Was bei der Partnerwahl wirklich entscheidet

Der Duft der Gene

Stichlinge pflanzen sich sexuell fort. Partnerwahl spielt dabei eine wichtige Rolle. Bild vergrößern
Stichlinge pflanzen sich sexuell fort. Partnerwahl spielt dabei eine wichtige Rolle.

Er wollte sich, und wenn es vorläufig auch nur ein schlechtes Surrogat war, den Geruch der Menschen aneignen, den er selber nicht besaß. Freilich den Geruch der Menschen gab es nicht, genauso wenig wie es das menschliche Antlitz gab. Jeder Mensch roch anders, niemand wusste das besser als Grenouille, der Tausende und Abertausende von Individualgerüchen kannte und Menschen schon von Geburt an witternd unterschied.

Jean-Baptiste Grenouille verfügt über einen allumfassenden Geruchssinn. Er selber besitzt allerdings keinen eigenen Körpergeruch. Auf mörderische Weise eignet er sich deshalb den menschlichen Geruch an. Ohne Skrupel ermordet er junge Frauen, um ihren Duft zu konservieren und daraus schließlich das perfekte Parfüm zu kreieren, das die Herzen der Menschen in seinen Bann schlägt. So die Geschichte, die Patrick Süskind in seinem Roman Das Parfüm erzählt.

Doch was riechen wir eigentlich an anderen Menschen? Um das herauszufinden, machte Claus Wedekind aus dem Team von Manfred Milinski an der Universität Bern 1995 ein interessantes Experiment: Er ließ weibliche Versuchspersonen an den getragenen T-Shirts männlicher Testpersonen schnuppern und bat sie, ihren Duftfavoriten auszuwählen. Eine Vorliebe für einen bestimmten Körperduft sollte – so die Arbeitshypothese des Wissenschaftlers – mit dem Vorhandensein bestimmter Gene zusammenhängen.

Dabei handelt es sich um die Gene des MHC, des Haupthistokompatibilitätskomplexes (engl. major histocompatibility complex). Sie tragen die Bauanleitung für ganz besondere Bausteine des Immunsystems, die MHC-Proteine. Ihre Aufgabe: MHC-Proteine binden Bruchstücke von Fremdeiweißen – so genannte Antigene –, die von Bakterien, Viren oder Parasiten stammen, und präsentieren sie den körpereigenen T-Zellen zur Erkennung. Diese leiten dann eine Abwehrreaktion des Körpers ein. Der Erkennungsmechanismus funktioniert nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip, d.h. zu jedem MHC-Molekül gibt es passende Eiweißbruchstücke (Peptide), und zu jeder dieser MHC-Peptid-Kombinationen die passenden T-Zellen. Je mehr verschiedene MHC-Moleküle ein Organismus hat, desto mehr verschiedene Krankheitserreger kann sein Immunsystem erkennen und bekämpfen.

Beim Menschen gibt es mehr als hundert Varianten von fast jedem der neun MHC-Gene, MHC-Allele genannt. Da jeder Mensch wenigstens 12 MHC-Allele hat, ist es nahezu ausgeschlossen, dass zwei nicht verwandte Menschen genau das gleiche MHC-Proteinmuster aufweisen. Sexuelle Fortpflanzung und die damit verbundene Partnerwahl könnten einen Weg darstellen, um den Nachkommen möglichst unterschiedliche Immungene mitzugeben und damit ihre Widerstandskraft gegen Krankheiten zu steigern. Im Labor können die Forscher diesen individuellen „MHC-Bausatz“ für das Immunsystem mittels einer Gen-Analyse feststellen. Für potenzielle Paarungspartner ist er aber auch von außen „ablesbar“ – weil er nämlich den Körpergeruch beeinflusst.

„Wir erfassen unbewusst, wie die eigene Immunabwehr beschaffen ist, und können die eines potenziellen Partners am Geruch erkennen“, erklärt Manfred Milinski. Tatsächlich bevorzugten die Damen in dem beschriebenen Experiment die T-Shirts mit dem Körpergeruch jener Männer, deren Immungene sich deutlich von ihren eigenen unterschieden. Die Duftfavoriten verfügten offenbar über das jeweils passende „immungenetische Ergänzungsprogramm“ für den potenziellen Nachwuchs.

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