Klima

Der Regenwald des Amazonas, aufgenommen von der Bodenstation in Brownsberg/Surinam.

Unberührter Regenwald reinigt die Atmosphäre

Die Messkampagne, die die Forscher vom Max-Planck-Institut für Chemie im Oktober 2005 starteten, fand größtenteils über unberührtem Regenwald statt; hier gibt es keine großen Siedlungen, Straßen oder gar Industriekomplexe - lokale, von Menschen verursachte Emissionen sind vernachlässigbar gering. Die Flugdaten zeigten eine bemerkenswert hohe Konzentration von Hydroxylradikalen (das sind OH-Gruppen mit einem freien Elektron). Diese äußerst reaktiven Moleküle entfernen verunreinigende Gase aus der Atmosphäre. Computermodelle beruhten bislang darauf, dass der Regenwald große Mengen an Kohlenwasserstoffgasen freisetzt, die diese Hydroxylradikale verbrauchen und dadurch die Reinigungskraft der Atmosphäre vermindern. Die jetzt durchgeführten Messungen bestätigen, dass der Regenwald tatsächlich eine gewaltige Kohlenwasserstoffquelle ist, zeigen jedoch auch, dass natürliche chemische Prozesse die Hydroxylradikale - das "Reinigungsmittel" der Atmosphäre - regenerieren.

Um diese komplexe Kohlenwasserstoffchemie besser zu verstehen, führten die Atmosphärenforscher um Jos Lelieveld zusätzlich Laboruntersuchungen in Mainz und eingehende Computermodellrechnungen auf einem Supercomputer des Max-Planck-Rechenzentrums in Garching durch. Mithilfe der neuen Ergebnisse können sie nun erklären, wie die Atmosphäre ihren Reinigungsmechanismus über geologische Zeiträume hinweg aufrechterhalten konnte, insbesondere auch während der Wärmeperioden, als die Vegetation der Erde noch viel üppiger war als heute.

Pflanzen und Bäume emittieren jährlich mehr als eine Gigatonne flüchtiger organischer Verbindungen. Davon sind etwa 40 Prozent Isopren. Diese gasförmige chemische Verbindung, die zu den Terpenen zählt, schützt die Pflanzen vermutlich vor dem Austrocknen. Die Menge an Kohlenwasserstoffen, die von Pflanzen stammt, übersteigt um ein Vielfaches die Menge, die von anthropogenen Quellen herrührt. Die Max-Planck-Forscher nehmen an, dass in unberührter Atmosphäre die natürliche Oxidation des Isoprens Hydroxylradikale sehr effizient recycelt. "Die gemessene hohe Hydroxylkonzentration lässt sich mit einer Recycling-Effizienz von 40 bis 80 Prozent erklären", so Lelieveld. In verschmutzter Luft mit höheren Gehalten an Stickoxiden führt diese Oxidation dagegen zum photochemischen Smog unter Bildung von Ozon und anderen Schadstoffen.

Die Ergebnisse geben somit auch Anlass zur Beunruhigung: Da die Zerstörung des Amazonasregenwaldes durch Abholzung und die landwirtschaftliche, städtische und industrielle Entwicklung in den Tropen weiter fortschreitet, verändert das auch die äußerst wirksame natürliche Selbstreinigungskraft der Luft; die Verunreinigungen nehmen zu und tragen damit zum Klimawandel bei. "Ohne den Einfluss des Menschen hält der Wald jedoch in bemerkenswerter Weise das Gleichgewicht mit seiner atmosphärischen Umgebung aufrecht", ist der Max-Planck-Wissenschaftler überzeugt.

Max-Planck-Gesellschaft (2008)