Demografie

Vor 100 Jahren spiegelte sich die Bevölkerung noch in einer Pyramidenform wider – die vielen Jungen bildeten die Basis, die wenigen Älteren die Spitze. Schon heute hat sich die Pyramide zu einer Zwiebelform verändert, in Zukunft wird es eine Art Tonne.

Der Demografische Wandel wird uns schon bald etwas kosten

Die Älteren werden immer mehr und die Jüngeren immer weniger. Anpassungen sind erforderlich, um die durch die veränderte Altersstruktur entstandenen Belastungen und Kosten abzufedern. Die öffentliche Diskussion verengt sich dabei häufig darauf, dass zukünftig immer mehr Rentner immer weniger Beitragszahlern gegenüberstehen werden – zumal, wenn die geburtenstarken Jahrgänge ab 2030 in den Ruhestand gehen. Doch nicht nur die umlagefinanzierten sozialen Sicherungssysteme müssen sich anpassen, sondern auch die Beschäftigtenstruktur. James W. Vaupel (Direktor am Max-Planck-Institut für demografische Forschung), Elke Loichinger und Pascal Hetze entwickelten einen Index, der die gesamtwirtschaftlichen Konsequenzen des demografischen Wandels quantifiziert und Vergleiche zwischen Ländern oder Regionen ermöglicht. Anhand dieses Index lässt sich zeigen, dass gesamtwirtschaftliche Kosten schon entstehen, bevor die Babyboomer in die Rente gehen, nämlich dann, wenn sie die älteren Arbeitnehmer stellen.

Der demografische Wandel führt zu Verschiebungen in der altersspezifischen Bevölkerungsstruktur: Vor 100 Jahren spiegelte sich die Bevölkerung noch in einer Pyramidenform wider – die vielen Jungen bildeten die Basis, die wenigen Älteren die Spitze. Schon heute hat sich die Pyramide zu einer zwiebelartigen Form verändert. Die geburtenstarken Jahrgänge der 50er und 60er Jahre schieben sich in Form eines Wulstes Jahr für Jahr weiter nach oben. Da es gleichzeitig immer weniger Kinder gibt, wird die Pyramide zur Tonne. Doch was bedeutet die Veränderung der Pyramiden- zur Tonnenform für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung? Und wie kann man das Wesentliche dieser veränderten Altersstruktur erfassen? Herkömmliche Standardmaße wie der Abhängigkeitsquotient, der das Verhältnis der zu versorgenden Jungen (unter 20-Jährige) und Älteren (über 65-Jährige) zu der erwerbsfähigen Bevölkerung mittleren Alters (20- bis 65-Jährige) misst, gehen von dem Ideal einer gleichmäßigen Erwerbstätigkeit bei Menschen mittleren Alters aus. Doch die Wirklichkeit ist anders: Vor allem unter älteren Erwerbsfähigen sind die Beschäftigungsquoten in vielen Ländern, so auch in Deutschland, extrem niedrig. Das ist unter anderem eine Folge der schwierigen Wiedereinstiegschancen für ältere Arbeitslose und der Frühverrentungspraxis.

Der Rostocker Index macht sichtbar, wie schnell sich die insgesamt geleistete Arbeitszeit in einer alternden Gesellschaft verringert, nehmen Ältere auch in Zukunft in so geringem Maß am Erwerbsleben teil wie heute. Der Index besteht aus zwei Maßzahlen. Das Prinzip ist einfach: Das erste Maß, als „H“ bezeichnet, misst die durchschnittlich gearbeiteten Stunden pro Kopf pro Woche in der Bevölkerung, also vom Säugling bis zum Greis, gleich, ob erwerbstätig oder nicht. Der Durchschnittswert H liegt daher auch deutlich unter den knapp 40 Stunden, die in einer Vollerwerbsstelle gearbeitet werden. Gegenwärtig liegt die durchschnittlich gearbeitete Stundenzahl in Deutschland bei 16,5 (2003). In den USA wurden im Jahr 2003 durchschnittlich 18,5 Stunden gearbeitet, in Frankreich dagegen nur 15,3. Der H-Wert ändert sich innerhalb einzelner Länder im Laufe der Zeit. Lag er vor 20 Jahren in Deutschland aufgrund einer höheren Beschäftigtenquote noch bei 16,9, so wird er in den kommenden 20 Jahren auf 15 absinken – und dies rein aufgrund der demografischen Entwicklung. Weniger geleistete Arbeit pro Einwohner bedeutet auch weniger Einkommen und geringere Verteilungsspielräume.

