehende Population die niedrigste Gesamtfitness, während eine nur aus kooperierenden Mitgliedern bestehende Population die höchste besitzt. Kooperation bringt also einen Vorteil, ist aber zur Aufrechterhaltung offenbar auf einen stützenden Mechanismus angewiesen.

In den 1960er Jahren beschrieben John Maynard Smith und William D. Hamilton den Mechanismus der Verwandtenselektion (engl. kin selection): Gegenüber Verwandten sind Menschen, aber auch andere Tierarten, im Durchschnitt weniger eigennützig als gegenüber nicht-verwandten Individuen. Nahe Verwandte haben nämlich aufgrund ihrer identischen Vorfahren einen hohen Anteil identischer Gene. Verwandtenhilfe erhöht somit die Wahrscheinlichkeit, „eigene“ Gene in die nächste Generation weiterzugeben. Die Bereitschaft zu kooperativem und altruistischem Handeln sollte umso höher sein, je höher der Grad der Verwandtschaft zwischen zwei Individuen ist. Tatsächlich verstehen wir Familienbeziehungen besser, wenn wir sie vom Standpunkt der Gene aus betrachten statt vom Standpunkt der Individuen. Ein Individuum hat keinen Vorteil, wenn es bei der Verteidigung seiner Nachkommen stirbt, seine Gene jedoch schon. Und das genügt. Denn Gegenstand der Selektion sind die Gene.

Die Verwandtenselektion erklärt jedoch nicht, wie es zu Kooperation zwischen nicht-verwandten Individuen kommt. Nun gibt es Situationen, in denen es von Vorteil ist, die Verfolgung des Eigeninteresses zurückzustellen, weil durch Kooperation ein für alle besseres Ergebnis erzielt werden kann. So kann eine Gruppe kooperierender Individuen weitaus erfolgreicher sein als eine Gruppe nicht-kooperierender Individuen. Allerdings besteht ein unausweichlicher Konflikt zwischen der natürlichen Selektion auf der Ebene des Individuums und der natürlichen Selektion auf Gruppenebene. Deshalb gilt: Sinkt der Nutzen der Gruppenmitgliedschaft unter den eines Lebens als Einzelgänger, so wird die Selektion beim Individuum unkooperatives Verhalten eher fördern. Steigt dagegen der persönliche Nutzen der Gruppenmitgliedschaft weit genug an, so zeigen die Mitglieder kooperatives Verhalten. Die genetische Fitness eines Individuums ist dann eine Folge sowohl der individuellen als auch der Gruppenselektion.

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