Leopoldina plädiert für einen nachhaltigen Ansatz bei der Bewältigung der Coronavirus-Pandemie

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina empfiehlt eine Wende hin zu nachhaltigen Wirtschaftsformen, mehr europäischer und internationaler Kooperation sowie eine Stärkung der Daseinsvorsorge und Gemeinschaftsgüter, die unsere Gesellschaften gegenüber zukünftigen Krisen resilienter macht

13. April 2020

In einer heute veröffentlichten Stellungnahme setzt sich die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina mit den vielfältigen Aspekten der Corona-Pandemie auseinander und gibt konkrete Handlungsempfehlungen. Die Akademie empfiehlt eine Wende hin zu nachhaltigen Wirtschaftsformen, mehr europäischer und internationaler Kooperation sowie eine Stärkung der Daseinsvorsorge und Gemeinschaftsgüter, die unsere Gesellschaften gegenüber zukünftigen Krisen resilienter macht. Zu den Autoren der Stellungnahme gehören unter anderen Jürgen Renn, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, und Robert Schlögl, Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft und Max-Planck-Institut für chemische Energiekonversion, unterstützt von Christoph Rosol als Koordinator der Anthropozän-Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte.

Die Autoren der Studie fordern insbesondere eine mittel- und langfristige Perspektive auf die durch die Pandemie notwendig gewordenen gesellschaftlichen und strukturellen Veränderungsprozesse. „Es darf nach der Pandemie nicht auf eine unreflektierte Wiederherstellung und Zementierung eines nicht-nachhaltigen Status quo hinauslaufen“, sagt Jürgen Renn. „Im Kern müssen die jetzt notwendigen Veränderungen transformativer Natur sein.“ Dies gelte insbesondere für den verstärkten Schutz von Klima und Biodiversität, aber ebenso auch für gesellschaftliche Teilhabe und das Gemeinwohl. „All dies bedeutet de facto Gesundheitsschutz“, so der Max-Planck-Direktor. 

Renn, Schlögl und Rosol sind gemeinsam mit den anderen Autoren der Leopoldina-Stellungnahme überzeugt, dass die gegenwärtige Corona-Krise für den Aufbau einer nachhaltigen Wirtschaft genutzt werden sollte. Der Aufbau einer klimafreundlichen Wirtschaft und eine konsequente Mobilitäts- und Landwirtschaftswende liefern wesentliche Impulse für Innovation und krisenfesteres Wachstum. Die Wissenschaftler fordern deshalb auch, die Ziele der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie konsequent weiter zu verfolgen und verweisen in diesem Zusammenhang auf die Empfehlungen der Wissenschaftsplattform Nachhaltigkeit 2030.

Statt eines Wiederaufschwungs der fossilen Wirtschaftsweise sollte ein Umbau des Energiesystems durch Re-Investments in erneuerbare und nachhaltige Industriezweige und Dienstleistungen in Gang gebracht werden. „Der Umbau des Energiesystems ist zugleich eine einzigartige Innovationschance für Deutschland und Europa“, erklärt Robert Schlögl. Dazu gehört die rasche Einführung eines CO2-Preises mit tatsächlicher Lenkungswirkung, die Umsetzung der nationalen Wasserstoffstrategie sowie der konsequente Umbau des Strommarktes.

Die Wissenschaftler sind überzeugt: Die gegenwärtigen politischen Reaktionen auf die Corona-Krise, insbesondere die beispiellosen wirtschaftlichen Rettungsmaßnahmen Deutschlands und Europas, können auch für die Energie- und Agrarwende einen paradigmatischen Charakter entfalten, die ihrerseits Investitionen und radikale Einschnitte mindestens der gleichen Größenordnung verlangt. Die Ziele und Maßnahmen des europäischen Green Deals, inklusive einer EU-Industriestrategie, dem Just-Transition-Mechanismus, der Farm-to-Fork Strategie und dem EU Circular Economy Action Plan, bieten dafür einen sinnvollen Rahmen.

Angesichts der dramatischen Auswirkungen der Corona-Pandemie besteht die Notwendigkeit, die systemischen Ursachen und Zusammenhänge globaler gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und ökologischer Risiken und Resilienzen disziplinübergreifend besser zu erforschen und zu kommunizieren. Wissenschaft und Forschung werden sich in Zukunft daher noch stärker der Herausforderung stellen müssen, Beiträge zur Lösung komplexer Menschheitsprobleme disziplinübergreifend zu leisten.

Eine bislang weitgehend übersehene Voraussetzung für das Ausbrechen der Corona-Pandemie ist der rapide Lebensraumverlust von Wildtieren durch immer extensivere Landwirtschaft und Klimawandel sowie die damit einhergehende Verschlechterung der Widerstandsfähigkeit von Ökosystemen. „Die enorme Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus und die weltweit dramatischen Auswirkungen auf die gesundheitlichen und gesellschaftlichen Strukturen vieler Staaten wurden erst durch die heutige globale Mobilität und die zunehmende Ungleichheit in den Bevölkerungen möglich“, betonen die Wissenschaftler.

Tatsächlich steht die gegenwärtige Corona-Pandemie in einer langen Reihe von Epidemie-bedingten Krisen. „Diese Krise wird aber aufgrund der heutigen Umstände – das ist die „große Beschleunigung“ sozio-ökonomischer Prozesse und die globale Verflechtung – beispiellose Ausmaße annehmen“, so die drei Max-Planck-Forscher. Historische Erfahrungen und Erkenntnisse machten deutlich, wie Epidemien seit etwa 1940 nicht nur immer häufiger auftreten, sondern ihrer Eindämmung auch mit einem immer größeren technischen und wirtschaftlichen Aufwand begegnet werden muss.

Das Trauma einer über Generationen nicht dagewesenen Störung der gesellschaftlichen Interaktion muss erst noch bewältigt werden. Die Corona-Krise hat jedoch bereits jetzt dazu beigetragen, die Bedeutung von Gemeinschaftsgütern für das gesellschaftliche Leben, die Bewahrung kultureller und politischer Errungenschaften und die ökologischen Lebensgrundlagen im 21. Jahrhundert noch einmal direkt in das allgemeine Bewusstsein zu heben. Sie macht verständlich, welche radikalen Einschnitte zum Schutz von Gesundheit, Umwelt und Gesellschaft notwendig sind.

„Solche Lehren geraten jedoch allzu schnell in Vergessenheit“, mahnen Renn, Schlögl und Rosol: „Wir wissen aus vielen anderen Krisen, dass nach einer Phase der akuten Zuspitzung schnell wieder gesellschaftliches Vergessen einsetzt. Corona sollte ein Anfang sein, diesen mentalen und politischen Mechanismus zu brechen und jetzt vorausschauend zu handeln. Damit die kommende Krise nicht noch einschneidender wird.“

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