Sibirien zwischen Kollaps und Kontinuität

Wie schon ihre Vorfahren ziehen Rentierhirten vom Volk der Nenzen auf der Halbinsel Yamal als Nomaden über Land. Bild vergrößern
Wie schon ihre Vorfahren ziehen Rentierhirten vom Volk der Nenzen auf der Halbinsel Yamal als Nomaden über Land.

Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts hat sich das Bild von Sibirien, wie die Öffentlichkeit es sich vorstellt, beträchtlich verändert. Während sein Ruf in der Vergangenheit auf seiner Geschichte als riesiges Gefängnis für alle Arten politisch oder gesellschaftlich unerwünschter Personen beruhte, ist es jetzt hauptsächlich für seine umfangreichen natürlichen Ressourcen bekannt. Sibirien macht flächenmäßig die Hälfte des Territoriums der heutigen Russischen Föderation aus und fördert mehr als 80 Prozent der gesamten Gasmenge Russlands, 70 Prozent seines Öls, baut 60 Prozent seiner Kohle ab und gewinnt fast alle seine Diamanten sowie noch andere wertvolle Rohstoffe. Der größte Teil von Russlands Deviseneinkünften stammt aus dem Export dieser Bodenschätze.

Sibirien ist daher von entscheidender strategischer Bedeutung für Russland und auch für andere Länder, die von seinen Ressourcen abhängen. So ist Russland Deutschlands wichtigster Erdgaslieferant, und Konzerne wie Ruhrgas und BASF importieren Gas aus Sibirien mithilfe von Joint ventures und aufgrund langfristiger Verträge, die bis zum Jahr 2025 laufen. Trotz seiner strategischen Bedeutung beträgt die Bevölkerung Sibiriens nur 17 Prozent der Gesamtbevölkerung der Russischen Föderation; der größte Teil dieser Bevölkerung wanderte im Verlauf der Industrialisierung in den 1960er- und 1970er-Jahren dort ein. Die indigene Bevölkerung Sibiriens ist heute an den Rand gedrängt und zählt insgesamt weniger als 180.000 Menschen. In den meisten Gegenden besteht die Bevölkerung aus einem Gemisch von Zuwanderern aus allen Teilen der früheren Sowjetunion neben einem kleinen Prozentsatz an indigenen ethnischen Gruppen. Mit der fortschreitenden Industrialisierung und der Öffnung Russlands gegenüber den Weltmärkten entwickelte sich eine Diskussion über die Rechte der Urbevölkerung und den Umweltschutz. Dadurch rückten die „Völker des Nordens“, wie sie in Russland offiziell bezeichnet werden, im Verlauf des vergangenen Jahrzehnts ins Zentrum wachsenden nationalen und internationalen Interesses. Auf diese Weise liefert Sibirien eindrucksvolle Kontraste und ungeahnte Möglichkeiten für Gesellschaftsforschung.

Sibirien scheint zwar sehr weit entfernt zu sein, doch es war genauso gründlich in den Sowjetstaat eingegliedert wie der Rest Russlands. Viele Prozesse, die in den sowjetischen Satellitenstaaten stattfanden, passierten auch hier, und viele Institutionen waren bemerkenswert ähnlich. So hat der Aufbau von Staatsbetrieben in Sibirien, der mit der Auflösung von Dörfern und der Umsiedlung ihrer Bewohner verbunden war, große Ähnlichkeit mit dem, was in der DDR vor sich ging. Sibirien ist nur einer von vielen Schauplätzen, an denen um die Bewältigung des sozialistischen Erbes gerungen wird, und der Vergleich mit dem Rest Osteuropas liefert ein vollständigeres Bild über die Natur des Sozialismus und dessen Vermächtnis.

Die Karte zeigt Russland und die geografisch weit voneinander entfernten Untersuchungsgebiete - Yamal und Chukotka. Bild vergrößern
Die Karte zeigt Russland und die geografisch weit voneinander entfernten Untersuchungsgebiete - Yamal und Chukotka.

Yamal - Zentrum der Rentierhaltung

Die indigene Bevölkerung lebt in Yamal mitunter weitab von Ortschaften. Bild vergrößern
Die indigene Bevölkerung lebt in Yamal mitunter weitab von Ortschaften.

