Prognosen mit großen Unsicherheiten

Ob die Fusion eines Tages tatsächlich kommt, hängt nicht zuletzt auch von der Akzeptanz seitens der Bevölkerung ab. Das Problem: Heute dürften die wenigsten den genauen Unterschied zwischen Kernspaltung und -fusion benennen können. „Es ist schwer über die Akzeptanz einer Technologie zu sprechen, die die meisten Menschen nicht oder nur grob kennen“, sagt Hamacher. Also gab man bei der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg eine sozialwissenschaftliche Untersuchung mit so genannten Fokus-Gruppen in Auftrag. So heißt eine Methode, der sich auch Marketing-Experten bedienen, etwa um herauszufinden, ob ein Werbespot ankommt oder nicht.

Die Akademie-Wissenschaftler luden Laien ein, erzählten ihnen, was Fusion eigentlich ist und stellten anschließend zwei Positionen vor – jeweils eine dafür und eine dagegen. Danach wurde über die Fusion diskutiert. Das Stimmungsbild: Die Leute sahen durchaus Unterschiede zur konventionellen Kernkraft. Zwar war bei den meisten die Solarenergie noch höher im Kurs als die Fusion. Aber sie wurde durchaus als Alternative zur Kernkraft gesehen, mit wesentlichen Vorteilen in punkto Sicherheit, Umwelteigenschaften und Ressourcen.

Dass die Garchinger Forscher mit Probanden aus Fleisch und Blut arbeiten, ist eher die Ausnahme als die Regel: „Unsere Hauptwerkzeuge sind Energiemodelle. Das sind Computerprogramme, die wir zum Teil selbst schreiben“, sagt Hamacher. In diese Software gibt er ausgiebige Datensätze ein, etwa über den derzeitigen Energiemix von Indien. Dann starten die Simulationen und Optimierungsschleifen am Rechner. „Unsere schwierigste Aufgabe besteht darin, die Rechenergebnisse vernünftig zu interpretieren, um sagen zu können, was sie überhaupt bedeuten.“

Auf konkrete Zahlen legt sich der Physiker dabei nur ungern fest – dazu sind die Unwägbarkeiten bei Langzeitprognosen einfach zu groß. „Das ist das große Problem unserer Zunft der System-Modellierer“, beklagt Hamacher. Die Politik verlange konkrete Zahlen und lasse ihre Entscheidungen am liebsten auf einem einzigen Szenario basieren. Nur müsse man als Wissenschaftler sagen: Das geht so nicht! Denn: „Wir haben nicht die Möglichkeit der exakten Vorhersagen, sondern können nur bestimmte Korridore identifizieren.“

Die Energieversorgung ist ein überaus filigranes Gebilde – ein System, das bereits heute wissenschaftlich nur schwer zu beschreiben ist, das von vielen unklaren Faktoren abhängt und auf das sehr viele Akteure Einfluss haben. „Vor diesem Hintergrund ist etwa die Entwicklung der regenerativen Energien bei Weitem nicht so einfach und gradlinig, wie es manche Zeitgenossen gern sehen wollen“, sagt Hamacher. „Viele Ergebnisse werden falsch verkauft. Das ist traurig und hilft keinem wirklich weiter.“ Außerdem gebe es zur Energieversorgung zu viel Auftragsforschung. Nötig wäre dagegen mehr unabhängige Forschung. Er selbst habe da Glück: Obwohl er mit den Entwicklern der Kernfusion zusammenarbeitet, würden diese seine Forschung nicht beeinflussen.

aus: MaxPlanckForschung 2/2006; Autor: Frank Grotelüschen

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