Yamal - Zentrum der Rentierhaltung

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Die indigene Bevölkerung lebt in Yamal mitunter weitab von Ortschaften.

Die Max-Planck-Forscher arbeiten vergleichend in verschiedenen Regionen Sibiriens mit unterschiedlichen ethnischen Gruppen, eine Reihe von zentralen Themen haben sie aber gemeinsam. Dabei geht es vordringlich um das Schicksal der Rentierhaltung in nach-sowjetischer Zeit. Obwohl es aus europäischer Sicht seltsam klingen mag, wurde die Rentierhaltung vom Sowjetstaat als ein Zweig der Landwirtschaft betrachtet. Und Rentierhaltung ist die vorherrschende Form der „Landwirtschaft“ im russischen Norden. Wir konzentrieren uns hier auf die beiden Schauplätze, die geographisch am weitesten voneinander entfernt liegen: Yamal in Westsibirien, das Florian Stammler untersucht, und Chukotka im fernsten Nordosten, über das Patty Gray berichtet.

Yamal wird normalerweise als der einzige Teil Sibiriens betrachtet, wo die Rentierhaltung in ihrer ursprünglichsten Form bewahrt wurde. Vergleiche mit Grays Forschung in Chukotka machen deutlich, dass es in Yamal ironischerweise relativ wenig Beeinflussung durch sowjetische Institutionen gab, obwohl es näher an Moskau liegt. Yamals ursprünglichen Bewohnern – den Nentsy – gelang es, sich trotz der Eingliederung in den Sowjetstaat, eine gewisse Selbstständigkeit zu erhalten. Florian Stammler lebte im Verlauf eines Jahres abwechselnd bei verschiedenen Gemeinschaften, arbeitete bei Brigaden der Staatsbetriebe, privaten Rentierzüchtern und Mitgliedern einer Obshchina. Er befragte zusätzlich Staatsbedienstete auf verschiedenen Ebenen der Administration über politische Konzepte zur Rentierhaltung, über Gesetzgebung in Bezug auf Land und den Abbau von Ressourcen. Zusätzlich zur klassischen Feldforschungsmethode der teilnehmenden Beobachtung sammelte Stammler Daten für seine Dissertation. Er verwendete einen Fragebogen, der hauptsächlich nach den Vorstellungen der Rentierhalter zu Eigentumsfragen im Hinblick auf Land und Tiere und nach der sich entwickelnden Marktwirtschaft fragte.

Die Analyse der Daten zeigt, dass das Eigentum an privaten Rentieren für die Nentsy von höchster Bedeutung ist. Schon zu Sowjetzeiten erhielten sie sich Privateigentum und sie unterstreichen heute, dass die Rentiere weiterhin Eigentum des jeweiligen Haushalts bleiben müssten. Dies würden sie auch in Zukunft niemals aufgeben wollen. Diese ununterbrochene Erfahrung der Haltung privater Rentiere war ein günstiger Ausgangspunkt für Hirten in Yamal, als sich der Übergang zur marktorientierten Wirtschaft abzeichnete. Das kann zum Teil erklären, warum es mit der Rentierhaltung in dieser Region seit dem Zerfall der Sowjetunion besser bestellt ist als anderswo: In Yamal weidet heute die weltweit größte Herde privater Rentiere.

Die Meinungen von Hirten zum anderen wichtigen Forschungsthema – Landeigentum – scheinen überraschend zu sein, wenn man ihre Bevorzugung von privaten Herden berücksichtigt: Sie meinen, dass die Weiden öffentliches Eigentum sein sollen. Dadurch wird Yamal ein besonders interessanter Fall, der im Licht der Idee der Tragedy of the Commons (Tragödie der Gemeinschaftsgüter) zu untersuchen ist. Die Tragedy of the Commons besagt, dass Gemeinschaftsgüter, in diesem Fall die Weiden, immer eine Zustandsverschlechterung erleiden, wenn nicht ein Regulationsmechanismus von außen existiert, der die Menschen davon abhält, die Ländereien im Übermaß zu nutzen. Nach Aussage der Hirten bedeutet das Grasen privater Herden auf öffentlichen Weiden jedoch nicht, dass jeder alle Weiden ohne Unterschied nutzt, wie es in einem System mit „offenem Zugang“ der Fall ist. Im Gegenteil: Die Nomaden kennen die Wanderrouten und Muster der Weidenutzung all ihrer Nachbarn; sie arbeiten zusammen, um das Weideland flexibel zu nutzen.

Sie leben vor allem von der Rentierhaltung - auch die Jüngsten beteiligen sich daran. Bild vergrößern
Sie leben vor allem von der Rentierhaltung - auch die Jüngsten beteiligen sich daran.
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