Die Max-Planck-Forscher arbeiten vergleichend in verschiedenen Regionen Sibiriens mit unterschiedlichen ethnischen Gruppen, eine Reihe von zentralen Themen haben sie aber gemeinsam. Dabei geht es vordringlich um das Schicksal der Rentierhaltung in nach-sowjetischer Zeit. Obwohl es aus europäischer Sicht seltsam klingen mag, wurde die Rentierhaltung vom Sowjetstaat als ein Zweig der Landwirtschaft betrachtet. Und Rentierhaltung ist die vorherrschende Form der „Landwirtschaft“ im russischen Norden. Wir konzentrieren uns hier auf die beiden Schauplätze, die geographisch am weitesten voneinander entfernt liegen: Yamal in Westsibirien, das Florian Stammler untersucht, und Chukotka im fernsten Nordosten, über das Patty Gray berichtet.

Yamal wird normalerweise als der einzige Teil Sibiriens betrachtet, wo die Rentierhaltung in ihrer ursprünglichsten Form bewahrt wurde. Vergleiche mit Grays Forschung in Chukotka machen deutlich, dass es in Yamal ironischerweise relativ wenig Beeinflussung durch sowjetische Institutionen gab, obwohl es näher an Moskau liegt. Yamals ursprünglichen Bewohnern – den Nentsy – gelang es, sich trotz der Eingliederung in den Sowjetstaat, eine gewisse Selbstständigkeit zu erhalten. Florian Stammler lebte im Verlauf eines Jahres abwechselnd bei verschiedenen Gemeinschaften, arbeitete bei Brigaden der Staatsbetriebe, privaten Rentierzüchtern und Mitgliedern einer Obshchina. Er befragte zusätzlich Staatsbedienstete auf verschiedenen Ebenen der Administration über politische Konzepte zur Rentierhaltung, über Gesetzgebung in Bezug auf Land und den Abbau von Ressourcen. Zusätzlich zur klassischen Feldforschungsmethode der teilnehmenden Beobachtung sammelte Stammler Daten für seine Dissertation. Er verwendete einen Fragebogen, der hauptsächlich nach den Vorstellungen der Rentierhalter zu Eigentumsfragen im Hinblick auf Land und Tiere und nach der sich entwickelnden Marktwirtschaft fragte.

Die Analyse der Daten zeigt, dass das Eigentum an privaten Rentieren für die Nentsy von höchster Bedeutung ist. Schon zu Sowjetzeiten erhielten sie sich Privateigentum und sie unterstreichen heute, dass die Rentiere weiterhin Eigentum des jeweiligen Haushalts bleiben müssten. Dies würden sie auch in Zukunft niemals aufgeben wollen. Diese ununterbrochene Erfahrung der Haltung privater Rentiere war ein günstiger Ausgangspunkt für Hirten in Yamal, als sich der Übergang zur marktorientierten Wirtschaft abzeichnete. Das kann zum Teil erklären, warum es mit der Rentierhaltung in dieser Region seit dem Zerfall der Sowjetunion besser bestellt ist als anderswo: In Yamal weidet heute die weltweit größte Herde privater Rentiere.

Die Meinungen von Hirten zum anderen wichtigen Forschungsthema – Landeigentum – scheinen überraschend zu sein, wenn man ihre Bevorzugung von privaten Herden berücksichtigt: Sie meinen, dass die Weiden öffentliches Eigentum sein sollen. Dadurch wird Yamal ein besonders interessanter Fall, der im Licht der Idee der Tragedy of the Commons (Tragödie der Gemeinschaftsgüter) zu untersuchen ist. Die Tragedy of the Commons besagt, dass Gemeinschaftsgüter, in diesem Fall die Weiden, immer eine Zustandsverschlechterung erleiden, wenn nicht ein Regulationsmechanismus von außen existiert, der die Menschen davon abhält, die Ländereien im Übermaß zu nutzen. Nach Aussage der Hirten bedeutet das Grasen privater Herden auf öffentlichen Weiden jedoch nicht, dass jeder alle Weiden ohne Unterschied nutzt, wie es in einem System mit „offenem Zugang“ der Fall ist. Im Gegenteil: Die Nomaden kennen die Wanderrouten und Muster der Weidenutzung all ihrer Nachbarn; sie arbeiten zusammen, um das Weideland flexibel zu nutzen.

Sie leben vor allem von der Rentierhaltung - auch die Jüngsten beteiligen sich daran. Bild vergrößern
Sie leben vor allem von der Rentierhaltung - auch die Jüngsten beteiligen sich daran.

