Fachwissen Biologie Evolution Gene


weiterführende Links
Die Suche nach den "menschlichen" Genen

Affen sind keine Kulturbanausen


Von ihren Müttern lernen die jungen Schimpansen den Gebrauch von Werkzeugen beim Öffnen von Nüssen.

Mit dem Begriff „Kultur“ definieren sie die nicht vererbte Weitergabe von Gewohnheiten. Es handelt sich also nicht um instinktives, von Genen gesteuertes, sondern um erlerntes Verhalten. Grundlage für diese Erkenntnis bilden die sieben bedeutendsten Langzeitbeobachtungen an Schimpansen, die 1999 in einer gemeinsamen Publikation in Nature vorgestellt wurden. Sie repräsentieren insgesamt eine Beobachtungszeit von 151 Jahren – und danach ist der Mensch ganz offensichtlich nicht das einzige Lebewesen auf der Erde, das zu einer kulturellen Evolution, also Weiterentwicklung, fähig ist.

So hat der Max-Planck-Wissenschaftler Christophe Boesch seit 1979 die Schimpansen des Taï National Parks im Regenwald des westafrikanischen Staates Elfenbeinküste studiert und herausgefunden, dass junge Schimpansen beispielsweise das Nussknacken erst nach mehreren Jahren beherrschen; während dieser Lernphase teilen die Mütter ihre Nüsse mit den Jungtieren. Diese Technik des Nussknackens scheint nur unter den Schimpansen der westlichen Elfenbeinküste, Liberias und des südlichen Guinea-Conakry verbreitet zu sein. Es ist eine Art kulturelles Verhalten, und es erlaubt tatsächlich, eine Affen-Population von der anderen zu unterscheiden – so, wie sich Europäer von Asiaten unterscheiden, weil sie mit Gabel und Messer essen, während letztere lieber zu Stäbchen greifen.

Die Ergebnisse verdeutlichen, wie sehr wir unsere nächsten biologischen Verwandten bisher unterschätzt haben. Aber selbst wenn wir zugeben, dass kein einziges Merkmal, keine einzige Fähigkeit Menschen und Schimpansen vollständig voneinander unterscheidet, so könnten wir zumindest noch behaupten, dass die allgemeinen genetischen Unterschiede zwischen uns hinreichend groß sind. Schließlich sehen die beiden Arten ziemlich verschieden aus und benehmen sich unter natürlichen Bedingungen auch recht unterschiedlich.

Bereits 1975 veröffentlichten die beiden amerikanischen Wissenschaftler Mary-Claire King und Allan Wilson in der renommierten Zeitschrift Science einen Artikel, aus dem hervorging, dass die allgemeinen genetischen Unterschiede zwischen Schimpansen und Menschen vergleichsweise klein sind. Für den Laien klingt das wie ein Widerspruch: Müssten sich die vielen Unterschiede in Form und Funktion nicht auf der Ebene der Gene widerspiegeln? Eine Antwort auf diese Frage könnte lauten, dass bestimmte Arten von Genen sehr weitreichende Wirkung haben. So dürften Mutationen in den so genannten regulatorischen Genen eine dramatischere morphologische Evolution bewirken als solche in Strukturgenen. Denn regulatorische Gene steuern das Zusammenspiel einer Vielzahl von Strukturgenen, und deshalb können auf dieser Ebene bereits einfache Mutationen komplexe Veränderungen in der Entwicklung von Organismen auslösen.

1 2 3 4 5