Russlands Weg zwischen Tradition und Moderne

Die Öl- und Gasförderung dehnt sich immer weiter in die empfindlichen nördlichen Regionen Russlands aus. Die angestammten Einwohner fürchten einen negativen Einfluss auf ihre traditionelle Lebensweise und suchen nach Wegen einer friedlichen Koexistenz. Bild vergrößern
Die Öl- und Gasförderung dehnt sich immer weiter in die empfindlichen nördlichen Regionen Russlands aus. Die angestammten Einwohner fürchten einen negativen Einfluss auf ihre traditionelle Lebensweise und suchen nach Wegen einer friedlichen Koexistenz.

„Russland stoppt Ölexporte in die EU“ – so lauteten Anfang des Jahres die Meldungen in deutschen Tageszeitungen. Im Energiestreit mit Weißrussland hatte der russische Pipelinebetreiber Transneft die Transitpipeline Drushba ("Freundschaft") abgedreht. Etwa ein Fünftel der deutschen Rohölimporte laufen durch diese Leitung. Von dem Ausfall direkt betroffen waren die ostdeutschen Raffinerien in Leuna und Schwedt. Die Versorgung in Deutschland sei nicht gefährdet, beruhigten deutsche Politiker. Anderen EU-Staaten könnte eine längere Lieferunterbrechung jedoch Probleme bereiten. So hängen Polens Ölimporte zu mehr als 90 Prozent von der Drushba-Pipeline ab. Die Reserven des Landes reichen nach Angaben des polnischen Wirtschaftsministeriums für nicht mehr als 80 Tage.

Die meisten westeuropäischen Industriestaaten sind von Öl- und Gasimporten abhängig. Öl und Gas bedeuten nicht nur, dass jederzeit Benzin aus dem Zapfhahn der Tankstelle fließt, die Wohnung im Winter warm und Energie zum Kochen da ist, sie halten auch die Industrieproduktion am Laufen, sichern somit Arbeitsplätze und die Lebensfähigkeit von Städten und Dörfern. Weltweit steigt die Nachfrage nach Öl und Gas, insbesondere in den Schwellenländern China und Indien. In den letzten vier Jahren hat sich der Ölpreis nahezu verdoppelt. Es ist also kein Wunder, dass Moskau seine Rohstoffe nicht mehr zu Vorzugs- oder gar Schleuderpreisen an einstige Bündnispartner abgeben will. Im Streit, der sich an der Einführung eines russischen Exportzuschlags von 180 Dollar pro Tonne Öl für Weißrussland entzündet hatte, musste Weißrussland schließlich klein beigeben und die umstrittene Transitgebühr von 45 Dollar pro Tonne russischen Öls wieder zurücknehmen.

Freilich kommt – ein Jahr nach einer ganz ähnlichen Auseinandersetzung Russlands mit der Ukraine – der Verdacht auf, dass Öl und Gas zu einem Instrument der russischen Außen- und Machtpolitik geworden sind. Hinter dem Energieunternehmen Gazprom steht der Kreml. Und hinter den wirtschaftlichen Interessen stehen auch politische. Es geht dabei nicht nur um satte Gewinne, sondern auch um den Wunsch nach vollständiger Kontrolle der Versorgungskette: Von der Förderung über die Transitleitungen bis zum Endverbraucher in Europa. Mit 640 Milliarden Kubikmeter Erdgas war Russland 2005 der weltweit größte Erdgasförderer vor den USA und Kanada. Bei der Förderung von Erdöl (2005 waren es 470 Millionen Tonnen) lag die Russische Föderation auf Platz 2 hinter Saudi-Arabien. Deutschland importierte im vergangenen Jahr 121 Millionen Tonnen Rohöl aus Russland, ein Drittel seines gesamten Erdölbedarfs. Und auch beim Erdgas ist Russland unser wichtigster Lieferant.

Während man sich in Europa Gedanken macht über die Zuverlässigkeit Russlands als Energielieferant, gelangen die Probleme am anderen Ende der Öl- und Gaspipelines selten an die Öffentlichkeit, schon gar nicht auf die Titelseiten der Tageszeitungen. Mit den ehrgeizigen Zielen russischer Politiker und Unternehmer, Russland zu einem der wichtigsten Akteure im Energiesektor aufzubauen, sind nämlich auch langfristige Landnutzungskonflikte verbunden. Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle an der Saale haben diese unter anderem am Beispiel der Republik Komi im Norden Russlands untersucht.