Eine Region am Abgrund

Die Zahl der in Herden gehaltenen Rentiere geht in Chukotka rapide zurück. Hier fangen Hirten ein Rentier per Lasso, um es dann zu schlachten. Bild vergrößern
Die Zahl der in Herden gehaltenen Rentiere geht in Chukotka rapide zurück. Hier fangen Hirten ein Rentier per Lasso, um es dann zu schlachten.

Ganz anders sieht es in Chukotka aus, das im äußersten Nordosten Russlands, gegenüber von Alaska, auf der anderen Seite der Beringstraße liegt. Chukotka ist vermutlich am besten bekannt für seine Kulturen von Jägern auf der Chukchi-Halbinsel, die Meeressäuger jagen; aber diese Jäger repräsentieren nur eine kleine Minderheit der indigenen Bevölkerung von Chukotka. Alle Forschungen von Patty Gray finden in zwei Distrikten in der westlichen Tundra-Region von Chukotka statt, wo der größte Teil der indigenen Bevölkerung lebt und Rentierhaltung vorherrscht. Gray ist besonders an der politischen Dynamik zwischen der Regionalhauptstadt, den Distriktzentren und den weit verstreut liegenden Dörfern interessiert. Sie ist dasjenige Mitglied der Gruppe, das wahrscheinlich die wenigste Zeit in der Tundra mit den Rentierzüchtern verbracht hat. Stattdessen war sie oft den Leuten in Verwaltungen auf der Spur, die Maßnahmen verfügen und umsetzen, die sich dann für die Rentierzüchter als gut oder schlecht erweisen.

Grays Forschung hat im Lauf der Jahre ein zunehmend trostloses Bild von Chukotka ans Licht gebracht, besonders in den Dörfern mit Rentierhaltung. Chukotkas Wirtschaft liegt seit dem Zerfall der Sowjetunion in Trümmern, was ernsthafte Zusammenbrüche in der Infrastruktur verursacht hat. Gab es in der Vergangenheit regelmäßige Flugverbindungen mit Flugzeug oder Hubschrauber, durch die viele Orte innerhalb Chukotkas miteinander verbunden waren, sehen sich viele Bewohner heute als „Geiseln“, die sich nicht mehr so in der Region bewegen können, wie es in der Vergangenheit selbstverständlich war.

Die staatlichen Landwirtschaftsbetriebe wurden in den frühen 1990er-Jahren privatisiert und begannen in der Folge zu zerfallen. Das hat eine extrem negative Auswirkung auf die Rentierhaltung – ein Symptom dafür ist ein deutlicher Rückgang der Rentierzahl. Es gibt auch eine deutliche Steigerung der Todesrate mit einem höheren Anteil an Selbstmorden, Morden und durch Alkohol verursachten Todesfällen. Die Rentierzüchter, die Patty Gray interviewte, beschrieben den Schock, den sie fühlten, als die staatlichen Landwirtschaftsbetriebe plötzlich keine Löhne mehr bezahlten und ihre Tundra-Camps nicht mehr regelmäßig mit Vorräten belieferten.

Die Verwaltung von Chukotka war nicht geneigt, den Bewohnern von Dörfern zu viel Selbstverwaltung zuzugestehen. Sie lehnte Gesetzesinitiativen ab, die bestehende Obshchiny gestärkt und die Gründung von neuen unterstützt hätten. Für die drei bestehenden Obshchiny in Chukotka bedeutete das, dass sie im Bemühen um ihre Existenz ohne Unterstützung waren und von der regionalen Verwaltung allein gelassen wurden. Daher wusste die Obshchina, die Gray besuchte, selbst kaum, dass sie eine Obshchina war. Als Gray eine Haus-zu-Haus-Befragung der Mitglieder vornahm, stellte sie fest, dass diese sich gar nicht bewusst waren, dass ihre kleine Gemeinschaft inzwischen offiziell registriert worden war.

Das Erbe der Sowjetunion

In Chukotkas Hauptstadt Anadyr wohnen zehntausend Menschen in Plattenbausiedlungen. Straßen und Bürgersteige sind aufgrund des arktischen Klimas in trostlosem Zustand. Bild vergrößern
In Chukotkas Hauptstadt Anadyr wohnen zehntausend Menschen in Plattenbausiedlungen. Straßen und Bürgersteige sind aufgrund des arktischen Klimas in trostlosem Zustand.

