Unterschiedliche Todesfallraten

Warum starben in Italien siebenmal so viele Infizierte an Covid-19 wie in Südkorea?

29. März 2021

Während in Italien Ende Juni 2020 etwa jeder siebte an Covid-19 Erkrankte starb, waren es in Südkorea nur gut zwei Prozent der Infizierten. Zum großen Teil lassen sich diese Unterschiede durch die Altersstruktur der positiv Getesteten erklären, aber teilweise zeugen sie auch von überlasteten Gesundheitssystemen.

In den meisten Ländern geht die höhere Sterblichkeit durch Covid-19 darauf zurück, dass die Infizierten älter waren als in Südkorea. In New York City Bild vergrößern
In den meisten Ländern geht die höhere Sterblichkeit durch Covid-19 darauf zurück, dass die Infizierten älter waren als in Südkorea. In New York City waren dagegen höhere altersspezifische Todesfallraten entscheidend. [weniger]

Um herauszufinden, wie tödlich das Sars-CoV-2-Virus ist, lässt sich eine einfache Formel anwenden: Die Anzahl der an dem Virus verstorbenen Menschen wird durch die Anzahl der Infizierten geteilt. Für Südkorea kommt man Ende Juni 2020 so auf eine Zahl von 0,022. Das bedeutet, dass 2,2 Prozent der registrierten Infizierten an dem Virus verstorben sind. In Deutschland lag die Letalität zum gleichen Zeitpunkt mit 4,6 Prozent mehr als doppelt so hoch. Und in Spanien und Italien starben der Studie zufolge im Sommer 2020 sogar 12 bzw. 14 Prozent der Infizierten (s. Abb.1), wie Alyson van Raalte, Christian Dudel, Tim Riffe, Enrique Acosta und Mikko Myrskylä vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung sowie Cosmo Strozza von der Sapienza Universität Rom zeigen.

Um herauszufinden, welche Ursachen diese extremen Unterschiede haben könnten, analysieren sie Daten aus Südkorea, China, Deutschland, den USA, Spanien, Italien sowie der Stadt New York City. Als Referenzland gilt dabei Südkorea, weil hier durch eine hohe Testanzahl sehr viele Infizierte erfasst wurden und die Pandemie vergleichsweise früh einsetzte. Da die Letalität von Covid-19 sehr stark vom Alter der Erkrankten bestimmt wird, ermitteln die Forscher*innen für ihre Analyse zwei Schlüsselkomponenten: Sie vergleichen die Altersstruktur der Erkrankten in den unterschiedlichen Ländern und analysieren, wie hoch die altersspezifischen Todesfallraten waren, also zum Beispiel wie viel Prozent der infizierten 80-Jährigen in Italien und in Deutschland starben. Über alle Länder gemittelt könne die Altersstruktur der Erkrankten etwa zwei Drittel der Unterschiede erklären, zeigt das Ergebnis ihrer Analyse. Das kann bedeuten, dass sich in diesen Ländern einfach mehr Menschen infizierten, die älter sind und damit eine höheres Sterberisiko haben. Gerade am Anfang der Pandemie könnte das in Ländern wie Spanien oder Italien der Fall gewesen sein, wo der Kontakt zwischen den Generationen oft intensiver ist als etwa in Mittel- oder Nordeuropa. Später im Verlauf der Pandemie könnten vor allem Ausbrüche in Pflegeheimen den Anstieg der Infektionen in höheren Altersgruppen verursacht haben.

Höhere Fallzahlen bei älteren Menschen sind aber oft auch ein statistisches Phänomen. Werden etwa durch eine geringe Anzahl von Tests viele asymptomatische und vergleichsweise harmlose Krankheitsverläufe nicht erfasst, dann treibt das die Todesfallrate nach oben, weil vor allem die schweren, oft tödlichen Krankheitsver-
läufe in die Statistik einfließen.