Land der Einsamkeit

Die Rentierzüchter wandern einen Großteil des Jahres mit ihren Herden (hier wird eine Herde im Korral zusammengetrieben). Bild vergrößern
Die Rentierzüchter wandern einen Großteil des Jahres mit ihren Herden (hier wird eine Herde im Korral zusammengetrieben).

Hier sind die Winter lang mit Temperaturen bis minus 23°C, und auch die kurzen Sommer bleiben kühl mit maximal 19°C im Süden und 12°C im Nordosten. Der größte Teil der Region ist mit borealem Nadelwald, der sogenannten Taiga, bewachsen. Das Gebiet der Republik Komi umfasst eine Fläche von 416.800 km² und ist damit größer als das der Bundesrepublik Deutschland (352.022 km²). Aber es sind nicht viel mehr als eine Million Menschen, die hier leben: Etwa 60 Prozent von ihnen sind Russen, die zweitgrößte Gruppe sind mit einem Anteil von 25 Prozent die Komi, die angestammte Bevölkerung dieser Region. Darüber hinaus gibt es Ukrainer, Weißrussen, Tartaren, Aserbaidshaner, Tschuwaschen, Deutsche, Nenzen und Chanten.

Nur sehr wenige Volksgruppen – wie zum Beispiel die Nenzen und Chanten – können für sich den Status als „indigene Völker“ und damit gewisse Privilegien in Anspruch nehmen. Denn im russischen Recht ist der Begriff „indigene Völker“ relativ eng gefasst: Sie werden definiert als „Völker, die in den traditionellen Siedlungsgebieten ihrer Vorfahren auf traditionelle Weise leben, ihrer traditionellen Wirtschaftsweise nachgehen, innerhalb der russischen Föderation nicht mehr als 50.000 Angehörige aufweisen und sich selbst als eigenständige ethnische Gemeinschaften verstehen“. Durch den willkürlich gesetzten Grenzwert von 50.000 Menschen werden größere Gruppen ausdrücklich von bestimmten Rechten ausgeschlossen, obwohl sie nach internationaler Definition als indigen gelten würden. Allerdings ist der Wohnort ebenso wichtig für das Anrecht auf staatliche Unterstützung und andere Privilegien wie der Status „indigen“. Und so haben alle Bewohner des Hohen Nordens – ob indigen oder nicht – aufgrund der extremen klimatischen und ökologischen Bedingungen, der relativen Unzugänglichkeit, der hohen Produktionskosten und der schwierigen Versorgungslage Anrecht u.a. auf höhere Gehälter im öffentlichen Dienst, ein niedrigeres Renteneintrittsalter und eine garantierte Versorgung mit Gütern wie Treibstoff und Kohle.

Obwohl die „Völker des Nordens“ unterschiedliche geschichtliche und sprachliche Hintergründe haben, gibt es unter ihnen eine Vielzahl kultureller Gemeinsamkeiten. Die geografischen und klimatischen Gegebenheiten forderten eine erwerbsmäßige Anpassung. In der Regel lebten die Menschen daher von der Rentierzucht, vom Fischfang und von der Jagd – und manche tun dies auch heute noch. Ähnlich wie in Sibirien gilt dies auch für den Norden der Republik Komi. Schätzungsweise 1000 Menschen arbeiten hier gegenwärtig als Rentierzüchter. Es gibt sieben Betriebe, in denen die Rentierzüchter organisiert sind. Der größte, Ishemski Olenevod, beschäftigt etwa 350 Rentierzüchter und besitzt über 34.000 Rentiere. Die Mehrheit der Züchter wandert den Großteil des Jahres mit ihrer Herde. Mitte April verlassen sie die Winterweiden in der Taiga und wandern nach Norden. Das Frühjahr, wenn die jungen Rentierkälber geboren werden, verbringen sie am Nordrand der Taiga; den ganzen Sommer über bis in den Herbst hinein halten sie sich dann in der baumlosen Tundra auf. In der zweiten Julihälfte erreichen sie den nördlichsten Punkt ihrer Wanderroute: die Barentssee und die Karasee. Anfang August kehren sie wieder um Richtung Süden. Zu diesem Zeitpunkt werden die Schlachttiere ausgesondert und in separaten Herden zu den Schlachthöfen getrieben, während die Hauptherde ihre Wanderung nach Süden fortsetzt und im Dezember schließlich wieder die Winterweiden erreicht.

