Womit Demografen in Zukunft rechnen

Reisen in der Zeitmaschine

Eine Sammlung mittelalterlicher Zähne aus einem historischen Friedhof dient den Forschern als Untersuchungsmaterial. Bild vergrößern
Eine Sammlung mittelalterlicher Zähne aus einem historischen Friedhof dient den Forschern als Untersuchungsmaterial.

Überbevölkerung, Baby-Boom, Geburtenrückgang, Überalterung, Rentnerschwemme – meist begegnen wir demografischen Phänomenen in drastischen Formulierungen. Zur Zeit vergeht kaum ein Tag, an dem nicht von der alternden Gesellschaft oder der demografischen Herausforderung gesprochen wird. Wie stark unser Zusammenleben von Bevölkerungsprozessen beeinflusst wird, zeigt die aktuelle Debatte um die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme wie Kranken-, Renten- oder Pflegeversicherung. Prognosen über die Bevölkerungsentwicklung im 21. Jahrhundert – in Deutschland und weltweit – sind aber nur ein Aspekt, mit dem Demografen sich beschäftigen.

Ein Blick in den Arbeitsalltag der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock zeigt, wie schwierig es ist, geeignete Methoden zu finden, um demografische Daten zu analysieren und daraus die „richtigen“ Schlüsse zu ziehen. In Rostock arbeiten deshalb nicht nur Demografen, Statistiker und Mathematiker, sondern auch Soziologen, Politologen, Biologen, Anthropologen, Wirtschaftswissenschaftler, Psychologen und Historiker. Die Grenzen zwischen den Disziplinen werden hier immer wieder überschritten; aber genau das macht die demografische Forschung so spannend.

Eine der Kernfragen lautet: Wie alt werden die Menschen, und was sind die Voraussetzungen für Langlebigkeit? Inwieweit spielen Mechanismen der natürlichen Selektion bei der Alterung eine Rolle? Gibt es genetische Faktoren, die Langlebigkeit begünstigen? Und welchen Einfluss üben medizinische Versorgung, Ernährungszustand etc. in den verschiedenen Phasen des Lebens auf den Alterungsprozess aus? Um solchen Fragen nachgehen zu können, benötigen die Forscher Langzeit-Daten, z.T. auch aus Epochen, aus denen nur wenige Schriftdokumente erhalten sind. Historische Aufzeichnungen wie Klosterbücher oder Adelsverzeichnisse können zwar weiterhelfen, aber in den wenigsten Fällen kennt man die Lebensdaten der so genannten einfachen Leute.

Die Rostocker Forscherinnen und Forscher fühlen unseren Vorfahren deshalb quasi „auf den Zahn“: Mit einer aus der Wildbiologie stammenden Methode versuchen sie, das Alter des Zahnbesitzers zu ermitteln – und das gelingt ihnen mittlerweile mit einer Genauigkeit von zweieinhalb Jahren. Tooth cementum annulation, kurz TCA, heißt die Methode, die die Wissenschaftler aus der Abteilung von James W. Vaupel in den vergangenen Jahren immer weiter verfeinert haben. Sie liefert sehr viel präzisere Ergebnisse als die bisher gängige Osteologie, also die Altersschätzung anhand von Abnutzungsspuren an einzelnen Knochen.

Eine ganze Kollektion von Zähnen aus einem frühmittelalterlichen Friedhof haben die Wissenschaftler unter die Lupe, besser gesagt unter das Mikroskop genommen: Bei 400-facher Vergrößerung werden die „Spuren der Zeit“ im Zahnzement als eine Serie von hellen und dunklen Linien sichtbar. Die Dichte der Ringe korrespondiert, ähnlich wie bei den Jahresringen von Bäumen, u.a. mit Belastungen, denen die Zahnbesitzer ausgesetzt waren – wie beispielsweise Krankheiten, Hungersnöte oder auch Schwangerschaften. Mit der TCA lässt sich nicht nur das Alter von Verstorbenen selbst Jahrhunderte später feststellen, sondern die Forscher gehen auch davon aus, dass sie demnächst Aussagen über die Ernährung und den Gesundheitszustand unserer Ur-Ur-Urahnen treffen können.

Unter dem Mikroskop werden die „Spuren der Zeit“ im Zahnzement als eine Serie von hellen und dunklen Linien sichtbar, ähnlich wie die Jahresringe von Bäumen. Bild vergrößern
Unter dem Mikroskop werden die „Spuren der Zeit“ im Zahnzement als eine Serie von hellen und dunklen Linien sichtbar, ähnlich wie die Jahresringe von Bäumen.
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