Verhaltensbiologie

Eine Gruppe von Meeresechsen auf den Galápagos.

Zu zahm für diese Welt

Ein Inselleben hat so manchen Vorzug, auch für die Meeresechsen auf den Galápagos. Über Jahrmillionen waren sie hier keiner Bejagung durch natürliche Beutegreifer ausgesetzt. Im Laufe der Evolution haben sie daher jede Scheu verloren. Hunderte von Reptilien dösen auf dem dunklen Lavagestein und strecken dabei bedenkenlos alle Viere von sich - unmöglich dieses Verhalten in einer Umwelt, in der Reptilien ständig der Gefahr ausgesetzt sind, von anderen gefressen zu werden.

Das Fehlen von Beutegreifern führt bei Inselbewohnern zu entsprechenden Anpassungen. So können Vögel beispielsweise über einen längeren evolutionären Zeitraum ihre Fähigkeit zu fliegen verlieren. Träten neue Beutegreifer auf, so wären ihre Fluchtmöglichkeiten stark eingeschränkt. Im Gegensatz zu solchen "fest verdrahteten" Eigenschaften, sollte das Verhalten jedoch deutlich flexibler sein. Im Rahmen von Auswilderungsprogrammen werden Tiere darauf trainiert, Beutegreifer zu erkennen und mit ihnen fertig zu werden. Tatsächlich ist es jedoch in den meisten Fällen sehr schwierig, die Anpassungsfähigkeit im Verhalten vorherzusagen, denn über die zugrunde liegenden physiologischen Mechanismen, die Verhaltensweisen wie Flucht kontrollieren, ist bisher kaum etwas bekannt.

Für ihre Untersuchungen nutzten die Wissenschaftler die Forschungsplattform der Max-Planck-Gesellschaft auf den Galápagos. In seinem Reisebericht hat Thomas Rödl die umfangreichen Vorbereitungen und seine ersten Eindrücke vor Ort geschildert (siehe MAX-Reportagen). Nach wie vor sind die Inseln im Pazifischen Ozean ein El Dorado für Evolutionsbiologen. Aber es zieht nicht nur Wissenschaftler dorthin, auch immer mehr Touristen besuchen jedes Jahr dieses einzigartige Archipel: 2005 waren es rund 126.000. Tendenz weiter steigend. Das Problem: die vielen Menschen stören nicht nur manche auf den Galápagos lebende Tierarten, sie schleppen auch andere Tier- und Pflanzenarten ein, die in der lokalen Flora und Fauna großen Schaden anrichten.

Rödl und seine Kollegen wollten herausfinden, inwieweit sich Meeresechsen aus unterschiedlichen Populationen und mit unterschiedlichen Erfahrungen mit Beutegreifern in ihrer Stressantwort und in ihrem Verhalten unterscheiden. Sie führten sogenannte Harassment-Experimente durch: Dazu wird von einem Tier die ursprüngliche, "naive" Fluchtdistanz gemessen und dieses dann 15 Minuten lang von einer Person verfolgt - immer bis zu dem Punkt, an dem die Meeresechse wieder ausweicht und eine kurze Strecke flieht. Am Ende des Experiments wird das Tier eingefangen und eine Blutprobe zur Bestimmung der Kortikosteron-Konzentration entnommen. Wenn die Tiere die Situation als bedrohlich, also stressvoll empfinden, dann steigt die Konzentration des Hormons Kortikosteron im Blutplasma innerhalb weniger Minuten an.

Die Forscher untersuchten verschiedene Inselpopulationen: Meersechsen, die keinen Feinddruck kennen, ließen eine Annäherung bis auf ein, zwei Meter zu und zeigten auch bei anhaltender Verfolgung keinen Anstieg in der Stressantwort. Bei Meeresechsen, die Beutegreifer zwar kennen, aber einem geringerem Risiko ausgesetzt sind, führte erst das Einfangen zu einem Anstieg in der Kortikosteroid-Konzentration, und die Fluchtdistanz nahm nur bei jenen Tieren zu, die bereits einmal gefangen worden waren. Dagegen reagierten Meeresechsen, die mit akutem Feinddruck leben, auf ein Harrasment-Experiment sofort mit einem Anstieg in der Kortikosteroid-Konzentration.

„Unsere Fangversuche zeigen, dass die Tiere ihre Fluchtdistanz steigern und die Kortikosteroid-Antwort aktivieren können“, erklärt Thomas Rödl. „Die Funktion der Stressachse ist also offenbar auch über lange evolutionäre Perioden ohne den Druck von Beutegreifern erhalten geblieben und kann ihre Aktivität sofort zurückgewinnen, wenn diese wieder auftauchen.“ Meeresechsen können also offenbar lernen, was ein Beutegreifer ist, allerdings sind sie nicht in der Lage, ihre Fluchtdistanz effizient zu steigern. „Wir konnten dieselben Tiere in vier Wochen bis zu sechsmal wieder einfangen“, sagt Rödl. Kein Wunder also, dass die eingeführten Hunde und Katzen auf einigen Inseln die Population der Meeresechsen drastisch reduziert haben.

Die Fähigkeit, sich auf neue Beutegreifer einzustellen, wird also nicht durch das physiologische System begrenzt, sondern durch die Einschränkungen im Verhalten. „Eine lang anhaltende Flucht kostet das Tier Kraft. Im Zuge der Evolution bei Fehlen jeglicher Beutegreifer hat die Selektion möglicherweise dazu geführt, dass vor allem Tiere, die auf eine solche kostenintensive Flucht verzichtet haben, einen Fitnessvorteil hatten“, spekuliert Rödl. Die Ergebnisse der Forscher liefern zum ersten Mal Hinweise, warum zahme Tiere auf zahlreichen Kontinenten ausgestorben sind, sie geben aber auch Naturschützern Argumente an die Hand, die für einen nachhaltigen Tourismus auf den Galápagos plädieren.

Max-Planck-Gesellschaft, 11. Dezember 2006