Pflanzenzüchtung und Landwirtschaft

Die beachtlichen Auswirkungen von Landwirtschaft und Pflanzenzüchtung auf die menschliche Kultur zeigt ein Blick in die rund 10 000 Jahre zurückliegende Übergangszeit zwischen dem mesolithischen und dem neolithischen Zeitalter. Die gesamte Erde war zu dieser Zeit von weniger als drei Millionen Menschen bevölkert. Die meisten von ihnen lebten als Jäger und Sammler, und jeder benötigte eine Fläche von etwa 20 Quadratkilometern, um ausreichend Nahrungsmittel zum Überleben zu beschaffen. (Ein Gebiet dieser Größe reicht heute aus, um etwa 6000 Menschen zu ernähren!).

In dieser Zeit revolutionierten die ersten Pflanzenzüchter die kulturelle Entwicklung des Menschen. Innerhalb von drei Jahrtausenden gelang es ihnen, die meisten der heutigen Nutzpflanzen zu züchten und damit die Voraussetzung für die Sesshaftigkeit des Menschen zu schaffen. Gerste, Weizen und Dattelpalmen gehörten zu den ersten Pflanzen, die angebaut wurden, gefolgt von Flachs, Bohne, Reis, Mais und Hirse. In den folgenden Jahrhunderten wurde diese Liste durch zahlreiche andere nützliche Pflanzen erweitert. Das einzige Züchtungsprinzip, das während dieser frühen Phase des Pflanzenanbaus angewandt wurde, war die Selektion. Die frühen Züchter selektierten Pflanzen, die beispielsweise weniger unangenehm schmeckende Substanzen enthielten und keine Dornen und Stacheln besaßen, die die Ernte erschwerten – und erhielten durch diese Auswahlkriterien schließlich Kulturpflanzen, die menschlichen Bedürfnissen gut angepasst sind, die aber kaum ohne Pflege durch den Menschen überleben können.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde erfolgreiche Pflanzenzüchtung immer mehr eine Frage von wissenschaftlicher Erkenntnis statt von praktischer landwirtschaftlicher Erfahrung. Ausschlaggebend waren die von Mendel 1866 formulierten Vererbungsregeln. Dies gab der Züchtung ganz neue Impulse: Durch systematische Kreuzung konnten die Eigenschaften von vielen verschiedenen Pflanzen in einem einzigen Nachkommen vereinigt werden. Der gemeinsame Erfolg von systematischer Züchtung und neuer Anbaumethode zeigt sich eindrucksvoll beim Ernteertrag von Weizen: Innerhalb von etwa hundert Jahren stieg der Ertrag von 13 auf 63 dt pro Hektar.

Die durch systematische Züchtung gesteigerten Erträge der Nutzpflanzen begünstigen das Bevölkerungswachstum, und der Nahrungsbedarf der wachsenden Bevölkerung ist wiederum die treibende Kraft hinter den Anstrengungen, die Ernteerträge durch Pflanzenzüchtung zu verbessern. Doch während Überbevölkerung eine drastische Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion in ca. 80 Prozent der Welt fordert (jährlich sterben etwa 10 Millionen Menschen an den Folgen des Hungers), sind Industrieländer von Überproduktion und den Folgen geplagt. Den positiven Auswirkungen von Höchsterträgen, die durch die moderne industrielle Landwirtschaft hervorgebracht wurden, stehen eine zunehmende Umweltbelastung sowie unerwünschte sozioökonomische Entwicklungen entgegen. Monokulturen, reduzierte Fruchtfolge, exzessive Düngung, chemischer Pflanzenschutz und Mechanisierung haben u.a. zur Überdüngung der Böden und Eutrophierung der Gewässer, zur Luftverschmutzung und Bodenerosion und zum Verlust vieler Tier- und Pflanzenarten geführt.

In Anpassung an die Forderungen moderner Landwirtschaft führte die systematische Pflanzenzüchtung zu einer Verringerung der Zahl angebauter Nutzpflanzenarten und -sorten und zu einer Reduktion ihrer genetischen Vielfalt: Von den geschätzten 3000 Pflanzenarten, die im Verlaufe der Geschichte den Menschen zur Ernährung dienten, werden heute nur durchschnittlich 30 verwendet. Mehr als 90 Prozent des menschlichen Nahrungsangebots stammt von weniger als einem Dutzend Kulturpflanzen. Fällt eine dieser Nahrungspflanzen aus – durch Missernten oder eine ausufernde Schädlingspopulation – so kann das katastrophale Folgen für die davon betroffenen Menschen haben.

Die moderne Landwirtschaft und die Pflanzenzüchtung stehen folglich vor der gigantischen Aufgabe, Wege zu einer geringeren Belastung der Umwelt durch die Landwirtschaft zu finden und gleichzeitig ausreichende Erträge zur Ernährung der Weltbevölkerung zu sichern. Pflanzenzüchter hoffen, einen Beitrag zur Erreichung dieser Ziele zu leisten, indem sie Sorten mit höherem Nährwert und größerer Resistenz gegenüber Krankheiten, Schädlingen und extremen Umweltbedingungen züchten.

Zur Redakteursansicht
loading content