Berggorillas in Uganda

Rukinas schrecklich nette Familie

Steile Berge, undurchdringlicher Wald und matschiger Boden bilden das Forschungsterrain von Martha Robbins. Die Wissenschaftlerin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig durchstreift den Bwindi-Nationalpark in Uganda, um die Lebensweise von Berggorillas zu erforschen. Große und kleine Dramen unter den seltenen Menschenaffen erlebt sie dabei – und auch einen Hauch von Abenteuer.

Text: Klaus Wilhelm

Daily soap der besonderen Art: Die Gorillafamilie um Silberrücken Rukina. Bild vergrößern
Daily soap der besonderen Art: Die Gorillafamilie um Silberrücken Rukina.

Besser, wenn wir über ihnen bleiben“, sagt Martha Robbins und deutet auf ein Knäuel schwarzer Körper etwa zehn Meter entfernt. Könnte es gefährlich werden? Es wirkt so harmlos. Die Gorillas dösen, manchmal getroffen von den schlanken Strahlen der Morgensonne, die das Dickicht des Bwindi-Nationalparks im Südwesten Ugandas durchbrechen. Doch schlagartig, als hätten sie die Max-Planck-Forscherin verstanden, erwachen einige der Affen. Nur Happy war schon wach. Gerade noch hat der zweijährige Jungspund auf der Brust des Alpha-Männchens Rukina herumgetrommelt. Und der hat das stoisch ertragen. Nun mustert er die menschlichen Eindringlinge. Martha und ihren Assistenten Gaad Twinomujuni kennt Happy seit seiner Geburt. Doch die beiden unbekannten Besucher locken ihn: Fremde, die nicht hierher gehören. Selbst als er kopfüber in den Ästen turnt, verliert er sie nicht aus dem Blick.

Plötzlich, vom Übermut des Kleinen angestachelt oder um ihn zu schützen, springt Rukina auf und kommt uns fast aufrecht entgegen. 200 Kilo Lebendgewicht, gewaltige Schultern, riesiger Kopf. Sein Leib riecht scharf und stechend. Wir schlucken. Martha Robbins bleibt gelassen. „Nicht bewegen“, sagt sie leise, als wir den Atem des Silberrückens fast spüren – so nah prescht er vorbei, ohne uns auch nur seitlich anzusehen. So sicher ist er sich seiner selbst. Dann steht er für Sekunden still, richtet sich noch einmal auf und macht en passent deutlich: „Freunde, benehmt Euch! Das ist mein Revier.“ Die Botschaft kommt an. In den nächsten Tagen wird uns Rukina keines weiteren Blickes würdigen. „Würde er ernst machen, sähe das anders aus“, erklärt Martha beiläufig, „aber Gorillas sind meist wenig aggressive Tiere.“

Noch mit weiten Augen drehen wir uns um und erkennen 30 Meter entfernt, im Gegenlicht der Morgensonne, einen frei stehenden Baum am Abhang mit einem noch nicht ganz ausgewachsenen Männchen, einem Schwarzrücken. Marembo scheint fast entrückt von dieser Welt, ruhig, erhaben. Szenen wie diese berühren Martha Robbins noch immer. Seit 1998 beobachtet die Amerikanerin in Diensten des Leipziger Max-Planck-Institutes für evolutionäre Anthropologie diese Gorilla-Gruppe, eine von 28 oder 30 in Bwindi – die genaue Zahl steht noch nicht fest. Und bekommt eine Daily Soap der besonderen Art präsentiert: Freundschaften, Feindschaften, Kämpfe, Sex, Geburten und Todesfälle. Dramen, die sich abspielen mit 16 Hauptdarstellern: dem großen Alpha Rukina, vier Schwarzrücken wie Marembo, sechs Weibchen und fünf Kindern und Jugendlichen. „Eine relativ große Gruppe“, wie Martha befindet, „sie lassen mich in ihr Leben rein, und ich mache daraus Wissenschaft.“

