Profiteure des Energiebooms

In Yamal entwickelt sich die Rentierhaltung positiv: In Schlachtfabriken verarbeitetes Fleisch findet Abnehmer bei Industriefirmen, deren Gasbohrtürme ganze Landstriche prägen. Bild vergrößern
In Yamal entwickelt sich die Rentierhaltung positiv: In Schlachtfabriken verarbeitetes Fleisch findet Abnehmer bei Industriefirmen, deren Gasbohrtürme ganze Landstriche prägen.

Wir waren überrascht festzustellen, dass die Rolle der Industrie vielleicht ein Faktor zur Erklärung der Unterschiede zwischen Yamal und Chukotka ist. Da Yamal die Nummer eins unter den Gas liefernden Regionen in Russland ist und unter den Öl fördernden Regionen an zweiter Stelle steht, verfügt die Regionalregierung über gute Steuereinnahmen. Weitere Gelder fließen ihr aufgrund von Regelungen zur Gewinnbeteiligung mit der Industrie zu. Die Industrie hält es für einen Vorteil, mit den Rentierhaltern in guten Geschäftsverbindungen zu bleiben. Sie bekommt das Fleisch für ihre Arbeiter zu einem besseren Preis und hofft darauf, im Falle von Streitigkeiten über Umweltschäden – die tatsächlich vorkommen – bei den Rentierhaltern einen guten Stand zu haben. Dies wird wahrscheinlich in Zukunft noch ein konfliktträchtiges Thema werden.

In Chukotka dagegen ist die Industrie spärlich entwickelt. Die Region hat hauptsächlich Gold, aber die Minen arbeiten bisher nicht profitabel. Beim Anlegen von Goldminen wurden in der Regel Rentierweiden beschlagnahmt und damit die Herden vertrieben. Die Industrie hat die Administration in Chukotka nicht wie in Yamal bereichert – vielmehr ist Chukotka Russlands am höchsten verschuldete Region. Im vergangenen Jahr wurde die Regionalregierung für bankrott erklärt. Chukotka hat jetzt einen neuen Gouverneur, der aktiv darum bemüht ist, sowohl Goldadern als auch Ölquellen in Chukotka zu nutzen. Ist er erfolgreich, können wir die Hypothese über die Vorzüge einer gesunden Industrie für Rentierzüchter auch in dieser Region überprüfen.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass in Yamal ein allgemeiner Trend zur Kontinuität zu sehen ist, dem in Chukotka ein Trend zur Zerrüttung gegenübersteht. Wir arbeiten daran, diese Unterschiede noch besser zu verstehen und Erklärungen für sie zu finden. Grundsätzlich lässt sich sagen: Betrachtet man Fragestellungen wie die nach der Rolle der Industrie, der Reorganisation staatlicher Betriebe und der Verteilung von Eigentum, dann repräsentiert Sibirien sehr gut sowohl die sozialistischen Bedingungen als auch die postsozialistische Transformation. Vergleichende Forschung hilft uns hier nicht nur dabei, ein vollständigeres Bild des russischen Nordens zu erhalten, sondern zeigt auch die Bandbreite der Variationsmöglichkeiten, die für postsozialistische Systeme in ganz Eurasien typisch ist. Unsere Forschung fordert dazu auf, nicht nur Vergleiche mit Sibirien als Ganzem zu ziehen, sondern auch zwischen bestimmten Gegenden innerhalb Sibiriens und Regionen in Osteuropa. Sie lässt Schlussfolgerungen für alle Gesellschaften zu, die eine Umwandlung weg vom Sozialismus durchmachen.

gekürzte Fassung aus MaxPlanckForschung 2/2002; Autoren: Patty Gray und Florian Stammler

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