Wer zuerst kommt, brütet zuerst

Die Ankunftszeit im Brutgebiet ist auch für Standvögel entscheidend für den Fortpflanzungserfolg

12. Januar 2020

Der Zeitpunkt für die Ankunft im Brutgebiet ist bei Vögeln mitentscheidend dafür, wer am Ende brütet und wer nicht. Dies ist für Zugvögel bekannt, wurde aber nun zum ersten Mal auch für eine Vogelart untersucht, die im Winter nicht in ferne Überwinterungsgebiete zieht. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Ornithologie haben in ihrer Studie mit Blaumeisen herausgefunden, dass auch viele als Standvögel bezeichnete Tiere ihr Brutgebiet verlassen, wenn die Jungen das Nest verlassen haben. Die zuerst wieder in ihr Brutgebiet zurückkehrenden Vögel brüten dann erfolgreicher. Einzelne Individuen kommen jedes Jahr zur gleichen Zeit an. Die Ergebnisse zeigen, dass es möglicherweise gar keine Standvögel im eigentlichen Wortsinn gibt. Als Vogelzug müssten dann nicht nur die Reisen über hunderte oder tausende von Kilometern gelten, sondern auch kürzere Flüge zwischen den Überwinterungs- und den Brutgebieten.

Futter für die Küken: Blaumeise an einer "Smart nest-box". Bild vergrößern
Futter für die Küken: Blaumeise an einer "Smart nest-box".

Zugvögel, die früh im Brutgebiet ankommen, finden eher einen Partner und ein gutes Territorium zum Brüten und erhöhen so ihren Fortpflanzungserfolg. Zu früh im Jahr aufzubrechen kann jedoch auch schnell lebensgefährlich werden, wenn die Umgebungsbedingungen noch zu rau und winterlich sind. Für Standvögel hingegen gab es bisher noch keine Untersuchungen darüber, wann sie im Brutgebiet ankommen. Vermutlich wurde angenommen, dass die meisten Tiere auch außerhalb der Brutzeit im Gebiet bleiben.

Die Blaumeise ist in ihrem nördlichen Verbreitungsgebiet ein Teilzieher, gilt aber im Rest Europas als Standvogel. In einem Studiengebiet in Bayern haben Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Ornithologie mit Hilfe eines selbst entwickelten und konstruierten Beobachtungssystems alle dort vorkommenden Blaumeisen über das ganze Jahr erfasst. Den einzelnen Tieren konnten sie dabei dank einer sogenannten PIT-Markierung folgen. Diese „Passiv-Integrated-Transponder“ sind kleine Chips mit einer individuellen Kennzahl. Sie werden von außen durch ein Lesegerät aktiviert, das die Forscher in 16 Futterautomaten und allen 277 Nistkästen im Gebiet eingebaut haben. So konnten sie die genauen Besuchszeitpunkte jedes markierten Vogels registrieren und darüber die Ankunftszeit jedes erwachsenen Vogels im Studiengebiet bestimmen.

Stand- und Zugvögel

Am Ende der Brutzeit im Juni hörten die Blaumeisen für einige Monate auf, die Nistkästen zu besuchen. Die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen haben viele Individuen dann erstmalig wieder zwischen Ende August und Oktober an einem Futterautomat oder einer Nestbox registriert. Ein weiterer Schwung Vögel ist zwischen Januar und März angekommen. „Durch diese Daten gehen wir davon aus, dass einige Vögel wirkliche Standvögel gewesen sind, die auch den Winter im Brutgebiet verbracht haben, während andere das Gebiet nach dem Brüten verlassen haben“, sagt Carol Gilsenan, Erstautorin der Studie.

Überraschenderweise tauchen einzelne Tiere jedes Jahr ungefähr zur gleichen Zeit im Brutgebiet auf – und das, obwohl sich die Ankunftszeiten über acht Monate erstrecken. Dabei erreichen Männchen das Brutgebiet im Allgemeinen früher als Weibchen. Vögel, die schon zuvor gemeinsam gebrütet haben, erscheinen fast gleichzeitig wieder im Brutgebiet.

Ungeduldige Partner

Eine frühere Studie aus der Forschungsabteilung zeigt jedoch, dass die Männchen und Weibchen nach ihrer Ankunft nicht geduldig auf den Partner warten: Kommt er oder sie nicht innerhalb einer Woche an, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Trennung. „Bei einer kurzlebigen Art wie der Blaumeise würden Tiere, die sich fürs Warten entscheiden, am Ende vielleicht ohne Gelege dastehen“, erklärt Gilsenan.

Den Wissenschaftlern zufolge brüten früh ankommende Vögel auch eher. Zudem wirkt sich die Ankunftszeit sich auf zahlreiche Aspekte des Bruterfolges aus. Wie weit sich einige der Blaumeisen vom Brutgebiet entfernen und wo sie die Wintermonate verbringen, ist noch unklar. Bart Kempenaers, der die Untersuchung geleitet hat, ist sich jedoch sicher: „Unsere Daten zeigen, dass möglicherweise die meisten Blaumeisen das Brutgebiet außerhalb der Brutzeit verlassen. Zugvögel und Nicht-Zugvögel unterscheiden sich vielleicht vor allem darin, wie weit sie dann fliegen.“ Ob weitere Untersuchungen der saisonalen Bewegungen von Individuen die Gegensätzlichkeit zwischen „Standvögeln“ und „Zugvögeln“ aufbricht, bleibt abzuwarten.

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