Wortreihenfolge einer Sprache beeinflusst Arbeitsgedächtnis

Die Sprache, die wir sprechen, beeinflusst, wie wir Informationen verarbeiten, speichern und abrufen

4. Februar 2019

Das Gedächtnis spielt in unserem Leben eine entscheidende Rolle. In mehreren Studien wurde bereits untersucht, wie wir Informationen unter verschiedenen Bedingungen speichern und abrufen. Typischerweise werden Informationen, die am Anfang und am Ende einer Liste stehen, besser abgerufen als solche aus der Mitte. Aber sind solche Belege universell und über Sprachen und Kulturen hinweg verallgemeinerbar? Ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Federica Amici vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat diese Frage nun untersucht.

Das Forschungsteam führte Gedächtnistests in verschiedenen menschlichen Kulturen durch, die verschiedene Sprachen sprechen. Bild vergrößern
Das Forschungsteam führte Gedächtnistests in verschiedenen menschlichen Kulturen durch, die verschiedene Sprachen sprechen. [weniger]

Das Forschungsteam, zu dem Psychologen, Linguisten und Biologen aus fünf verschiedenen Ländern gehören, reiste um die ganze Welt, um Gedächtnistests in acht verschiedenen menschlichen Kulturen durchzuführen, die verschiedene Sprachen sprechen. „Wir haben Wüsten und Meere überquert und erstaunliche Menschen getroffen, die die wunderbarsten Sprachen sprechen, von Sidaama über Khoekhoe bis Khmer“, sagt Amici. „Diese Sprachen vermitteln ihnen eine einzigartige Perspektive der Welt.“

Die Beziehung zwischen Sprache und Denken ist umstritten. Eine Hypothese ist, dass Sprache Gewohnheiten der Verarbeitung von Informationen fördert, die selbst in nichtsprachlichen Bereichen erhalten bleiben. Sprachen unterscheiden sich zum Beispiel in ihrer Verzweigungsrichtung. In typischen Rechtsverzweigungssprachen (RB), wie beispielsweise Italienisch, steht der Satzkopf normalerweise an erster Stelle, gefolgt von einer Abfolge von Modifikatoren, die zusätzliche Informationen über den Kopf liefern (z. B. „der Mann, der an der Bushaltestelle saß“).

Im Gegensatz dazu gehen in Linksverzweigungssprachen (LB-Sprachen) wie Japanisch Modifikatoren im Allgemeinen den Köpfen voran (z. B. „wer an der Bushaltestelle saß, der Mann“). In RB-Sprachen können Sprecher Informationen in der Reihenfolge verarbeiten, wie sie im Satz vorkommen, da Köpfe zuerst angezeigt werden und Modifikatoren Satzanalyse-Entscheidungen nur selten beeinflussen. Im Gegensatz dazu können LB-Strukturen bis zum Ende sehr vieldeutig sein, da am Satzanfang stehende Modifikatoren oft erst nach der Analyse des Satzkopfes eine klare Bedeutung bekommen. Daher müssen LB-Sprecher möglicherweise am Anfang eines Satzes stehende Modifikatoren im Arbeitsgedächtnis behalten, bis der Kopf zum Verständnis des Satzes hinzugezogen wird.

Vergleich des Gedächtnisses

Schematische Repräsentation von sechs verschiedenen Gedächtnisaufgaben. Bild vergrößern
Schematische Repräsentation von sechs verschiedenen Gedächtnisaufgaben.

Mithilfe einer Reihe klassischer Gedächtnisaufgaben konnte das Forschungsteam die Gedächtnisleistung beim Abrufen von Wörtern, Zahlen und räumlichen Stimuli vergleichen. „Die wichtigste Erkenntnis der Studie ist, dass sich Sprecher linksverzweigter Sprachen bei verbalen und nicht verbalen Arbeitsgedächtnisaufgaben besser an anfängliche Reize erinnern können, wahrscheinlich, weil das Verstehen von Sätzen in LB-Sprachen in Echtzeit sehr stark davon abhängt, sich Informationen zu merken, die am Anfang stehen, was in RB-Sprachen nicht der Fall ist“, sagt Alejandro Sanchéz Amaro, derzeit in der Abteilung für Kognitionswissenschaft an der University of California, San Diego.

Die wichtigste Erkenntnis aus dieser Studie besteht darin, dass Sprache und Denken auch über den Satzbau und damit über die Verarbeitung aufeinanderfolgender Informationen miteinander zusammenhängen. Die Sprache, die wir sprechen, beeinflusst die Art, wie wir Informationen verarbeiten, speichern und abrufen. Die Tatsache, dass Verzweigungsrichtung und Wortreihenfolge mit einem solch grundlegenden kognitiven Prozess wie dem Gedächtnis verknüpft sein könnten, eröffnet neue Möglichkeiten für die psycholinguistische Forschung, mit dem Ziel den Pool an untersuchten Sprachen und Bevölkerungen zu erweitern. „Wie sieht es mit dem Arbeitsgedächtnis von Sprechern von Sprachen mit gemischten Verzweigungen oder freier Wortfolge aus? Würden wir Menschen finden, die sich gleich gut an die ersten und letzten Einträge der Liste erinnern können? Oder vielleicht sogar an Informationen aus der Mitte?“, sagt Federico Rossano von der University of California, San Diego.

Mit mehr als 7.000 weltweit gesprochenen Sprachen verfügen wir über einen einzigartigen Pool, um die Beziehung zwischen Sprache und Kognition zu untersuchen. Die Erhaltung und Untersuchung dieser Vielfalt ist nicht nur ethisch wertvoll und wichtig, sondern auch für die Wissenschaft von entscheidender Bedeutung, um letztendlich zu verstehen, welche Faktoren unser Denken beeinflussen und um die Beziehung zwischen Sprache und Denken besser zu verstehen.

SJ

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