Berggorillas in Uganda

WERBEVERHALTEN NACH AFFENART

Drei Jahre beharkten sich die beiden Silberrücken in Scharmützeln. Bis zum Showdown. „Drei Weibchen der Gruppe waren paarungsbereit“, erzählt Martha, und das gab Rukina den letzen Kick: „Er hatte nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen.“ Den heftigen finalen Kampf entschied er mit der Kraft des Jüngeren für sich. Zeus überlebte mit schweren Verletzungen. Noch immer hätten ihm die Weibchen folgen können, aber sie taten es nicht. Die Verlockung des jungen, attraktiven und starken Beschützers war zu groß. So wechselte die Führerschaft der Gruppe.

Erfolgreicher Silberrücken: Rukina stürzte Zeus, unter dessen Herrschaft er aufgewachsen ist. Bild vergrößern
Erfolgreicher Silberrücken: Rukina stürzte Zeus, unter dessen Herrschaft er aufgewachsen ist.

Aber nicht jeder männliche Gorilla avanciert zum Alpha-Tier. Ein angeborenes Kriterium für einen reüssierenden Silberrücken hat jetzt Marthas Mitarbeiter Thomas Breuer entdeckt. Er beobachtet seit einigen Jahren mehrere Gruppen Flachlandgorillas, die eine Lichtung im Ndoki-Regenwald des nördlichen Kongo aufsuchen. Ein hervorstechendes Merkmal aller Silberrücken ist der ausgeprägte, furchterregende Wulst auf dem Kopf, der sogenannte Scheitelkamm. Mit einer speziellen Kamera hat Breuer bei verschiedenen Silberrücken die Größe des Kamms gemessen. Resultat: Je mächtiger der Kamm, desto mehr Nachwuchs hat ein Silberrücken. Ob Rukina, evolutionsbiologisch gesehen, ein erfolgreiches Alpha-Männchen mit möglichst vielen Nachkommen sein wird, erfährt Martha Robbins aber erst in 15 bis 20 Jahren.

Nun liegt er im Unterholz mit den Weibchen Siato, Mugwere und Tindamanyere, eng umschlungen. Er pflegt ihr Fell, „groomt“ sie, wie es wissenschaftlich heißt. Die Szenerie wirkt innig, fast zärtlich. Doch wenig später verlassen die Weibchen den Ort der Kuschelei. Rukina missfällt das; er spurtet hinter den Weibchen her. Zack, zack, zack – alle drei fangen sich nacheinander einen Hieb ein. Handfeste Aktionen wie diese gegenüber Weibchen, aber auch Drohungen wie das bekannte Brusttrommeln, gibt es immer wieder, vor allem wenn die Gorilladamen paarungsbereit sind.

„Sie könnten also rein aggressiver Natur sein, um den Weibchen klarzumachen, dass sie sich nicht mit anderen einlassen sollen“, sagt Martha. Es kann aber auch eine Art Werbeverhalten sein – eben nach Gorilla-Art.

Das Büro im Dschungel hat Martha Robbins sich bauen lassen. Wenn ihre Ankunft bevorsteht, schüren ihre Mitarbeiter schon das Feuer im offenen Kamin. Bild vergrößern
Das Büro im Dschungel hat Martha Robbins sich bauen lassen. Wenn ihre Ankunft bevorsteht, schüren ihre Mitarbeiter schon das Feuer im offenen Kamin.

Die Weibchen jedenfalls scheinen wenig beeindruckt und schwärmen aus, um erneut zu fressen. 20 bis 30 Kilogramm Futter verschlingt ein ausgewachsener Gorilla täglich. Die Buhoma-Gruppen in Bwindi gönnen sich zuweilen sogar eine Ration tierisches Eiweiß – in Form von Ameisen. Ungewöhnlich für ein derart mächtiges Tier. Noch ist nicht klar, ob allein der Nährwert den Aufwand der Insektenjagd lohnt. Denn es braucht viel Zeit und einiges Geschick, um mit den mächtigen Händen eines Gorillas einige hundert winzige Insekten zu sammeln. Die Flachlandgorillas in der Zentralafrikanischen Republik indes haben sich auf Termiten spezialisiert, die in großen Bauten leben.

