Berggorillas in Uganda

REIBEREIEN BEI DER NAHRUNGSSUCHE

Ein Nahrungsexperte: Gorillas gestalten ihren Speiseplan je nach Nährstoffbedarf. Bild vergrößern
Ein Nahrungsexperte: Gorillas gestalten ihren Speiseplan je nach Nährstoffbedarf.

Wie sie ihren Speiseplan gestalten, hängt einerseits von der Verfügbarkeit ab und andererseits vom Ernährungswert der Pflanzen. Die Gorillas optimieren ihren Zucker- und Proteinbedarf; selbst Gruppen aus unterschiedlichen Regionen erreichen am Ende den gleichen Nährwert, obwohl sie verschiedene Dinge fressen. In Monaten ohne Fruchtangebot kompensieren sie die fehlenden Zucker und Faserstoffe nicht. „In jedem Fall bietet der Bwindi-Nationalpark genug Nahrung, damit die Gorillas überleben und sich noch weiter vermehren können“, betont die Biologin, die in den kommenden Jahren alle Informationen aus Zensus, Ökologie und Demografie der Bwindi-Gorillas systematisch erfassen will – auch für den Schutz der Tiere. Nur auf der Basis dieser grundlegenden Daten können die Forscher erkennen, ob im Falle einer Störung etwa durch die Erderwärmung wirklich Außergewöhnliches passiert – oder ob sich die Veränderungen in der Norm bewegen.

Klar ist nach den jüngsten Erkenntnissen der Max-Planck-Forscher, dass Bwindi-Berggorillas mit sieben bis zwölf Quadratkilometern größere Gebiete durchstreifen als ihre Artgenossen in Ruanda, die mangels Angebot auf Früchte verzichten. Je größer eine Gruppe ist, desto häufigere und weitläufigere Wanderungen unternehmen die Tiere, wie Jessica Ganas und Martha Robbins jüngst bestätigt haben.

Durchschnittlich zehn Tiere bilden eine Gorillagruppe, maximal sind es 20 bis 30. Indem sie ihr Areal erweitern, verringern die Tiere in größeren Gruppen das Risiko von Aggressionen bei der Nahrungssuche. Trotzdem kommt es immer wieder zu Reibereien, gerade an Orten, an denen viele Früchte wachsen. Flachlandgorillas im westlichen Afrika ergänzen ihren Speiseplan überwiegend mit Früchten, die weit verstreut zu finden sind. Deshalb wandern sie in der Fruchtsaison vermehrt und ruhen weniger.

Gegenseitige Fellpflege: Happy "groomt" einen Gruppenangehörigen. Bild vergrößern
Gegenseitige Fellpflege: Happy "groomt" einen Gruppenangehörigen.

Die Folge: Ihre Gruppen erreichen nicht die Größe von Berggorillaclans. „Denn jedes weitere Gruppenmitglied“, erklärt Martha, „würde die individuelle Fruchtration verringern und das Aggressionspotenzial erhöhen.“ Während sie das sagt, hören wir laute Schreie. Die Biologin vermutet etwas Ernstes und hastet durchs Gestrüpp. Etwa 50 Meter entfernt stoßen wir auf einen kleinen ausgetrockneten Sumpf. Die Gruppe ist in heller Aufregung. Die Schreie hallen aus dem Dickicht vor uns, in dem sich Byiza und Sikio, ein anderer Schwarzrücken, befinden. Beide fordern sich mit immer helleren Aggressionslauten heraus, heftiger und heftiger. Ein handfester Streit. Minuten später stürmt Rukina rechts an uns vorbei, hinein ins Dickicht, aus dem jetzt ein schrilles Quieken dringt. „Rukina vermöbelt Sikio“, ahnt Martha. „In derlei Auseinandersetzungen schützt der Silberrücken stets das höherrangige Tier.“ Byiza, vermutet sie, könnte den Streit bewusst angefacht haben, im Wissen, dass nicht er die Prügel bezieht.

Wie Gorillas ihr Gebiet nutzen, ist für Martha eine entscheidende Frage. Denn die Nahrungsökologie beeinflusst das Sozialverhalten. Nach einer gängigen Theorie begrenzen Nahrungsangebot und -verteilung die Zahl der Weibchen, die in einer Gruppe zusammenleben können. Und die Zahl der Weibchen bestimmt, ob der dominierende Silberrücken andere zeugungsfähige Männchen oder gar einen zweiten Silberrücken zulässt, ein Beta-Tier. Was wiederum die Gefahr möglicher Aggressionen erhöht.