Gorillaforschung ist ein Knochenjob

Ihre These: Gorillas können unter verschiedenen ökologischen Bedingungen leben. Die Ernährung der Tiere beeinflusst ihr Sozialverhalten und ihre Fortpflanzung. Wie genau – das will die Wissenschaftlerin herausfinden. In diesem Punkt unterscheiden sich die Berggorillas Bwindis etwa von ihren Artgenossen in Ruanda. Ganz zu schweigen von den Flachlandgorillas im Kongobecken Afrikas. Abhängig von der Ernährungsökologie variiert die Zusammensetzung der Gruppen. „Und das Verhalten der Weibchen diktiert oft das Verhalten der Männchen“, sagt die Max-Planck-Biologin. Sie hat Zugang zu den Daten aus 40 Jahren Gorillaforschung in Ruanda und lässt Flachlandgorillas in Gabun, Kongo und Zentralafrika von ihren Studenten erforschen: „Das ermöglicht einzigartige Vergleiche von Gorillas in unterschiedlichen Ökosystemen.“

Sie flüstert, denn die Wissenschaftler wollen die Tiere so wenig wie möglich stören – auch um ihr natürliches Verhalten beobachten zu können. Die Gruppe ist für Forschungszwecke habituiert. Soll heißen: Die Gorillas flüchten nicht, wenn sich Menschen nähern. „Aber sie sind keine Haustiere“, wird Martha auch in den kommenden Tagen immer wieder sagen, wenn wir die Gorillas morgens im Nationalpark suchen.

Manchmal tagelang folgen Martha Robbins und ihr Assistent Gaad Twinomujuni zu Fuß der Gorillagruppe, die sie seit 1998 beobacht Bild vergrößern
Manchmal tagelang folgen Martha Robbins und ihr Assistent Gaad Twinomujuni zu Fuß der Gorillagruppe, die sie seit 1998 beobacht

Diesen Wald nennen die Einheimischen den Undurchdringbaren. Wir quälen uns anderthalb bis zwei Stunden an Steilhängen hoch, bleiben an Lianen hängen, stapfen über umgefallene Bäume, kämpfen uns durchs Gebüsch. Gorillaforschung in Bwindi ist ein Knochenjob, auch für Martha. Jede Information muss sie sich mit Schweiß erkaufen. Die linke Hand in der Hüfte und den Kopf tief nach vorn gebeugt, steigt sie die teils extrem steilen Rampen hoch, sodass sie nur die nächsten Meter erkennen kann – und nicht alles das, was noch kommt. „Solche Tricks machen es mental leichter“, sagt sie. Der Untergrund zehrt zusätzlich an der Kondition: Bis zu einem Meter Blätter und Gestrüpp türmen sich über dem Boden der Hänge. Wir taumeln und straucheln. Ohne einen Stock, eine Art drittes Bein, wären wir längst wieder den Hang hinuntergekullert.

Das grüne Hügelland des Parks – mit 330 Quadratkilometern ist er etwas größer als München – haben Martha und andere Forscher und Mitarbeiter vor Kurzem Meter für Meter durchkämmt. Das Ziel: binnen zweieinhalb Monaten jeden einzelnen Berggorilla in Bwindi zu zählen. „Der helle Wahnsinn“, erinnert sich die 40-Jährige, „aber auch sehr schön, weil Menschen aus Uganda, Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo zusammenkamen.“ Von diesem Zensus, dem dritten in zehn Jahren, erzählt sie leidenschaftlich. Von den sechs Teams, die je zehn Tage lang den Park nach Gorillas und deren Hinterlassenschaften – Kot oder Schlafnester – so engmaschig abgesucht haben, dass ihnen kaum ein Tier entgehen konnte. Von der Erschöpfung, die sich abends am Lagerfeuer nach neun Stunden Gorilla- Trekking in die Gesichter zeichnete. Vom strömenden Regen, den ständig nassen Füßen und den Socken, die nicht trocknen wollten. Und davon, wie einige Teams für Stunden trotz GPS in der Dunkelheit verloren gingen – und wieder auftauchten.

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