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Ein Drittel Kind Vorsprung


Die nordischen Länder sowie Island und Frankreich sind in puncto Kinderbetreuung vorbildlich - eben jene Staaten, in denen auch die Zahl der Geburten deutlich über der in Deutschland liegt.

„Kinder bekommen die Leute immer.“ Diese Aussage Konrad Adenauers stimmt nicht mehr. Doch warum ist das so? Sind es nur die momentanen Umstände oder ist das Ideal von einst – Mann, Frau, zwei Kinder – einer neuen Realität gewichen? Kann man den niedrigen Geburtenraten mit entsprechender Familienpolitik gegensteuern und wenn ja, mit welcher? Auf den Diagrammen, die die zukünftige Entwicklung der Bevölkerung darstellen, rücken die geburtenstarken Jahrgänge mit der Zeit immer weiter nach oben auf der Altersskala, während die Bevölkerung von unten nur spärlich nachwächst: Aus der Alterstanne wird ein Alterspilz. Im Jahr 2030 wird ein Großteil der Deutschen aus Sechzig- bis Siebzigjährigen bestehen. Heute sind diese Alten von morgen in den Enddreißigern und Vierzigern, und in Europa sind sie Spitze: Spitze im Überhaupt-keine-Kinderkriegen.

Innerhalb Deutschlands liegt das von Bevölkerungsschwund und Überalterung gezeichnete Mecklenburg-Vorpommern mit an der Spitze im Trend zur Kinderarmut. Welcher Ort wäre passenderer für eine bevölkerungswissenschaftliche Forschungseinrichtung? Am Rostocker Max-Planck-Institut für demografische Forschung versucht man, den Ursachen des sich ändernden Geburtenverhaltens auf die Spur zu kommen.

Ein Mittel dafür sind Vergleiche zwischen den verschiedenen europäischen Ländern. Auf längere Sicht betrachtet, nimmt sich der Trend in Europa relativ einheitlich aus. Es fällt vor allem die generelle Entwicklung ins Auge: Seit mehr als hundert Jahren sinkt die Geburtenrate. Während gegen Mitte des 19. Jahrhunderts Frauen in Deutschland durchschnittlich noch etwa fünf Kinder zur Welt brachten, pendelten sich die Zahlen mit der Jahrhundertwende auf zwei bis drei Geburten pro Frau ein. Dabei blieb es im Großen und Ganzen bis in die 1960er-Jahre. In jenen Jahren dann kamen so wenige Kinder zu Welt, dass die zusammengefasste Geburtenziffer deutlich unter die Grenze von 2,1 rutschte – und somit unter das Reproduktionsniveau, der Schwelle zur Erneuerung der Generationen. Seitdem hat sich die Geburtenrate in den meisten Ländern Europas nicht mehr erholt.

Die niedrige Anzahl an Geburten insgesamt spiegelt sich auch in den Kinderzahlen jener Geburtsjahrgänge wider, die bereits mit der Familienplanung abgeschlossen haben. In Deutschland hatten schon die 1940 geborenen Frauen im Schnitt weniger als zwei Kinder zur Welt gebracht, Frauen der späteren Jahrgänge noch weniger; 1,65 Kinder waren es für jede 1960 geborene Frau. Ähnlich ist die Lage in Italien, Österreich und in Spanien. In Frankreich und in den nordischen Ländern hingegen liegen die auf den Jahrgang bezogenen Geburtenraten heute nicht weit unter der zur Wahrung der Bevölkerungszahl nötigen Anzahl von 2,1 Kindern pro Frau.

„Warum haben Italiener und Spanier trotz der Dominanz der katholischen Kirche und der familienorientierten Kultur in diesen Ländern so wenig Kinder? Weshalb konnte man in der DDR der 1980er-Jahre bereits eine Angleichung an die Geburtenentwicklung im Westen beobachten – trotz der so unterschiedlichen sozialpolitischen Voraussetzungen? Was geschah in anderen Ländern Osteuropas nach dem Fall des Kommunismus: Hat dort lediglich eine Angleichung an westliche Standards stattgefunden? Die zusammengefassten Geburtenziffern für diese Länder deuten darauf hin. Andererseits sprechen die vielen Unterschiede, die heute zwischen Ost- und Westdeutschland herrschen, gegen die Annahme, dass sich die Systeme in Bezug auf das Geburtenverhalten aneinander angeglichen haben.“ So fasst Jan Hoem, Leiter der Abteilung „Fertilität und Familiendynamik“ am Rostocker Max-Planck-Institut, das Projekt zusammen.

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