Kontinentalverschiebung

Als Kontinentalverschiebung bezeichnet man die erstmals 1912 gleichzeitig von Alfred Wegener und dem Amerikaner Frank B. Taylor unabhängig voneinander angenommene, sehr langsame Horizontaldrift (Epeirophorese) der aus relativ leichtem Material (Sial) aufgebauten Erdkrustenteile, der Kontinentaltafeln, auf dem schweren plastischen Untergrund (Sima), insbesondere das Auseinanderdriften des amerikanischen Doppelkontinents und der Alten Welt, die zur Entstehung des Atlantischen Ozeans geführt hat, und das Auseinanderstreben von Afrika, Antarktika, Australien und Indien. Die Drift- oder K.stheorie geht von einem großen Ur-Ozean (Urpazifik) und einem großen zusammenhängenden Urkontinent (Pangäa) aus, der bis ins Jungpaläozoikum oder bis zum Mesozoikum bestanden haben soll und zunächst in zwei Teile zerbrach, aus denen einerseits Nordamerika und Eurasien und andererseits Südamerika, Afrika, Antarktika, Australien und Indien entstanden, die seitdem in verschiedene Richtungen auseinander (bzw. aufeinander zu) driften; dabei sollen sich z. B. die Faltengebirge an der Westküste Amerikas durch Stau gebildet und Indien sich auf die eurasische Scholle aufgeschoben haben.

Argumente für eine K. sind die Übereinstimmung der gegenüberliegenden Kontinentalränder von Afrika und Südamerika und dieser Linien mit dem Südatlantischen Rücken, die geologischen, paläontologischen und biogeographischen Entsprechungen sowie auch paläoklimatologische Hinweise (v. a. die permokarbonische Vereisung der südlichen Kontinentteile). Nach zuerst weitgehender Ablehnung durch die Fachwelt hat die Theorie, die die Annahme von Landbrücken oder versunkener Zwischenkontinente überflüssig macht, durch paläomagnetische Messungen an vortertiären Gesteinen beiderseits des Atlantiks (Paläomagnetismus) sowie durch die Theorien der Plattentektonik (z. B. magnetische Profilaufnahmen im Bereich der untermeerischen Rücken) eine erhebliche Stütze erhalten.

Nach den modernen Auffassungen geht die K. v. a. von den als Mittelozeanischen Rücken ausgebildeten Plattengrenzen aus. Die hier aus den Zentralgräben austretenden Magmen (Material des Erdmantels) breiten sich seitwärts aus (Sea-floor spreading), drängen dadurch die mitgeschleppten Kontinente auseinander (bewirken also die K.) und werden schließlich im Bereich der großen Tiefseegräben vor Kontinenten oder Inselbögen wieder in den Untergrund gesogen (Subduktion). Die Driftgeschwindigkeit beträgt heute im Südatlantik jährlich mindestens 2 cm, im Nordatlantik 1 cm, im Indischen Ozean bis 6 cm, im zentralen Pazifik 5-6 cm, z. T. 8-10 cm. Diese Annahmen werden durch das Alter der von geringmächtigen Sedimenten bedeckten (vulkanischen) Gesteine bestätigt: Die ältesten ozeanischen Böden (im nordwestlichen Pazifik) entstanden im Jura, vor 180-200 Mill. Jahren. Jährlich werden insgesamt 2,5-3 km3 neue ozeanische Kruste gebildet; über die Hälfte des heutigen Meeresbodens, d. h. rund ein Drittel der Erdoberfläche, entstand erst seit Beginn des Känozoikums, seit 60 Mill. Jahren.

Als treibende Kraft der K. werden statt der von Wegener herangezogenen Polfluchtkraft, die eine massensymmetrische Lage der Erdachse anstrebt, heute Konvektionsströmungen im Erdmantel angenommen, die auf dem Zerfall radioaktiver Elemente beruhen: Die dadurch entstehende Wärme staut sich unter den Kontinenten, fließt seitlich zu den Ozeanen hin ab und bewirkt hier, vielleicht an Hot spots ansetzend, den Austritt heißer Laven.

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