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Eine genauere Analyse zeigt aber auch: Nicht in allen Ländern ist die Altersstruktur der ausschlaggebende Faktor für die im Vergleich zu Südkorea hohen Todesfallraten. In den USA, und hier ganz besonders in New York City, ist der Unterschied zu Südkorea vor allem durch höhere Todesfallraten zu erklären: In den Vereinigten Staaten sind sie für 56 Prozent, in New York City sogar für mehr als zwei Drittel (77 Prozent) verantwortlich. Um ein Beispiel zu nennen: Während in Südkorea zwei Prozent der 80 bis 89-jährigen Infizierten starben, waren es in New York City im untersuchten Zeitraum mit 4,2 Prozent mehr als doppelt so viele. Solche Unterschiede, so die Forscher*innen, seien vermutlich vor allem auf überlastete Gesundheitssysteme, also zum Beispiel auf fehlende Intensivbetten oder Beatmungsmaschinen zurückzuführen. Aber auch die Anzahl und Art der Vorerkrankungen bei Menschen aus dieser Altersgruppe können eine Rolle spielen. Gibt es etwa in einem Land besonders viele Übergewichtige, so ist auch davon auszugehen, dass die Todesfallraten hier höher sind.

Auf ein überlastetes Gesundheitssystem deutet allerdings auch eine weitere Analyse der Forscher*innen hin, für die sie sich die Zahlen zu Infizierten und Todesfällen in Italien über einen Zeitraum von fast vier Monaten angeschaut haben: Starben hier Anfang März gut vier Prozent der Infizierten, so waren es zwei Wochen später schon doppelt so viele. Bereits bis Ende Mai erhöhte sich dieser Anteil sukzessive auf 14 Prozent. Der allergrößte Teil dieses Anstiegs seit Anfang März (90 Prozent) ist dabei auf eine höhere altersspezifische Sterberate bei den Infizierten zurückzuführen. Auch hier ist also davon auszugehen, dass vor allem die Überlastung des Gesundheitssystems die Todeszahlen nach oben schnellen ließ.

Darüber hinaus können auch zeitliche Verzögerungen in der Meldung der Zahlen zu Verzerrungen führen. Gelingt es etwa, eine Infektionswelle einzudämmen, so geht die Zahl der Infizierten teilweise recht schnell zurück, während es gleichzeitig noch viele Todesfälle gibt, die auf frühere Infektionen zurückzuführen sind. Daher ist eine seriöse Analyse der Zahlen in der Regel erst nach dem Abebben einer Pandemie wirklich möglich, schreiben die Autor*innen der Studie. Aktuelle Daten seien daher mit Vorsicht zu interpretieren. So liegt die Todesfallrate in Deutschland momentan bei etwa 2,7 Prozent, wobei die Verringerung seit Juni 2020 zu 85 Prozent auf eine jüngere Altersstruktur bei den positiv Getesteten zurückzuführen ist und zu 15 Prozent auf sinkende altersspezifische Todesfallraten. Auch hier könne man aber noch nicht abschließend beurteilen, inwieweit diese Zahlen durch zeitliche Verzögerungen verzerrt sind, warnt Alyson van Raalte. Gemeinsam mit ihren Kolleg*innen weist sie darauf hin, dass es vor allem mehr Antikörper-Studien braucht, um eine solidere Datenbasis zu bekommen. Bei solchen Studien wird stichprobenartig auch das Blut nicht infizierter Menschen auf Antikörper gegen das Sars-CoV-2-Virus untersucht, um mögliche unbemerkte Infektionen zu
entdecken. So ließe sich besser feststellen, wie viele Menschen sich tatsächlich mit dem Virus infiziert haben. Zudem sei eine genaue Aufschlüsselung nach Alter der Erkrankten und Verstorbenen für weitere Analysen wichtig, so die Autoren*innen.

Quelle: Demografische Forschung aus erster Hand

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