Wie sie an die Insekten herankommen, hat Marthas Kollegin Chloé Cipoletta erstmals dokumentiert. Mit purer Kraft brechen die Tiere aus den Termitenbauten Stücke heraus, die sie dann auf ihre Hände klopfen, sodass die Insekten herausfallen. Oder aber sie lecken die Termiten einfach mit ihren Zungen aus den Stücken heraus. „Hinter diesen verschiedenen Techniken könnten kulturelle Unterschiede stecken“, sagt Martha Robbins, „aber das ist reine Spekulation.“ Denn anders als bei Schimpansen oder Orang-Utans konnte bislang niemand kulturbedingtes Verhalten bei Gorillas nachweisen. Kulturelle Verhaltensweisen sind nicht angeboren oder durch verschiedene Umwelten bestimmt, sondern sozial erlernt und werden auf diesem Wege in einer Population weitergegeben. Imitation – das Kopieren eines Handlungsablaufes – gilt dafür als erstes Kriterium.

BIZIBU ARBEITET MIT EINER NEUEN TECHNIK

Martha Robbins jedenfalls war auf dem besten Wege, erstmals kulturelles Verhalten bei Gorillas dokumentieren zu können – ein Fall, der drastisch Freud und Leid einer Feldforscherin zeigt. Gorillas fressen nämlich tatsächlich Disteln, „und das muss extrem schmerzen“, wie die Biologin sagt. Normalerweise legen sie einfach eine ihrer Hände um ein Blatt und falten es, um die Gefahr von Mundverletzungen durch die Dornen zu reduzieren. Doch Bizibu, ein junges Weibchen, hatte eine neue Technik ersonnen: Sie rollte die Blätter zu einem Ball zusammen. „Dramatisch anders als die übliche Technik“, betont Martha, die von der Beobachtung sehr angetan war. Denn das Weibchen würde Nachkommen haben, die die Technik über soziales Lernen übernehmen könnten – das wäre ein Hinweis auf Kultur.

Die Chancen standen gut, dass Bizibu in der Gruppe bleiben würde, weil sie noch vom alten Silberrücken Zeus abstammt. Doch am 15. September 2006 traf Marthas habituierte Gruppe auf einen anderen Gorillaclan. Derlei Zusammenkünfte sind in Bwindi wegen der ausgedehnten Reviere häufiger als in den Virunga-Bergen. Und sie sind die einzige Chance der Weibchen, sich andere Alpha-Männchen anzusehen – und womöglich zu ihnen zu wechseln. Zwar versuchen Silberrücken, den Abgang einer Gorilladame aggressiv zu verhindern. Doch das gelingt nur manchmal. Erstaunlicherweise jedenfalls verschwand Bizibu in die andere Gruppe, die nicht habituiert ist. So wird Martha Robbins wahrscheinlich nie erfahren, ob Bizibus Nachfahren die neue Distel-Fress-Technik kulturell lernen können. „Das“, sagt sie, „ist wirklich frustrierend.“

GENETISCHE SPUREN AUF DEM LEBENSWEG

Wie beim Menschen – etwa in der Kriminalfahndung – lässt sich auch bei Gorillas ein genetischer Fingerabdruck ermitteln, der ein Tier eindeutig identifizieren kann. „Die Genetik hat die Feldforschung sehr verändert und einfacher gemacht“, erklärt Martha Robbins. Aus einem Haar oder aus dem Kot der Tiere können Linda Vigilant und ihre Kollegen vom Leipziger Max-Planck-Institut genug Erbsubstanz für eine Analyse gewinnen. Beides muss sich allerdings eindeutig einem Individuum zuordnen lassen. Mithilfe der Technik hat Martha Robbins beispielsweise den Lebensweg eines Silberrückens verfolgen können, der ihre habituierte Gruppe verlassen hat. Bei den Gorilla-Zählungen in Bwindi stieß sie immer wieder auf Hinterlassenschaften des Männchens, das zunächst allein durch den Park zog, bis es vor Kurzem eine Gruppe als Alpha-Tier übernahm. Beim nächsten Zensus in einigen Jahren lässt sich mit den Gen-Analysen bestimmen, ob und wie sich die Verteilung der Gorillagruppen im Bwindi-Nationalpark verändert hat und ob dies durch menschlichen Einfl uss begründet ist. Veränderungen der Gruppengrößen sind ebenso erkennbar wie die Wechsel einzelner Tiere in andere Clans. Zudem finden die Forscher über die Genetik heraus, von wem ein Gorillababy abstammt – Daten, die wichtig sind, um den Fortpflanzungserfolg der Gorillas zu ermitteln.

KOOPERATIONEN

® „Institute of Tropical Conservation“, das zur Mbarara University in Uganda gehört und von der New Yorker Wildlife Conservation Society unterstützt wird;
® „Dian Fossey Gorilla Fund International“, der die Daten aus dem „Karisoke Research Institute“ zur Verfügung stellt;
® Genetik-Labor des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie unter Leitung von Linda Vigilant.

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