Die Grenze zum benachbarten Autonomen Bezirk der Nenzen wird dabei immer wieder überschritten, da hier die Sommerweiden liegen. Nur die Winterweiden und einige Frühjahrsweiden befinden sich in der Republik Komi. Die Wanderkorridore wurden durch das Komitee für Landentwicklung ausgewiesen. „Sie stimmen zwar gut mit den natürlichen Wanderrouten der Herden überein, aber sie reduzieren die Flexibilität, bei Weidelandabnutzung die Routen zu verändern. Das geht dann nur im Einverständnis mit den benachbarten Züchtern“, erklärt Joachim Otto Habeck. Der wissenschaftliche Leiter des Sibirienzentrums am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung, hat die Region erstmals 1998 besucht, um zu untersuchen, wie die lokalen Bewohner, unter ihnen die Rentierzüchter, die Veränderungen in ihrer Umwelt wahrnehmen und wie sie darauf reagieren. Das Ende des Kalten Krieges und die Öffnung Russlands Anfang der 1990er-Jahre ermöglichten es ausländischen Wissenschaftlern, sich davon ein klareres Bild zu machen.

Die Karte zeigt die Wanderkorridore der domestizierten Rentierherden in der Republik Komi. Die Korridore der Betriebe von Ust-Usinski und Severy kreuzen die größte Zone für die Ölproduktion. Bild vergrößern
Die Karte zeigt die Wanderkorridore der domestizierten Rentierherden in der Republik Komi. Die Korridore der Betriebe von Ust-Usinski und Severy kreuzen die größte Zone für die Ölproduktion.

Öl - Risiken und Chancen

Öl- und Gaspipeline-Infrastruktur auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion. Zur Zeit exportiert Russland 90 Prozent seines Erdöls nach Europa. Bild vergrößern
Öl- und Gaspipeline-Infrastruktur auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion. Zur Zeit exportiert Russland 90 Prozent seines Erdöls nach Europa.

70 Prozent der auf 70 Milliarden Barrel geschätzten russischen Ölreserven lagern in Sibirien, aber auch im Norden der Republik Komi befinden sich wichtige Ölfelder. Zwischen 2000 und 2005 stieg hier die Ölförderung um mehr als 30 Prozent von 8,2 auf 11,2 Millionen Tonnen im Jahr. Das Vordringen der Erdöl- und Erdgasunternehmen in die Tundra und Taiga stellt die traditionellen Landnutzer vor große Probleme. Von den ersten Erkundungsarbeiten über die Erdöl- und Erdgasförderung bis hin zum Transport via Pipelines entstehen erhebliche Umweltbelastungen: Waldflächen werden gerodet, um für Straßen und Hubschrauberlandeplätze Platz zu schaffen. Große Flächen Rentiermoos werden durch die schweren Baumaschinen beschädigt; ihre Regeneration ist ein langwieriger Prozess, denn die empfindliche Pflanze wächst nur ca. einen Millimeter im Jahr. Die Wasserpegel der Flüsse sinken, da im Zuge der Ölförderung das Grundwasser angezapft wird. Giftige Zusatzstoffe gelangen in Boden und Gewässer. Ein großes Problem sind darüber hinaus die zahlreichen Ölverschüttungen (in den 1990er-Jahren gingen Statistiken zufolge etwa 8 bis 10 Prozent des russischen Öls durch Lecks verloren). Öl- und Gaspipelines kreuzen die Wanderrouten der Rentierherden und mindern den Wert der Weideflächen, da die Tiere sich sträuben, diese Hindernisse zu überqueren. In der Nachbarschaft von Ölförderanlagen, Hubschrauberlandeplätzen und Straßen grasen sie wegen des Lärms erst gar nicht. In den vergangenen 40 Jahren wurden die Weideflächen der Komi-Rentierzüchter Stück für Stück verkleinert.

„Trotzdem können die Betriebe der Rentierzüchter von der Erdöl- und Erdgasindustrie auch profitieren, wenn Management, Sicherheit und Umweltstandards funktionieren“, sagt Habeck. „Denn mit den gut verdienenden Ölarbeitern eröffnen sich neue Märkte. So können die Züchter Fleisch und Produkte aus Rentierleder verkaufen und im Gegenzug Grundnahrungsmittel, Kleidung und Treibstoff erwerben.“ Tatsächlich konnten die Wissenschaftler eine signifikante Korrelation zwischen der wirtschaftlichen Lage der Rentierherden-Betriebe und ihrer Nähe zu den Schlachthöfen sowie den Städten und Hauptverkehrswegen feststellen. Drei von sieben Betrieben in der Republik Komi stehen heute auf einer soliden wirtschaftlichen Grundlage. Derzeit versucht man die für beide Seiten problematischen, aber potenziell gewinnbringenden Beziehungen auf eine juristische Basis zu stellen.