Zieht man Vergleiche zwischen Yamal und Chukotka, dann zeigt sich als fundamentalster Unterschied, dass es in Yamal zu viele Rentiere gibt, während sie in Chukotka fast ganz verschwunden sind. In Yamal wuchsen die Herden zwanzig Jahre lang beständig an, von 363.000 Stück im Jahr 1980 auf 520.000 im Jahr 2001. In Chukotka fiel die Zahl an Rentieren von 540.000 im Jahr 1980 auf 80.000 im Jahr 2001 und zeigt damit das schlimmstmögliche Szenario in ganz Russland. Eine Erklärung für einen solch enormen Unterschied könnte unsere allgemeine Beobachtung liefern, dass die Eingriffe in die Rentierhaltung in Chukotka noch zu Sowjetzeiten offenbar stärker waren als in Yamal. Da die Rentierhaltung in Chukotka so gründlich in das sowjetische System der Zentralplanung eingegliedert war, bedeutete der Zusammenbruch dieser Struktur auch den Zusammenbruch der Rentierhaltung. In Yamal, wo der sowjetische Einfluss weniger durchgreifend war, wurde dagegen ein Weg gefunden, mit dem man nach dem Zusammenbruch des staatlichen Systems weiterarbeiten konnte.

Der unterschiedlich starke sowjetische Einfluss ist auch in einer so grundlegenden Sache wie dem Muster der Herdenwanderrouten offensichtlich. In beiden Regionen wurden die Wanderrouten von sowjetischen Planern vorgeschrieben. In Yamal waren die vorgeschriebenen Routen jedoch ähnlich wie die historischen Muster langer Nord-Süd-Wanderungen der Nentsy, während in Chukotka die Territorien der Staatsbetriebe mehr eingeengt, willkürlicher definiert und im Umkreis um zentral angelegte Dörfer angeordnet wurden.

Die Analyse unserer Daten über Eigentumsverhältnisse zeigt, dass Unterschiede auch in der Gegenwart noch eine Rolle spielen. Man könnte annehmen, dass nach der Privatisierung die Herden einfach in den Privatbesitz der Hirten überführt wurden, doch dies ist nicht überall der Fall. In Yamal blieben die meisten Sovkhozen erhalten, während in Chukotka die Rentierzucht zusammenbrach. In Yamal war der Anteil der privat besessenen Rentiere auch während der Sowjetzeit nie unter 30 Prozent gefallen, während die Kollektivierung in Chukotka so umfassend war, dass der Privatanteil weniger als fünf Prozent betrug.

Zu Zeiten der Perestroika stieg die Zahl privater Rentiere in Yamal wieder und liegt jetzt bei etwa 70 Prozent, in Chukotka blieb sie dagegen auf dem gleichen niedrigen Niveau. In beiden Regionen werden die privat besessenen Rentiere typischerweise gemischt mit den kollektiven Herden gehalten – die Eigentumsverhältnisse sind deshalb oft unübersichtlich. In Yamal wissen nur die Rentierzüchter und „Zootechniker“ – speziell ausgebildete Fachkräfte für Herdenmanagement und veterinäre Vorsorge – wem welches Rentier gehört. Tiere werden oft heimlich vom kollektiven in privates Eigentum überführt, indem einfach die staatliche Ohrmarkierung durch die private eines Rentierhalters ersetzt wird. Einige Angestellte der staatlichen Betriebe in Yamal merkten daher zynisch an, dass privat besessene Rentiere „erstaunlicherweise niemals sterben“.

In Chukotka ist genau das Gegenteil wahrscheinlicher – die Äußerung lautete dort, dass nur privat besessene Tiere verloren gehen oder sterben. Beim Aufbau einer Marktwirtschaft spielen diese Unterschiede eine große Rolle, denn: Wie kann eine kommerzielle Rentier-Industrie ohne Tierbestand wie in Chukotka aufgebaut werden? In Yamal hat sich die Kommerzialisierung der Rentierhaltung bereits zu entwickeln begonnen. So werden schon seit Mitte der 1990er-Jahre Rentiergeweihe verkauft, für die es in China und Korea eine große Nachfrage gibt. Zu diesem Zweck etablierten sich private Firmen, die meisten davon werden von Einheimischen geleitet, die zuvor in staatlichen Betrieben gearbeitet hatten. Es gab einige Experimente mit der lokalen Herstellung und Vermarktung von Rentierprodukten, zum Beispiel Wodka mit einer Beimischung von Geweihextrakt, Rentierwurst und sogar Babynahrung.

