Berggorillas in Uganda

Graue Haare entlarven den Silberücken

Alle Details werden sorgfältig notiert - so dokumentieren die Forscher Verhalten und Lebensweise der Gorillas. Bild vergrößern
Alle Details werden sorgfältig notiert - so dokumentieren die Forscher Verhalten und Lebensweise der Gorillas.

Jede der 650 gesammelten Kotproben haben Katarina Gushanski und Linda Vigilant, die Leiterin des Leipziger Genetik-Labors, auf einen genetischen Fingerabdruck hin analysiert. Damit lässt sich die Identität eines Gorillas bestimmen. Ein Verfahren, das erstmals in einem Zensus in Bwindi eingesetzt wurde. Die Größe des Kots variiert je nach Männchen, Weibchen oder Jungtier und verrät Informationen über die Struktur einer Gruppe. Graue Haare in einem Nest entlarven einen Silberrücken. Die Ergebnisse sind noch unklar. Sah es zunächst so aus, als ob 340 Gorillas in Bwindi leben, so muss diese Zahl nach jüngsten Erkenntnissen womöglich nach unten korrigiert werden. Auch die Zahlen aus 2002 und 1996 – 320 respektive 300 Tiere – könnten zu hoch gegriffen sein. Der vermutete positive Trend der Bestandszahlen ist demnach unsicher.

Ohnehin ist der Nationalpark nur eine kleine Insel inmitten einer Region, in der die Bevölkerung wächst und wächst. Die Menschen leben in Armut und die pure Not würde viele von ihnen zur Wilderei treiben, wenn Ranger den Park nicht bewachten. Und wenn die angrenzenden Kommunen nicht durch die Einnahmen des Gorilla-Tourismus am anderen Ende des Parks, in Buhoma, mit vier habituierten Gruppen profitieren würden. Bis jetzt läuft alles bestens. Aber wer weiß? Nicht mal hundert Kilometer Luftlinie entfernt, auf der Kongo-Seite der Virunga-Berge, haben Rebellen in den vergangenen Monaten urplötzlich einige Berggorillas erschossen. Ein herber Verlust, weil in Bwindi und in den Virunga-Bergen nur etwa 720 Berggorillas leben – die letzten ihrer Art, nicht einmal zwei vollbesetzte Jumbojets.

„Kein Gorillaforscher kann sich der Verantwortung für den Schutz der Tiere entziehen“, sagt Martha und schaut tief hinunter in die Schlucht. „Schon hinter dem nächsten Berg beginnen die Tee- und Kaffeefelder der Bauern, ohne Pufferzone direkt hinter der Parkgrenze. So gibt es keine Chance, den Nationalpark zu vergrößern. Davon ahnen die Affen nichts. Bei unserer heutigen Ankunft haben wir sie wieder in einer Ruhephase erwischt. Dann rottet sich die Gruppe zusammen, und stundenlang passiert nichts. „Ein Gorillaforscher braucht Geduld“, murmelt Martha, „viiieeel Geduld.“ Warten, warten, warten! Gorillas strahlen, meist zumindest, eine ansteckende Ruhe aus. Doch wie auf einen unhörbaren Befehl hin endet das Dösen – und ehe man sich versieht, schwärmen sie aus und man ist weiträumig umzingelt von den Tieren. Das sind berührende, auch heikle Situationen. Denn die Gorillas halten sich zuweilen nicht an die für Menschen vorgeschriebene Regel von sieben Meter Mindestabstand. Der soll verhindern, dass Menschen Krankheitserreger auf die Tiere übertragen.

Nicht nur Blätter auf dem Speiseplan

Und so stehen wir unvermittelt im Weg von Byiza, einem Schwarzrücken und notorischen „troublemaker“, wie Martha sagt. Meist hat er es auf Rucksäcke und Stöcke abgesehen. Verstohlen schaut er uns an. Wir versuchen den Blicken zu entgehen – sieh einem Gorilla niemals in die Au- gen, heißt es. Gerade noch versucht Gaad die Stöcke zu verstecken, schon rennt Byiza auf uns zu, greift nach einem seiner Wunschobjekte und kickt mit einer Hand kurz gegen ein Schienbein. Nicht wirklich heftig, aber spürbar. Spielerisch. Ohne einen Stock zu bekommen, zieht Byiza ab und verschwindet im Grün, greift nach einem hoch hängenden Ast voller Blätter, den er gerade so erreicht, und zieht ihn kraftvoll nach unten, sodass es kracht. Sorgsam und mit geübter Hand streift er die Schale eines Stängels ab, taxiert sie wie ein Connaisseur und lässt sie in seinem Mund verschwinden. Sitzend und in den Himmel blickend kaut er, in sich versunken.

Nur etwas größer als München: Der Bwindi-Nationalpark in Uganda ist einer der wenigen Orte auf der Welt, an denen noch Gorillas leben. Bild vergrößern
Nur etwas größer als München: Der Bwindi-Nationalpark in Uganda ist einer der wenigen Orte auf der Welt, an denen noch Gorillas leben.

Die Nahrungsökologie zählt zu Martha Robbins’ Schwerpunkten. „Niemand wusste, was genau die Gorillas hier fressen“, sagt sie und betont im gleichen Atemzug ein grundsätzliches Problem: Wer „Gorilla“ hört, denkt an die ermordete Dian Fossey und die weiter existierende Karisoke-Forschungsstation in den Virunga-Bergen im Grenzgebiet Ruanda-Kongo-Uganda. Obwohl Gorillas völlig verschiedene Lebensräume bevölkern, „stammen 80 Prozent des Wissens aus rund 40 Jahren Forschung in Karisoke, was noch immer die Wahrnehmung vieler Menschen prägt“. Danach galten Berggorillas und auch die Flachlandgorillas im zentralen und westlichen Afrika lange Zeit als ausschließliche Blattfresser – wie die Berggorillas Ruandas.

Doch die Virunga-Berge mit ihren bis zu 4500 Metern Höhe sind ein extremer Lebensraum, wo beispielsweise keine Früchte wachsen. Anders im maximal 2600 Meter hohen Bwindi: Hier ist es wärmer als in Virunga, hier wuchern mehr Pflanzenarten – und die Flora bietet Früchte. So verhalten sich auch die Gorillas anders als in Virunga: „Die Tiere unserer Gruppe fressen häufig Früchte“, erklärt Martha, „fast an jedem dritten Tag.“ Immerhin zehn bis 15 Prozent ihrer Zeit verbringen die Gorillas mit der Suche nach der begehrten Nahrung, die Flachlandgorillas sogar 40 Prozent.

Die Wahl der Früchte fällt unterschiedlich aus, denn auch im relativ kleinen Lebensraum Bwindi variieren die ökologischen Voraussetzungen je nach Höhe. So fressen die von Touristen besuchten Gorillagruppen im tiefer gelegenen Buhoma nicht nur mehr Früchte als Rukinas Gruppe, sondern überdies teils völlig andere Arten. Und selbst die beiden untersuchten Gruppen aus Buhoma – aus dem gleichen Lebensraum – haben, wie Marthas Mitarbeiterin Jessica Ganas entdeckte, ihren eigenen Geschmack entwickelt. „Vielleicht gibt es verschiedene Ernährungstraditionen in den beiden Gruppen“, sagt Martha, „es kann aber auch sein, dass sie verschiedene Pflanzenarten mit ähnlichem Nährstoffgehalt wählen.“

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