Angesichts der strategischen Bedeutung, die die Öl- und Gasreserven für Russland haben, ist mit einer weiteren Expansion in die ökologisch sensiblen Gebiete der Arktis zu rechnen. Mit der Verabschiedung neuer Rahmengesetze zur Land- und Waldnutzung wurden enorme Landflächen in ganz Russland für Firmen und Einzelpersonen zum Kauf frei gegeben. Bis dahin gab es keinen privaten Landbesitz. Den angestammten Bewohnern ist es bisher allerdings nur sehr selten gelungen, ein kollektives Gewohnheitsrecht geltend zu machen. Dringend benötigt würde dazu mehr juristische Expertise. Finanzkräftige Akteure – russische Öl- und Gasfirmen spielen hier eine Schlüsselrolle – sind bei der Landvergabe gegenüber den traditionellen Landnutzern eindeutig im Vorteil. „Die Möglichkeiten der Rentierzüchter, am Prozess der Landvergabe zu partizipieren sind sehr beschränkt“, konstatiert der Ethnologe.

Die Pipelines sind immer wieder ein von den Rentieren nur zögerlich überwundenes Hindernis. Bild vergrößern
Die Pipelines sind immer wieder ein von den Rentieren nur zögerlich überwundenes Hindernis.

Mitsprachrechte für Indigene

Während der Wanderungen leben die Rentierzüchter in Zelten als Selbstversorger - auch das Haareschneiden wird in Eigenregie übernommen. Bild vergrößern
Während der Wanderungen leben die Rentierzüchter in Zelten als Selbstversorger - auch das Haareschneiden wird in Eigenregie übernommen.

Internationale Organisationen fordern eine stärkere und wirksamere Einbindung der lokalen Bevölkerung in alle Vorbereitungs- und Durchführungsprozesse der Öl- und Gasförderprojekte. „Wenn Russlands Indigene eine echte Chance haben sollen, ihr kulturelles Erbe zu bewahren, müssen sie mehr Kontrolle über Land und natürliche Ressourcen erlangen“, schreiben die Max-Planck-Wissenschaftler Brian Donahoe und Agnieszka Halemba in einem Magazinbeitrag. Doch die beiden Ethnologen sind sich auch der zahlreichen Hindernisse bewusst – nicht zuletzt des mangelnden politischen Willens –, wenn es um eine neue Gesetzgebung geht, die die Aktivitäten im russischen Öl- und Gassektor stärker kontrolliert.

Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Interessenverbände wie RAIPON (Russian Association of Indigenous Peoples of the North) arbeiten auf föderaler Ebene mit an der Verbesserung der bestehenden Umwelt-, Sozial- und Gesundheitsstandards. Regionale Aktionsgruppen verfolgen das Ziel, eine juristische Grundlage und verlässliche Verhandlungsprozesse zwischen Ölgesellschaften, Behörden und der örtlichen Bevölkerung zu etablieren. Auch negative PR von internationalen Organisationen kann ein wirkungsvolles Mittel sein, um eine Regierung oder einen Konzern unter Druck zu setzen und dazu zu bringen, internationale Standards einzuhalten. „Vor romantischen Vorstellungen über indigene Völker sollten sich aber alle Unterstützergruppen in Acht nehmen“, warnen Donahoe und Halemba. Indigene Völker müssen ihren Lebensstil selbst bestimmen können, und ihr Recht auf Land und Ressourcen darf nicht an eine willkürliche Definition von „traditioneller Lebensweise“ gekoppelt sein. „Die eigentliche Tradition indigener Völker zeichnete sich schon immer durch Flexibilität und Anpassungsfähigkeit aus“, betonen die beiden Ethnologen. Auf die Frage, welche Möglichkeiten er in Bezug auf andere Einnahmequellen für die Indigenen in Russland sieht, verweist Donahoe auf Modelle wie den Landrechtsvertrag in Alaska oder das Autonomieabkommen für Nunavut in Kanada: „Beide Verträge erkennen das Recht der indigenen Gruppen auf die Ressourcen unter der Erde an. Wenn die Erlöse gerecht verteilt werden, könnten sie die notwendige Grundlage für die Stabilisierung indigener Gemeinschaften bilden.“

GEOMAX-Ausgabe 12, Winter 2006/2007; Autorin: Christina Beck