Russlands Weg zwischen Tradition und Moderne

Öl - Risiken und Chancen

Öl- und Gaspipeline-Infrastruktur auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion. Zur Zeit exportiert Russland 90 Prozent seines Erdöls nach Europa. Bild vergrößern
Öl- und Gaspipeline-Infrastruktur auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion. Zur Zeit exportiert Russland 90 Prozent seines Erdöls nach Europa.

70 Prozent der auf 70 Milliarden Barrel geschätzten russischen Ölreserven lagern in Sibirien, aber auch im Norden der Republik Komi befinden sich wichtige Ölfelder. Zwischen 2000 und 2005 stieg hier die Ölförderung um mehr als 30 Prozent von 8,2 auf 11,2 Millionen Tonnen im Jahr. Das Vordringen der Erdöl- und Erdgasunternehmen in die Tundra und Taiga stellt die traditionellen Landnutzer vor große Probleme. Von den ersten Erkundungsarbeiten über die Erdöl- und Erdgasförderung bis hin zum Transport via Pipelines entstehen erhebliche Umweltbelastungen: Waldflächen werden gerodet, um für Straßen und Hubschrauberlandeplätze Platz zu schaffen. Große Flächen Rentiermoos werden durch die schweren Baumaschinen beschädigt; ihre Regeneration ist ein langwieriger Prozess, denn die empfindliche Pflanze wächst nur ca. einen Millimeter im Jahr. Die Wasserpegel der Flüsse sinken, da im Zuge der Ölförderung das Grundwasser angezapft wird. Giftige Zusatzstoffe gelangen in Boden und Gewässer. Ein großes Problem sind darüber hinaus die zahlreichen Ölverschüttungen (in den 1990er-Jahren gingen Statistiken zufolge etwa 8 bis 10 Prozent des russischen Öls durch Lecks verloren). Öl- und Gaspipelines kreuzen die Wanderrouten der Rentierherden und mindern den Wert der Weideflächen, da die Tiere sich sträuben, diese Hindernisse zu überqueren. In der Nachbarschaft von Ölförderanlagen, Hubschrauberlandeplätzen und Straßen grasen sie wegen des Lärms erst gar nicht. In den vergangenen 40 Jahren wurden die Weideflächen der Komi-Rentierzüchter Stück für Stück verkleinert.

„Trotzdem können die Betriebe der Rentierzüchter von der Erdöl- und Erdgasindustrie auch profitieren, wenn Management, Sicherheit und Umweltstandards funktionieren“, sagt Habeck. „Denn mit den gut verdienenden Ölarbeitern eröffnen sich neue Märkte. So können die Züchter Fleisch und Produkte aus Rentierleder verkaufen und im Gegenzug Grundnahrungsmittel, Kleidung und Treibstoff erwerben.“ Tatsächlich konnten die Wissenschaftler eine signifikante Korrelation zwischen der wirtschaftlichen Lage der Rentierherden-Betriebe und ihrer Nähe zu den Schlachthöfen sowie den Städten und Hauptverkehrswegen feststellen. Drei von sieben Betrieben in der Republik Komi stehen heute auf einer soliden wirtschaftlichen Grundlage. Derzeit versucht man die für beide Seiten problematischen, aber potenziell gewinnbringenden Beziehungen auf eine juristische Basis zu stellen.

Angesichts der strategischen Bedeutung, die die Öl- und Gasreserven für Russland haben, ist mit einer weiteren Expansion in die ökologisch sensiblen Gebiete der Arktis zu rechnen. Mit der Verabschiedung neuer Rahmengesetze zur Land- und Waldnutzung wurden enorme Landflächen in ganz Russland für Firmen und Einzelpersonen zum Kauf frei gegeben. Bis dahin gab es keinen privaten Landbesitz. Den angestammten Bewohnern ist es bisher allerdings nur sehr selten gelungen, ein kollektives Gewohnheitsrecht geltend zu machen. Dringend benötigt würde dazu mehr juristische Expertise. Finanzkräftige Akteure – russische Öl- und Gasfirmen spielen hier eine Schlüsselrolle – sind bei der Landvergabe gegenüber den traditionellen Landnutzern eindeutig im Vorteil. „Die Möglichkeiten der Rentierzüchter, am Prozess der Landvergabe zu partizipieren sind sehr beschränkt“, konstatiert der Ethnologe.

Die Pipelines sind immer wieder ein von den Rentieren nur zögerlich überwundenes Hindernis. Bild vergrößern
Die Pipelines sind immer wieder ein von den Rentieren nur zögerlich überwundenes Hindernis.
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