Wie Gründergeist das Wirtschaftswachstum ankurbelt
Fruchtbare Unternehmen
Goodyear, Goodrich und Firestone hatten in der Stadt im amerikanischen Bundesstaat Ohio ihre Produktionsstätten – drei der vier weltweit größten Reifenhersteller. Um 1930 kamen mehr als 40 Prozent der gesamten US-Reifenproduktion aus Akron. „The Rubber Capital“, die Gummihauptstadt wurde Akron deshalb über Jahrzehnte hinweg genannt. Aber es waren nicht die spezialisierten Arbeitskräfte vor Ort und auch nicht die Nähe zur Autometropole Detroit, die den Reifenherstellern damals einen Wettbewerbsvorteil verschafften. Akron war auch kein Magnet für die Gummi- und Reifenindustrie – im Gegenteil: Über die Jahre zogen mehr Firmen aus Akron weg als hinzu. „Nur durch fortwährende Abspaltung immer neuer Spin-offs, die aus den drei ersten Unternehmen am Ort hervorgegangen sind, hat es Akron geschafft, nicht nur einen Großteil der Reifenproduktion zu übernehmen, sondern auch so viele in dieser Branche tätige Unternehmen zu versammeln wie kein anderer Ort der USA“, erläutert Bünstorf.
Und Akron ist kein Sonderfall. In der Automobilindustrie rund um Detroit hat sich Ähnliches abgespielt: Die vier Unternehmen Olds Motor Works, Buick/General Motors, Cadillac und Ford brachten nahezu die gesamte Branche hervor. Zehn der zwölf Branchengrößen, die sich innerhalb der zweiten Generation von Automobilherstellern herausgebildet hatten, stammten von ihnen ab. Für Jahrzehnte wurde Detroit zum Standort der führenden Automobilhersteller. Ein Großteil aller Innovationen in der Automobilindustrie in den Jahren 1902 bis 1925 stammte aus Detroit. Die Studien zeigten auch: Erfolgreiche Unternehmen bringen eine deutlich größere Anzahl an Spin-offs hervor als weniger erfolgreiche. Dieser Zusammenhang ist so stark ausgeprägt, dass er sogar unabhängig von der aktuellen Nachfrage am Markt zur Geltung kommt. Und in erfolgreichen Unternehmen erwerben Mitarbeiter auch das nötige Know-how, um selbst erfolgreich zu gründen.
Vergleich der Anzahl der Intershop-Mitarbeiter und der Gesamtzahl der IT-Mitarbeiter in Jena zwischen 1994 und 2005.
Ob Reifen, Autos, Festplatten oder Software – quer durch alle Branchen haben Bünstorf und Klepper immer wieder die gleichen Entwicklungsmuster entdeckt. Auch in Jena schufen Spin-offs neue Beschäftigungsmöglichkeiten und konnten so qualifizierte Arbeitnehmer in der Region halten. Insgesamt 30 neue Firmen wurden in den vergangenen Jahren von ehemaligen Intershop-Mitarbeitern gegründet, 20 davon in Jena oder der näheren Umgebung. Etwa die Hälfte der Neugründungen etablierte sich auf dem Gebiet der Softwareentwicklung. Ihre Geschäftsmodelle basieren in der Regel auf dem spezifischen Wissen und den Erfahrungen, die die Gründer bei Intershop sammeln konnten. Viele sind gegangen, als sich das Unternehmen nach der Krise 2001 verkleinern musste. „Necessity spin-offs“ nennen die Wissenschaftler solche durch externe Ereignisse und Umbrüche ausgelösten Unternehmensgründungen und unterscheiden sie damit von den sogenannten „opportunity spin-offs“, bei denen in der bestehenden Firma ungenutzte Ideen und Produkte zu neuen unternehmerischen Aktivitäten führen.
Aus der 2003 gegründeten Transfergesellschaft, die von Arbeitslosigkeit bedrohte Intershop-Mitarbeiter auffangen sollte, ist inzwischen die im Intershop-Tower ansässige Genossenschaft TowerByte geworden, der rund 200 IT-Fachkräfte und 16 Firmen angehören. 12 davon sind Intershop Spin-offs, aber die Genossenschaft hat auch Start-ups angelockt, deren Gründer keinen Bezug zu Intershop haben. Denn TowerByte bietet seinen Mitgliedern Dienstleistungen und technologische Infrastruktur an, neue Firmen können deshalb klein und schnell starten. Obwohl also die Zahl der Mitarbeiter bei Intershop seit 2001 kontinuierlich gesunken ist, ist die Gesamtzahl der IT-Beschäftigten in Jena nahezu unverändert geblieben. Die 100.000-Einwohner-Stadt ist heute ein Zentrum für E-Commerce-Software.