Russlands Weg zwischen Tradition und Moderne

Mitsprachrechte für Indigene

Während der Wanderungen leben die Rentierzüchter in Zelten als Selbstversorger - auch das Haareschneiden wird in Eigenregie übernommen. Bild vergrößern
Während der Wanderungen leben die Rentierzüchter in Zelten als Selbstversorger - auch das Haareschneiden wird in Eigenregie übernommen.

Internationale Organisationen fordern eine stärkere und wirksamere Einbindung der lokalen Bevölkerung in alle Vorbereitungs- und Durchführungsprozesse der Öl- und Gasförderprojekte. „Wenn Russlands Indigene eine echte Chance haben sollen, ihr kulturelles Erbe zu bewahren, müssen sie mehr Kontrolle über Land und natürliche Ressourcen erlangen“, schreiben die Max-Planck-Wissenschaftler Brian Donahoe und Agnieszka Halemba in einem Magazinbeitrag. Doch die beiden Ethnologen sind sich auch der zahlreichen Hindernisse bewusst – nicht zuletzt des mangelnden politischen Willens –, wenn es um eine neue Gesetzgebung geht, die die Aktivitäten im russischen Öl- und Gassektor stärker kontrolliert.

Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Interessenverbände wie RAIPON (Russian Association of Indigenous Peoples of the North) arbeiten auf föderaler Ebene mit an der Verbesserung der bestehenden Umwelt-, Sozial- und Gesundheitsstandards. Regionale Aktionsgruppen verfolgen das Ziel, eine juristische Grundlage und verlässliche Verhandlungsprozesse zwischen Ölgesellschaften, Behörden und der örtlichen Bevölkerung zu etablieren. Auch negative PR von internationalen Organisationen kann ein wirkungsvolles Mittel sein, um eine Regierung oder einen Konzern unter Druck zu setzen und dazu zu bringen, internationale Standards einzuhalten. „Vor romantischen Vorstellungen über indigene Völker sollten sich aber alle Unterstützergruppen in Acht nehmen“, warnen Donahoe und Halemba. Indigene Völker müssen ihren Lebensstil selbst bestimmen können, und ihr Recht auf Land und Ressourcen darf nicht an eine willkürliche Definition von „traditioneller Lebensweise“ gekoppelt sein. „Die eigentliche Tradition indigener Völker zeichnete sich schon immer durch Flexibilität und Anpassungsfähigkeit aus“, betonen die beiden Ethnologen. Auf die Frage, welche Möglichkeiten er in Bezug auf andere Einnahmequellen für die Indigenen in Russland sieht, verweist Donahoe auf Modelle wie den Landrechtsvertrag in Alaska oder das Autonomieabkommen für Nunavut in Kanada: „Beide Verträge erkennen das Recht der indigenen Gruppen auf die Ressourcen unter der Erde an. Wenn die Erlöse gerecht verteilt werden, könnten sie die notwendige Grundlage für die Stabilisierung indigener Gemeinschaften bilden.“

GEOMAX-Ausgabe 12, Winter 2006/2007; Autorin: Christina Beck

Zur Redakteursansicht
loading content