WEIBCHEN STIFTEN UNSICHERHEIT

In Gruppen der weit umherziehenden Flachlandgorillas, die Früchte lieben, sind mehrere erwachsene Männchen extrem selten, in Gruppen von Berggorillas indes häufig, wie Martha Robbins entdeckt hat. „Einer meiner wichtigsten Funde“, wie sie sagt. Fast erwachsene Schwarzrücken oder junge Silberrücken müssen sich entscheiden, ob sie bleiben, in eine andere Gruppe wechseln, allein oder in Junggesellengruppen durch den Wald streifen. Irgendwann fordern sie dann vielleicht einen Silberrücken heraus, um eine Gruppe zu übernehmen oder Gorilladamen aus anderen Gruppen abzuwerben. „Wenn die Nahrungssituation nur wenige Weibchen erlaubt“, betont Martha Robbins, „ist es wahrscheinlicher, dass niederrangige Männchen ihre Gruppe verlassen.“

Köpfchen muss man haben: Ob ein Gorilla als Alpha-Tier reüssiert, bestimmt sein Scheitelkamm. Ein mächtiger Kopfwulst bedeutet viel Nachwuchs. Bild vergrößern
Köpfchen muss man haben: Ob ein Gorilla als Alpha-Tier reüssiert, bestimmt sein Scheitelkamm. Ein mächtiger Kopfwulst bedeutet viel Nachwuchs.

Aus weiblicher Sicht lohnen sich mehrere Männchen allemal. Wir sehen den Schwarzrücken Marembo auffallend oft in der Nähe von Tindamanyere. Er stellt ihr regelrecht nach, so scheint es. Sie ist schwanger und hat sich vorwiegend mit Rukina gepaart, aber nicht nur. Marembo kam ebenso zum Zuge wie die anderen schon zeugungsfähigen Schwarzrücken. So stiften die Weibchen Unsicherheit unter ihren männlichen Artgenossen. Sollte Marembo, zum Silberrücken geworden, in der Gruppe bleiben und womöglich Rukina herausfordern und gewinnen, würde er die Kinder und Jungtiere der Gruppe nicht, wie ein fremder Silberrücken, töten. Denn einige der Kinder könnten die seinen sein. Auch Rukina erhöht womöglich die Überlebenschance seiner Nachfahren, wenn er andere Männchen, auch einen zweiten Silberrücken, toleriert oder seine Präsenz nicht verhindern kann. Auf der anderen Seite verliert er einige Vaterschaften, weil die anderen Männchen mit den Weibchen kopulieren. Und er muss sich öfter der Angriffe der Konkurrenten erwehren: Das Aggressionspotenzial steigt.

Etwa 15 Prozent der Gorillakinder in Karisoke und in Bwindi, so ergab eine Untersuchung von Martha Robbins, ihren Kollegen vom Leipziger Max-Planck-Institut und ihrem Doktoranden Anthony Nsubuga, hat nicht der dominierende Silberrücken gezeugt. Bei Flachlandgorillas stammt der Nachwuchs hingegen immer vom Alpha-Tier.

Die Max-Planck-Forscherin hat Daten aus Karisoke in eine Computersimulation eingespeist. Danach fährt ein zweitrangiges Männchen in Karisoke meist am besten, wenn es seine Gruppe nicht verlässt und allein umherzieht, sondern wartet und irgendwann die Gunst der Stunde nutzt, um den Gruppenprimus zu fordern. Bis dahin kann es seine Gene zumindest gelegentlich weitergeben. Die Weibchen sind in jedem Fall auf der sicheren Seite: Der Stärkste wird gewinnen und sie gut beschützen.

Und so entscheiden sie im Zweifel knallhart nach den Gesetzen der Natur, erzählt Martha. Rukina, seinerzeit ein junger Silberrücken, setzte sich im November 2000 von der Gruppe ab, um einige Monate später zurückzukehren. Immer wieder stichelte er fortan das damalige Alpha-Männchen Zeus, das offene Konfrontationen vermeiden wollte und mit seinen Weibchen darum häufiger als früher in neue Gebiete zog, was das Nahrungsrevier der Gruppe vergrößerte.

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