Verhaltensbiologie

Rosenkriege gibt es auch bei Blaumeisen - tatsächlich trennt sich die Hälfte der Pärchen wieder.

Gesucht: ein Scheidungsgrund

Verhaltensökologen suchen nach dem Anpassungswert von Verhalten. Welchen Vorteil bietet ein bestimmtes Verhalten unter evolutionären Gesichtspunkten? Steigert es die Fitness, gelingt es dem Individuum also möglicherweise mehr überlebensfähige Nachkommen zu zeugen? Offenbar, so das Ergebnis früherer Studien an kleinen Sperlingsvögeln, zu denen auch die Blaumeise gehört, profitieren Weibchen von einer Trennung von ihrem angestammten Partner, hatten sie doch mit einem neuen Partner in der Regel mehr überlebende Nachkommen. Danach sollten es eigentlich die Weibchen sein, welche die Initiative zum Verlassen eines Partners ergreifen.

In ihrer Studie kommen die Seewiesener Verhaltensökologen jedoch zu dem Ergebnis, dass sich der höhere Bruterfolg bei den Blaumeisenweibchen weniger durch die Scheidung an sich erklären lässt als durch den mit der Trennung einhergehenden Wechsel des Territoriums. Denn nur wenn die Weibchen ihr angestammtes Territorium verlassen und an einen besseren Platz ziehen, erhöht sich auch die Zahl der Nachkommenschaft, wie die Max-Planck-Forscher herausfanden. Die Männchen dagegen bleiben auch nach der Trennung fast ausschließlich in ihrem bisherigen Territorium.

Die Forscher haben deshalb Blaumeisenweibchen untersucht, die nach der Trennung auch am oder zumindest in der Nähe ihres bisherigen Standortes blieben, um den Einfluss des Territoriumwechsels vom Effekt der Scheidung zu entkoppeln. Es stellte sich heraus, dass in diesem Fall nicht die Weibchen, sondern die Männchen ihre Fitness nach einer Scheidung erhöhten: Sie paarten sich mit größeren Weibchen und hatten einen höheren Bruterfolg als die ehemalige Partnerin.

Machen also möglicherweise die Männchen den ersten Schritt zur Trennung? "Wir können nur spekulieren", so der Leiter der Studie, Bart Kempenaers. "Aber unsere Hypothese ist, dass ein größeres, stärkeres Weibchen die ursprüngliche Partnerin vertreibt und das Männchen samt Territorium übernimmt." In diesem Fall wäre die Konkurrenz zwischen den Weibchen um einen guten Paarungspartner Auslöser für die Trennung - und das wäre dann vermutlich der klassische Scheidungsgrund.

Max-Planck-Gesellschat (2008)