Fusionskraftwerke können überall stehen

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Die fossilen Energieträger gehen zur Neige, der globale, menschengemachte Klimawandel verstärkt sich – günstige Rahmenbedingungen also für kommerzielle Fusionskraftwerke, die ab Mitte des Jahrhunderts zur Verfügung stehen könnten. Ob sie sich tatsächlich durchsetzen werden, hängt jedoch nicht zuletzt vom Preis ab. Die Fachleute am IPP haben abgeschätzt, wie viel die Kilowattstunde aus dem Fusionsreaktor einmal kosten könnte: Sie ist sicher teurer als heute bei einem Kohle- oder Kernkraftwerk, aber nicht um Größenordnungen, sondern vergleichbar mit alternativen Methoden der Stromerzeugung wie den erneuerbaren Energien. In Zahlen: Optimistische Schätzungen landen nach heutigen Preisen bei fünf Cent pro Kilowattstunde, weniger optimistische bei zehn Cent. „Doch perspektivisch gibt es in der Technik noch viele Entwicklungsmöglichkeiten, die den Fusionsstrom wirtschaftlicher machen könnten“, betont Hamacher.

Für die Fusion sprechen auch Hamachers Abschätzungen zu den externen Kosten. So nennt man Kosten, die in den tatsächlichen Marktpreis nicht mit eingehen, aber trotzdem Einzelne oder die gesamte Gesellschaft belasten. Ein Beispiel: Wird in der Nähe eines Hauses ein Flughafen gebaut, dürfte der Wert dieses Hauses durch die erhöhte Lärmbelästigung sinken. Die Fluggäste aber müssen diesen Verlust nicht durch höhere Ticketpreise zahlen – der Hausbesitzer hat schlicht Pech gehabt. Ebenso wenig sind die Folgen des Treibhauseffekts nicht durch den Benzinpreis an der Tankstelle abgedeckt. „Die Fusion hat sehr niedrige externe Kosten“, konstatiert Hamacher. „Sie sind mit Wind- und Solarkraftwerken vergleichbar.“ Aber: Bei der Interpretation der Zahlen müsse man sehr vorsichtig sein, es seien lediglich Richtwerte.

Für welche Länder und Regionen die Fusion vor allem interessant wäre, hänge von den jeweiligen Rahmenbedingungen ab. So müsse Deutschland eines Tages seine großen Braunkohlekraftwerke im rheinischen Revier und in Ostdeutschland ersetzen. Da könne man sich gut vorstellen, dass eine Technik wie die Fusion gern genommen werde.

Eingehende Studien haben die Forscher auch für Indien gemacht. „Dort wird die Stromnachfrage sicher auch nach dem Jahr 2050 weiter wachsen“, glaubt Hamacher. „Die Fusion dürfte in Indien sehr willkommen sein, weil sie den großen Vorteil hat, dass sie relativ standortunabhängig ist und man an vielen Stellen im Land Reaktoren bauen könnte.“ Das würde ein Problem lösen, das Indien heute hat: Um die Kohle zu den Kraftwerken zu bringen, reichen die Transportkapazitäten nicht aus. Ein Fusionskraftwerk hingegen kann im Prinzip überall stehen – die Ressourcen sind praktisch überall vorhanden und müssen nicht in rauen Mengen durch das Land gekarrt werden. Die Hauptkonkurrenz für die Fusion sehen die Forscher in den konventionellen Kernkraftwerken. „Sollten in einigen Jahrzehnten nach wie vor Kernkraftwerke gebaut werden, haben sie sicher einen wirtschaftlichen Vorteil gegenüber der Fusion.“

Dagegen dürften sich Fusion und erneuerbare Energien ergänzen, statt miteinander zu konkurrieren. Die Wissenschaftler verfolgen dabei die Vision, dass ein globales Stromnetz die ganze Welt miteinander verbindet. Regenerativ gewonnener Strom gelangt von den günstigen Quellen in der Sahara (Solarenergie), in Argentinien (Windkraft) oder in Kanada (Wasserkraft) zu den Verbrauchszentren in Europa, Asien und den USA. „Trotzdem wird man an den Knotenpunkten versuchen, eine gewisse Eigenversorgung zu gewährleisten“, glaubt Hamacher. „Da bietet sich die Fusion geradezu an.“

Und sie taugt auch dazu, eine ganze Region unabhängig zu versorgen. Die Garchinger Wissenschaftler haben sich das einmal für Bayern angeguckt. Ergebnis: Hier könnte die Fusion besser als viele andere Techniken eine gewisse Autarkie bieten. Die erneuerbaren Energien hingegen haben Schwierigkeiten, bei ihnen gibt es die guten Angebote immer nur an bestimmten Orten; der Wind weht vor allem an der See, die Sonne scheint am hellsten in der Wüste.

Auf lange Sicht könnte die Fusion im Strommix der Zukunft 10 bis 20 Prozent ausmachen, in höher industrialisierten Ländern vielleicht sogar 30 Prozent, prognostiziert die Gruppe. Das sei etwa soviel wie heute die Kernenergie. Ein energetisches Allheilmittel jedoch ist die Kernfusion nicht: „Man sollte generell von der Vorstellung Abschied nehmen, dass eine Technologie alles übernehmen kann“, betont Thomas Hamacher. Die Stromerzeugung sei schon heute sehr heterogen, das dürfte auch in Zukunft so bleiben. „Wenn in einer Volkswirtschaft Dinge wie die CO2-Minderung Ernst genommen werden, hat die Fusion eine gute Chance“, resümiert der Physiker. „Wenn man aber weiter ohne Begrenzungen CO2 emittiert, wird es sicher knapp für die Fusion und auch für die erneuerbaren Energien.“

Indiens Strombedarf wird künftig stark steigen, den größten Teil davon werden fossile Energieträger decken. Die Kernfusion könnte ähnlich viel beitragen wie die Kernspaltung. Bild vergrößern
Indiens Strombedarf wird künftig stark steigen, den größten Teil davon werden fossile Energieträger decken. Die Kernfusion könnte ähnlich viel beitragen wie die Kernspaltung.
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