Verhaltensbiologie

Es gehört schon Mut dazu, sich einfach so neben einem rosaroten Panther an der Futterschale niederzulassen.

"Charakter-Gen" macht Meisen neugierig

Es sind Gene, die die im Zusammenhang mit Neurotransmittern stehen, denen das Interesse der Forscher gilt. Schon länger gab es Hinweise darauf, dass ein Polymorphismus in diesen Genen, d.h. also das Auftreten von verschiedenen Varianten eines Gens, auch mit Persönlichkeitsunterschieden einhergeht. Eine Verbindung zwischen dem Drd4-Gen und der Eigenschaft Neugier galt aufgrund von Untersuchungen aus den vergangenen zehn Jahren als besonders vielversprechend. Das Gen trägt die Bauanleitung für einen Rezeptor, der im Gehirn Andockstelle für den Botenstoff Dopamin ist.

Die Forscher entdeckten 73 Polymorphismen im Drd4-Gen von Kohlmeisen, darunter 66 sogenannte Single Nucleotide Polymorphism (SNP) - hier ist nur ein einziger Nukleotidbaustein ausgetauscht. Eine Variante, SNP830, ist tatsächlich mit dem Erkundungsverhalten, also sprich mit Neugier assoziiert. Es zeigten sich nämlich deutliche Unterschiede zwischen zwei Kohlmeisenlinien, die die Forscher über vier Generationen nach dem Grad ihrer Neugier ausgewählt und miteinander verpaart hatten. Als Maß diente ihnen dabei das Erkundungsverhalten der Tiere, sobald sie flügge geworden waren: In dem einen Verhaltenstest hielten die Biologen die Zeit fest, bis der Vogel den vierten von fünf "Bäumen" – in diesem Fall einfache Pflöcke mit gekreuzten Sitzstangen – im Beobachtungsraum aufgesucht hatte; in dem anderen testeten sie seine Reaktion auf unbekannte Objekte, die an seiner Futterschale platziert wurden, u.a. eine Gummifigur von Paulchen Panther.

Untersuchungen an freilebenden, unselektierten Vögeln bestätigten das Ergebnis: Auch hier fanden die Wissenschaftler eine signifikante Verknüpfung zwischen SNP830-Genotypen und den unterschiedlichen Ausprägungen von Neugier. Ziel der Untersuchungen ist es, die ökologische und evolutionäre Bedeutung von Variationen in der Persönlichkeit bei natürlichen, frei lebenden Tierpopulationen besser zu verstehen. Denn fest steht: Die Persönlichkeit kann Einfluss darauf nehmen, wie Individuen vorhersagbare, aber auch zufällig auftretende Umweltänderungen bewältigen. Im Licht der Evolution betrachtet heißt das, dass je nach vorherrschenden Umweltbedingungen auch ein unterschiedlicher Selektionsdruck auf die verschiedenen Persönlichkeitstypen wirkt. Wenn die molekulargenetische Basis der Persönlichkeitsvariation bekannt ist - wie in diesem Fall der Drd4-Polymorphismus - dann sollten sich auch mikroevolutionäre Veränderungen innerhalb von Populationen verfolgen lassen.

Max-Planck-Gesellschaft (2007)