Ein ganz anderes Bild findet sich in Chukotka. Obwohl es Begeisterung für das Geweihgeschäft in den frühen 1990er-Jahren gab, war es so schlecht organisiert, dass es keinen Gewinn abwarf und die Leute es wieder aufgaben. Die Rentierhaltung ist im Grunde genommen überhaupt nicht kommerzialisiert, weil es fast keinen Markt für Rentierprodukte gibt – Transportprobleme behindern eine Vermarktung außerhalb der Region, und in der Nähe gibt es keine Industriestädte, die Märkte für Fleisch böten. Außerdem zerstörte eine gewinnsüchtige Regionalverwaltung die wenigen Anstrengungen, die im Bereich echten privaten Unternehmertums gemacht wurden.

Profiteure des Energiebooms

In Yamal entwickelt sich die Rentierhaltung positiv: In Schlachtfabriken verarbeitetes Fleisch findet Abnehmer bei Industriefirmen, deren Gasbohrtürme ganze Landstriche prägen. Bild vergrößern
In Yamal entwickelt sich die Rentierhaltung positiv: In Schlachtfabriken verarbeitetes Fleisch findet Abnehmer bei Industriefirmen, deren Gasbohrtürme ganze Landstriche prägen.

Wir waren überrascht festzustellen, dass die Rolle der Industrie vielleicht ein Faktor zur Erklärung der Unterschiede zwischen Yamal und Chukotka ist. Da Yamal die Nummer eins unter den Gas liefernden Regionen in Russland ist und unter den Öl fördernden Regionen an zweiter Stelle steht, verfügt die Regionalregierung über gute Steuereinnahmen. Weitere Gelder fließen ihr aufgrund von Regelungen zur Gewinnbeteiligung mit der Industrie zu. Die Industrie hält es für einen Vorteil, mit den Rentierhaltern in guten Geschäftsverbindungen zu bleiben. Sie bekommt das Fleisch für ihre Arbeiter zu einem besseren Preis und hofft darauf, im Falle von Streitigkeiten über Umweltschäden – die tatsächlich vorkommen – bei den Rentierhaltern einen guten Stand zu haben. Dies wird wahrscheinlich in Zukunft noch ein konfliktträchtiges Thema werden.

In Chukotka dagegen ist die Industrie spärlich entwickelt. Die Region hat hauptsächlich Gold, aber die Minen arbeiten bisher nicht profitabel. Beim Anlegen von Goldminen wurden in der Regel Rentierweiden beschlagnahmt und damit die Herden vertrieben. Die Industrie hat die Administration in Chukotka nicht wie in Yamal bereichert – vielmehr ist Chukotka Russlands am höchsten verschuldete Region. Im vergangenen Jahr wurde die Regionalregierung für bankrott erklärt. Chukotka hat jetzt einen neuen Gouverneur, der aktiv darum bemüht ist, sowohl Goldadern als auch Ölquellen in Chukotka zu nutzen. Ist er erfolgreich, können wir die Hypothese über die Vorzüge einer gesunden Industrie für Rentierzüchter auch in dieser Region überprüfen.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass in Yamal ein allgemeiner Trend zur Kontinuität zu sehen ist, dem in Chukotka ein Trend zur Zerrüttung gegenübersteht. Wir arbeiten daran, diese Unterschiede noch besser zu verstehen und Erklärungen für sie zu finden. Grundsätzlich lässt sich sagen: Betrachtet man Fragestellungen wie die nach der Rolle der Industrie, der Reorganisation staatlicher Betriebe und der Verteilung von Eigentum, dann repräsentiert Sibirien sehr gut sowohl die sozialistischen Bedingungen als auch die postsozialistische Transformation. Vergleichende Forschung hilft uns hier nicht nur dabei, ein vollständigeres Bild des russischen Nordens zu erhalten, sondern zeigt auch die Bandbreite der Variationsmöglichkeiten, die für postsozialistische Systeme in ganz Eurasien typisch ist. Unsere Forschung fordert dazu auf, nicht nur Vergleiche mit Sibirien als Ganzem zu ziehen, sondern auch zwischen bestimmten Gegenden innerhalb Sibiriens und Regionen in Osteuropa. Sie lässt Schlussfolgerungen für alle Gesellschaften zu, die eine Umwandlung weg vom Sozialismus durchmachen.

gekürzte Fassung aus MaxPlanckForschung 2/2002; Autoren: Patty Gray und Florian Stammler