Das Erbe der Sowjetunion

In Chukotkas Hauptstadt Anadyr wohnen zehntausend Menschen in Plattenbausiedlungen. Straßen und Bürgersteige sind aufgrund des arktischen Klimas in trostlosem Zustand. Bild vergrößern
In Chukotkas Hauptstadt Anadyr wohnen zehntausend Menschen in Plattenbausiedlungen. Straßen und Bürgersteige sind aufgrund des arktischen Klimas in trostlosem Zustand.

Zieht man Vergleiche zwischen Yamal und Chukotka, dann zeigt sich als fundamentalster Unterschied, dass es in Yamal zu viele Rentiere gibt, während sie in Chukotka fast ganz verschwunden sind. In Yamal wuchsen die Herden zwanzig Jahre lang beständig an, von 363.000 Stück im Jahr 1980 auf 520.000 im Jahr 2001. In Chukotka fiel die Zahl an Rentieren von 540.000 im Jahr 1980 auf 80.000 im Jahr 2001 und zeigt damit das schlimmstmögliche Szenario in ganz Russland. Eine Erklärung für einen solch enormen Unterschied könnte unsere allgemeine Beobachtung liefern, dass die Eingriffe in die Rentierhaltung in Chukotka noch zu Sowjetzeiten offenbar stärker waren als in Yamal. Da die Rentierhaltung in Chukotka so gründlich in das sowjetische System der Zentralplanung eingegliedert war, bedeutete der Zusammenbruch dieser Struktur auch den Zusammenbruch der Rentierhaltung. In Yamal, wo der sowjetische Einfluss weniger durchgreifend war, wurde dagegen ein Weg gefunden, mit dem man nach dem Zusammenbruch des staatlichen Systems weiterarbeiten konnte.

Der unterschiedlich starke sowjetische Einfluss ist auch in einer so grundlegenden Sache wie dem Muster der Herdenwanderrouten offensichtlich. In beiden Regionen wurden die Wanderrouten von sowjetischen Planern vorgeschrieben. In Yamal waren die vorgeschriebenen Routen jedoch ähnlich wie die historischen Muster langer Nord-Süd-Wanderungen der Nentsy, während in Chukotka die Territorien der Staatsbetriebe mehr eingeengt, willkürlicher definiert und im Umkreis um zentral angelegte Dörfer angeordnet wurden.

Die Analyse unserer Daten über Eigentumsverhältnisse zeigt, dass Unterschiede auch in der Gegenwart noch eine Rolle spielen. Man könnte annehmen, dass nach der Privatisierung die Herden einfach in den Privatbesitz der Hirten überführt wurden, doch dies ist nicht überall der Fall. In Yamal blieben die meisten Sovkhozen erhalten, während in Chukotka die Rentierzucht zusammenbrach. In Yamal war der Anteil der privat besessenen Rentiere auch während der Sowjetzeit nie unter 30 Prozent gefallen, während die Kollektivierung in Chukotka so umfassend war, dass der Privatanteil weniger als fünf Prozent betrug.

Zu Zeiten der Perestroika stieg die Zahl privater Rentiere in Yamal wieder und liegt jetzt bei etwa 70 Prozent, in Chukotka blieb sie dagegen auf dem gleichen niedrigen Niveau. In beiden Regionen werden die privat besessenen Rentiere typischerweise gemischt mit den kollektiven Herden gehalten – die Eigentumsverhältnisse sind deshalb oft unübersichtlich. In Yamal wissen nur die Rentierzüchter und „Zootechniker“ – speziell ausgebildete Fachkräfte für Herdenmanagement und veterinäre Vorsorge – wem welches Rentier gehört. Tiere werden oft heimlich vom kollektiven in privates Eigentum überführt, indem einfach die staatliche Ohrmarkierung durch die private eines Rentierhalters ersetzt wird. Einige Angestellte der staatlichen Betriebe in Yamal merkten daher zynisch an, dass privat besessene Rentiere „erstaunlicherweise niemals sterben“.

In Chukotka ist genau das Gegenteil wahrscheinlicher – die Äußerung lautete dort, dass nur privat besessene Tiere verloren gehen oder sterben. Beim Aufbau einer Marktwirtschaft spielen diese Unterschiede eine große Rolle, denn: Wie kann eine kommerzielle Rentier-Industrie ohne Tierbestand wie in Chukotka aufgebaut werden? In Yamal hat sich die Kommerzialisierung der Rentierhaltung bereits zu entwickeln begonnen. So werden schon seit Mitte der 1990er-Jahre Rentiergeweihe verkauft, für die es in China und Korea eine große Nachfrage gibt. Zu diesem Zweck etablierten sich private Firmen, die meisten davon werden von Einheimischen geleitet, die zuvor in staatlichen Betrieben gearbeitet hatten. Es gab einige Experimente mit der lokalen Herstellung und Vermarktung von Rentierprodukten, zum Beispiel Wodka mit einer Beimischung von Geweihextrakt, Rentierwurst und sogar Babynahrung.

Ein ganz anderes Bild findet sich in Chukotka. Obwohl es Begeisterung für das Geweihgeschäft in den frühen 1990er-Jahren gab, war es so schlecht organisiert, dass es keinen Gewinn abwarf und die Leute es wieder aufgaben. Die Rentierhaltung ist im Grunde genommen überhaupt nicht kommerzialisiert, weil es fast keinen Markt für Rentierprodukte gibt – Transportprobleme behindern eine Vermarktung außerhalb der Region, und in der Nähe gibt es keine Industriestädte, die Märkte für Fleisch böten. Außerdem zerstörte eine gewinnsüchtige Regionalverwaltung die wenigen Anstrengungen, die im Bereich echten privaten Unternehmertums gemacht wurden.

Zur Redakteursansicht
loading content