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Auch Pflanzen zeigen Taktgefühl
Zart, aber robust: Die kleine Ackerschmalwand gedeiht dort, wo andere Pflanzen kaum Fuß fassen können.
Wer die Zeit misst, kann sich besser in seine Umwelt fügen: Das gilt für alle Organismen – für pflanzliche ebenso wie für tierische. Wissenschaftler in der Abteilung von George Coupland am Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung in Köln studieren das Räderwerk der grünen biologischen Uhren, die den Lebenstakt von Pflanzen steuern. Sie stoßen dabei auf Phänomene, wie man sie schon seit längerem auch aus der „Chronomedizin“ kennt: Heute wird der Patient ungewöhnlich früh aus dem Schlaf gerissen. Schon kurz nach Mitternacht legt die Nachtschwester dem Krebskranken eine Kanüle in die Armbeuge, durch die in den nächsten Stunden langsam die Medikamente in seinen Körper laufen sollen. Die nächtliche Therapie ist keine Schikane eines unbarmherzigen Klinikschichtplans. Das Timing versucht den inneren Rhythmen des Körpers zu folgen. Zu bestimmten Zeiten reagieren Organe weniger empfindlich auf die Gifte, die gezielt den Krebszellen schaden sollen. Die Anpassung der Therapie an den Takt des Körpers der Patienten soll so die Nebenwirkungen verringern.
Noch sind solche Szenen mehr Hoffnung als Realität. Mediziner erproben gerade, wie sich Verträglichkeit und Heilungsraten verändern, wenn man Chemotherapien und andere Medikamente auf die innere Uhr des Menschen abstimmt. Denn die steuert nicht nur den Schlaf- und Wachrhythmus, sondern auch eine Vielzahl von weniger augenfälligen Stoffwechselfunktionen: Hormonspiegel, Körpertemperatur, Blutdruck und die Aktivität der inneren Organe folgen einem vom Gehirn gesteuerten Takt. Und nicht nur bei Jetlag sondern auch bei Krankheiten wie zum Beispiel Bluthochdruck und der Alzheimerschen Erkrankung zeigt sich, dass auch die inneren Rhythmen aus dem Gleichtakt geraten sind. Während „Chronomediziner“ bereits nach Wegen suchen, die innere Uhr gezielt zu beeinflussen, arbeiten einige Dutzend Forschergruppen weltweit daran, überhaupt zu verstehen, wie Lebewesen es schaffen, die Zeit zu messen.
Und dabei muss nicht der Mensch im Mittelpunkt stehen. Denn ob Bakterium, Pilz, Pflanze, Fisch oder Mensch: Alle Organismen leben auf einem Planeten, der in etwa 24 Stunden einmal um sich selbst rotiert und rund 365 Tage für einen Jahreszeitenzyklus braucht. Das bedeutet, dass sich fundamentale Lebensbedingungen wie Licht und Temperatur nicht nur im täglichen Rhythmus, sondern auch über das Jahr hinweg laufend verändern – das jedoch einigermaßen vorhersagbar: Das Vorhandensein von Nahrung, das Verhalten von Fressfeinden und Fortpflanzungspartnern folgt den durch die Rotation der Erde diktierten Rhythmen.