In der Natur sind Schimpansen motivierter zu kooperieren als Bonobos

Beim Informieren über Gefahren sind territoriale Schimpansen motivierter miteinander zu kooperieren als weniger territoriale Bonobos

24. Juni 2020

Die Fähigkeit des Menschen, in großen Gruppen zusammenzuarbeiten und dabei auch nicht verwandten oder völlig fremden Menschen zu helfen, ist einzigartig. Wie diese Fähigkeit sich herausgebildet hat, wird in Fachkreisen diskutiert. Am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig untersuchten Forschende nun mithilfe eines Schlangenmodells die Kooperationsdynamik bei freilebenden Schimpansen (Taï, Elfenbeinküste) und Bonobos (LuiKotale, DCR). Während Schimpansen kooperieren, um ihr Territorium zu verteidigen, tun Bonobos das nicht. Beide Arten unterschieden sich nicht hinsichtlich ihrer sozialen Intelligenz. Schimpansen waren jedoch motivierter als Bonobos, miteinander zu kooperieren um Gruppenmitglieder auf eine Gefahr hinzuweisen. Territorialität und gruppeninterne Kooperation beim Menschen könnten also möglicherweise miteinander in Verbindung stehen.

Später bei der Schlange ankommende Schimpansen waren besser informiert und daher weniger überrascht, sie an dieser Stelle zu sehen, als später eintref Bild vergrößern
Später bei der Schlange ankommende Schimpansen waren besser informiert und daher weniger überrascht, sie an dieser Stelle zu sehen, als später eintreffende Bonobos. [weniger]

Wir Menschen verfügen über einzigartige Kooperationssysteme, die es uns ermöglichen, in großen Gruppen zusammenzuarbeiten. Darüber hinaus helfen wir anderen, auch wenn sie nicht zur Familie gehören. Doch wie haben sich diese kooperativen Fähigkeiten und unsere Tendenz zu Helfen in unserer evolutionären Vergangenheit entwickelt? Der Interdependenz-Hypothese zufolge entwickelten sich die kognitiven Fähigkeiten, die den einzigartigen menschlichen Kooperationsfähigkeiten zugrunde liegen, weil mehrere Individuen ihre Handlungen miteinander koordinieren mussten, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen, zum Beispiel bei der Jagd oder bei Konflikten mit anderen Gruppen. Diese Hypothese besagt auch, dass Menschen, die sich beim Erreichen dieser Ziele stärker aufeinander verlassen, einander möglicherweise auch in anderen Situationen helfen und unterstützen.

„Wir können zwar nicht das Verhalten unserer menschlichen Vorfahren beobachten“, erklärt Roman Wittig, ein Senior-Autor und Leiter des Taï-Schimpansen-Projekts, „aber wir können das Verhalten unsere engsten lebenden Verwandten, Schimpansen und Bonobos, untersuchen und daraus lernen, welche Tendenz zu Helfen der letzte gemeinsame Vorfahre vermutlich gehabt hat und wie das unser Verhalten beeinflusst haben könnte.“ Schimpansen sind territorialer als Bonobos und gehen in einigen Populationen häufiger auf Gruppenjagd. Der Interdependenz-Hypothese zufolge sollten Schimpansen also eher dazu neigen, miteinander zu kooperieren und Gruppenmitgliedern zu helfen.

Erste experimentelle Studie an freilebenden Bonobos

Um das zu überprüfen, konfrontierten Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie, der Harvard University und der Liverpool John Moores University 82 Schimpansen und Bonobos aus fünf verschiedenen Menschenaffengesellschaften mit dem Modell einer Gabunviper, einer tödlichen Schlange. Während des Experiments konnten die Menschenaffen miteinander kooperieren, indem sie Alarmrufe ausstießen, um Artgenossen über die Schlange zu informieren. Dies ist die erste experimentelle Studie, die jemals mit freilebenden Bonobos durchgeführt wurde. „Diese experimentelle Studie ist ein neuartiger und vielversprechender Ansatz, um das Denkvermögen von Bonobos zu untersuchen“, sagt Gottfried Hohmann, ein Senior-Autor der Studie und Leiter des LuiKotale Bonobo-Projekts. Koautor Martin Surbeck fügt hinzu: „Dieser Studie sollen weitere experimentelle Studien zur Kooperation, Kognition und Kommunikation bei freilebenden Bonobos folgen.“

Die Forschenden zeigen, dass sowohl Schimpansen als auch Bonobos einschätzen können, was andere wissen, denn sobald alle Gruppenmitglieder in der Nähe die Schlange gesehen hatten, hörten sie auf zu rufen. Schimpansen warnten einander jedoch wirksamer: Schimpansen, die später bei der Schlange ankamen, waren weniger überrascht, diese an dieser Stelle zu sehen, als später eintreffende Bonobos. Das lässt vermuten, dass Schimpansen besser über die Anwesenheit der Schlange informiert waren als Bonobos. Tatsächlich hörten spät ankommende Schimpansen unter den gleichen Umständen eher einen Warnruf, bevor sie die Schlange erreichten, als Bonobos, was darauf hindeutet, dass die Motivation, anderen zu helfen und sie zu warnen, bei Schimpansen höher war.

Bewusstsein für das Wissen anderer

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die extreme Abhängigkeit der Menschen voneinander, zum Beispiel im Krieg und bei der Gruppenjagd, die Entwicklung einiger Formen der Hilfe und Unterstützung für andere, manchmal sogar völlig fremde Menschen, gefördert haben könnte“, sagt Erstautor Cédric Girard-Buttoz. Die Autoren bestätigen, dass Schimpansen möglicherweise ein gewisses Bewusstsein für das Wissen anderer haben und weisen diese Fähigkeit nun auch zum ersten Mal bei freilebenden Bonobos nach.

„Wie Schimpansen und Bonobos im Auge behalten, was andere wissen, und welche spezifischen kognitiven Fähigkeiten dem zu Grunde liegen, ist noch ungeklärt“, fügt Letztautorin Catherine Crockford hinzu. „Wir stehen vor der großen Herausforderung zu verstehen, welche kognitiven Fähigkeiten beim Menschen einzigartig sind und welche sie mit anderen Menschenaffen teilen.“

SJ/RMW

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