Gesellschaft

Auf dem Marktplatz der Religionen


Im Zeichen des Kreuzes: Eine Delegation von christlichen Nuer-Frauen auf der Friedenskoferenz im südsudanesischen Fangak.

Ein besonderer Aspekt der Multireligiosität ist der Wettbewerb religiöser Gruppen: Kampf um Anteile auf dem Marktplatz der Glaubensgemeinschaften ist das Thema dreier Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle, deren Arbeit näher vorgestellt werden soll.

Untersuchungen zu Glaubenssystemen und Ritualen als Dimensionen, über die sich soziale Gruppen definieren und identifizieren, sind seit Beginn fester Bestandteil des Forschungsprogramms der Abteilung „Integration und Konflikt“ unter Leitung von Günther Schlee. Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass der Begriff der Religion in hohem Maße an den Amtskirchen orientiert ist und Vergleiche mit Glaubensystemen in anderen Kontexten dadurch eher erschwert werden. Auf der anderen Seite ist das breite Thema „Religion und Modernisierung“ nach wie vor – und nicht zuletzt in nationalstaatlichen Diskursen – von aktueller Bedeutung.

Die unbedingte Zusammengehörigkeit von Christentum und Bildung ist gerade in afrikanischen Gesellschaften stark verbreitet: Wer Christ wird und die Bibel zu konsultieren lernt, gilt als gelehrt. „Menschen, die die Schrift, die ein Buch lesen können, werden automatisch dem modernen Spektrum zugerechnet“, sagt Christiane Falge. Bei ausgedehnten Feldforschungen im Sudan, in Kenia und Äthiopien sowie während ihres dreijährigen M.A.-Studiengangs Sozialanthropologie in Addis Abeba hat Falge beobachtet, wie sehr in Afrika die Gleichsetzung von Bildung und vorwiegend protestantischem Christentum (also westlicher Religion) gilt. Dass es dabei zu paradoxen Konstellationen kommen kann – so waren etwa die Vorreiter der marxistisch-leninistischen Revolution des späteren Derg-Regimes in Äthiopien protestantische Christen –, ist nur Nebenprodukt ihrer Untersuchungen.

Die Wissenschaftlerin konzentriert sich vor allem auf die Frage, ob und wie Konversion zum Christentum und Modernisierung in bestimmten Ethnien zusammenhängen. Falge hat sich für ihre aktuellen Studien die Nuer ausgesucht, eine ursprünglich im Südsudan ansässige ethnische Gruppe mit nomadischer Tradition, die auf der Suche nach grüneren Weidelandschaften für ihre Rinder bis in das benachbarte Äthiopien migriert – und mittlerweile als Folge des seit Jahrzehnten andauernden Bürgerkriegs im Sudan in die ganze Welt verstreut ist:

Die zwei Millionen Nuer leben in den USA, in Europa und Australien und zu Zehntausenden in Flüchtlingslagern der Nachbarländer des Sudan. Etwa 80 Prozent der Nuer sind Nicht-Christen, doch schreitet die Christianisierung rasch voran. Und sie ist, so Falges These, weniger Ausdruck einer inneren Überzeugung denn Folge des Wunsches, Teil der globalisierten Welt zu werden. Traditionell ist das Leben dieses außergewöhnlich hochgewachsenen Volkes von den Rindern bestimmt, die Menschen ernähren sich hauptsächlich von Milch und Milchprodukten. „Jetzt wollen die Nuer in die Welt hinaus“, sagt Christiane Falge. Der Weg dorthin steht in der Bibel.

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