Russlands Weg zwischen Tradition und Moderne

Land der Einsamkeit

Die Rentierzüchter wandern einen Großteil des Jahres mit ihren Herden (hier wird eine Herde im Korral zusammengetrieben). Bild vergrößern
Die Rentierzüchter wandern einen Großteil des Jahres mit ihren Herden (hier wird eine Herde im Korral zusammengetrieben).

Hier sind die Winter lang mit Temperaturen bis minus 23°C, und auch die kurzen Sommer bleiben kühl mit maximal 19°C im Süden und 12°C im Nordosten. Der größte Teil der Region ist mit borealem Nadelwald, der sogenannten Taiga, bewachsen. Das Gebiet der Republik Komi umfasst eine Fläche von 416.800 km² und ist damit größer als das der Bundesrepublik Deutschland (352.022 km²). Aber es sind nicht viel mehr als eine Million Menschen, die hier leben: Etwa 60 Prozent von ihnen sind Russen, die zweitgrößte Gruppe sind mit einem Anteil von 25 Prozent die Komi, die angestammte Bevölkerung dieser Region. Darüber hinaus gibt es Ukrainer, Weißrussen, Tartaren, Aserbaidshaner, Tschuwaschen, Deutsche, Nenzen und Chanten.

Nur sehr wenige Volksgruppen – wie zum Beispiel die Nenzen und Chanten – können für sich den Status als „indigene Völker“ und damit gewisse Privilegien in Anspruch nehmen. Denn im russischen Recht ist der Begriff „indigene Völker“ relativ eng gefasst: Sie werden definiert als „Völker, die in den traditionellen Siedlungsgebieten ihrer Vorfahren auf traditionelle Weise leben, ihrer traditionellen Wirtschaftsweise nachgehen, innerhalb der russischen Föderation nicht mehr als 50.000 Angehörige aufweisen und sich selbst als eigenständige ethnische Gemeinschaften verstehen“. Durch den willkürlich gesetzten Grenzwert von 50.000 Menschen werden größere Gruppen ausdrücklich von bestimmten Rechten ausgeschlossen, obwohl sie nach internationaler Definition als indigen gelten würden. Allerdings ist der Wohnort ebenso wichtig für das Anrecht auf staatliche Unterstützung und andere Privilegien wie der Status „indigen“. Und so haben alle Bewohner des Hohen Nordens – ob indigen oder nicht – aufgrund der extremen klimatischen und ökologischen Bedingungen, der relativen Unzugänglichkeit, der hohen Produktionskosten und der schwierigen Versorgungslage Anrecht u.a. auf höhere Gehälter im öffentlichen Dienst, ein niedrigeres Renteneintrittsalter und eine garantierte Versorgung mit Gütern wie Treibstoff und Kohle.

Obwohl die „Völker des Nordens“ unterschiedliche geschichtliche und sprachliche Hintergründe haben, gibt es unter ihnen eine Vielzahl kultureller Gemeinsamkeiten. Die geografischen und klimatischen Gegebenheiten forderten eine erwerbsmäßige Anpassung. In der Regel lebten die Menschen daher von der Rentierzucht, vom Fischfang und von der Jagd – und manche tun dies auch heute noch. Ähnlich wie in Sibirien gilt dies auch für den Norden der Republik Komi. Schätzungsweise 1000 Menschen arbeiten hier gegenwärtig als Rentierzüchter. Es gibt sieben Betriebe, in denen die Rentierzüchter organisiert sind. Der größte, Ishemski Olenevod, beschäftigt etwa 350 Rentierzüchter und besitzt über 34.000 Rentiere. Die Mehrheit der Züchter wandert den Großteil des Jahres mit ihrer Herde. Mitte April verlassen sie die Winterweiden in der Taiga und wandern nach Norden. Das Frühjahr, wenn die jungen Rentierkälber geboren werden, verbringen sie am Nordrand der Taiga; den ganzen Sommer über bis in den Herbst hinein halten sie sich dann in der baumlosen Tundra auf. In der zweiten Julihälfte erreichen sie den nördlichsten Punkt ihrer Wanderroute: die Barentssee und die Karasee. Anfang August kehren sie wieder um Richtung Süden. Zu diesem Zeitpunkt werden die Schlachttiere ausgesondert und in separaten Herden zu den Schlachthöfen getrieben, während die Hauptherde ihre Wanderung nach Süden fortsetzt und im Dezember schließlich wieder die Winterweiden erreicht.

Die Grenze zum benachbarten Autonomen Bezirk der Nenzen wird dabei immer wieder überschritten, da hier die Sommerweiden liegen. Nur die Winterweiden und einige Frühjahrsweiden befinden sich in der Republik Komi. Die Wanderkorridore wurden durch das Komitee für Landentwicklung ausgewiesen. „Sie stimmen zwar gut mit den natürlichen Wanderrouten der Herden überein, aber sie reduzieren die Flexibilität, bei Weidelandabnutzung die Routen zu verändern. Das geht dann nur im Einverständnis mit den benachbarten Züchtern“, erklärt Joachim Otto Habeck. Der wissenschaftliche Leiter des Sibirienzentrums am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung, hat die Region erstmals 1998 besucht, um zu untersuchen, wie die lokalen Bewohner, unter ihnen die Rentierzüchter, die Veränderungen in ihrer Umwelt wahrnehmen und wie sie darauf reagieren. Das Ende des Kalten Krieges und die Öffnung Russlands Anfang der 1990er-Jahre ermöglichten es ausländischen Wissenschaftlern, sich davon ein klareres Bild zu machen.

Die Karte zeigt die Wanderkorridore der domestizierten Rentierherden in der Republik Komi. Die Korridore der Betriebe von Ust-Usinski und Severy kreuzen die größte Zone für die Ölproduktion. Bild vergrößern
Die Karte zeigt die Wanderkorridore der domestizierten Rentierherden in der Republik Komi. Die Korridore der Betriebe von Ust-Usinski und Severy kreuzen die größte Zone für die Ölproduktion.
Zur Redakteursansicht
loading content