Ein Absinken der durchschnittlich gearbeiteten Stunden kann viele Gründe haben, etwa einen Anstieg der Arbeitslosigkeit, eine geringere Frauenerwerbstätigenquote oder verlängerte Ausbildungszeiten. Der Rostocker Index jedoch konzentriert sich auf die relativen Veränderungen an Arbeitsstunden, die allein durch das Altern der Bevölkerung entstehen und rechnet die anderen Effekte heraus. Dieses zweite Maß, der Rostocker Indikator für den Demografischen Wandel, genannt „R“, misst also die Änderungen, die allein der demografiebedingt veränderten Beschäftigtenstruktur zuzuschreiben sind, wobei das Altern und nicht das Schrumpfen der Bevölkerung entscheidend ist. Danach ist in den vergangenen 20 Jahre die Zahl der durchschnittlich geleisteten Arbeitsstunden zwar um knapp eine halbe Stunde gesunken, an der demografischen Entwicklung lag dies aber nicht. Ein Blick auf die mittlere bauchige Pyramide des Jahres 2003 in der obigen Abbildung erklärt den Effekt ohne viele Worte: Die vielen Babyboomer, heute etwa 40 bis 50 Jahre alt, stehen fürs Erwerbsleben bereit und haben – im Vergleich zu vorangegangenen Generationen – für wenige Kinder zu sorgen. Demografisch leben wir in goldenen Zeiten. Dieser sogenannte demografische Bonus fällt von Land zu Land unterschiedlich aus. In europäischen Ländern wie Italien, Großbritannien, den Niederlanden, Dänemark oder Frankreich ist der demografisch bedingte vorübergehende Vorteil mit einem Anstieg von über 3 Prozent deutlich zu spüren, in Deutschland ist er mit 0,3 Prozent eher schwach.

Dieser Vorteil wird sich in den kommenden 20 Jahren, wenn die geburtenstarken Jahrgänge älter werden und sich der Wulst in der Bevölkerungspyramide nach oben schiebt, ins Gegenteil verkehren. Schon in wenigen Jahren ist das Sinken der durchschnittlich geleisteten Arbeit vor allem dem gesellschaftlichen Alterungsprozess zuzuschreiben. Alle industrialisierten Länder mit alternden Gesellschaften gehen einem demografischen Defizit entgegen. Für Deutschland gehen Vaupel, Loichinger und Hetze davon aus, dass fast 9 Prozent weniger gearbeitet wird als heute, wenn die Beschäftigtenstruktur unverändert bleibt. Oder deutlicher: Wenn die Beschäftigungsquote der älteren Erwerbstätigen, die dann zu den geburtenstarken Jahrgängen gehören werden, weiterhin auf so niedrigem Niveau verharrt, werden die vielen Älteren wenig und die vielen Jungen nach wie vor viel arbeiten. Insgesamt führt das zu einem Verlust an Arbeitskraft, der mit der heute in Deutschland zu verzeichnenden Arbeitslosigkeit zu vergleichen ist. Arbeitspotenzial bleibt ungenutzt.

Ein vertiefter Blick auf den R-Index macht folgendes deutlich: Es ist die Zunahme der älteren Erwerbsfähigen, die bereits in den kommenden 20 Jahren maßgeblich für den demografiebedingten Rückgang an geleisteter Arbeit verantwortlich ist, nicht die Zunahme der Rentner. Es geht um die unter 70-Jährigen, die noch erwerbsfähig wären (und gern erwerbstätig sein würden), tatsächlich aber kaum mehr in den Arbeitsmarkt eingebunden sind. Der steigende Anteil der erwerbsfähigen Älteren schlägt 14 Mal mehr zu Buche als der steigende Anteil der nicht mehr erwerbsfähigen Älteren. Nach dem Jahr 2025, wenn die vielen Babyboomer dann in die Rente gehen, werden die ökonomischen Konsequenzen des demografischen Wandels schließlich mehr von dem wachsenden Anteil der über 70-Jährigen dominiert werden.

Welche Möglichkeiten zum Gegensteuern bieten sich an? Wie können die ökonomischen Konsequenzen des demografischen Wandels abgefedert werden? Wenn es schon bald mehr ältere und weniger jüngere Erwerbsfähige gibt, dann kann man auf die älteren Erwerbstätigen nicht ohne Einbußen für alle verzichten. Heute arbeiten Männer im Alter von 30 bis 50 Jahren zu annähernd 90 Prozent, Frauen in dieser Altergruppe zu 70 Prozent. Bis zum Alter von 60 Jahren fällt dieser Anteil bei Männern jedoch auf 30 Prozent und bei Frauen auf 15 Prozent ab. Das führt dazu, dass ein 45-Jähriger durchschnittlich 30 Stunden, hingegen ein 60-Jähriger nur acht Stunden arbeitet.

Ein Gedankenspiel: Würde bis zum Jahr 2025 darauf hingewirkt, dass die 50- bis 60-Jährigen ebenso viele Stunden arbeiten wie die 35- bis 50-Jährigen, bliebe der gesamtwirtschaftliche Arbeitseinsatz auch bei einer alternden Erwerbsbevölkerung konstant (H = 16,5). Die ökonomischen Konsequenzen des demografischen Wandels könnten demzufolge durch eine höhere Erwerbsbeteiligung Älterer abgepuffert werden. Das Gedankenspiel ließe sich noch radikaler durchführen: Würde bis zum Alter von 65 Jahren auf gleichbleibend hohem Zeitniveau gearbeitet und würden zudem noch Menschen bis zum Alter von 70 Jahren zu einem gewissen Teil in das Erwerbsleben eingebunden, so ließe sich sogar Entlastung für andere Altersgruppen schaffen: Man denke an die jungen Erwerbtätigen zwischen 20 und 40 Jahren, deren starke Arbeitsbelastung nicht selten mit der für eine Familiengründung notwendigen Zeit kollidiert, sodass letztere aufgeschoben wird – mitunter endgültig.

Die Modellrechnungen verdeutlichen, dass die Verteilung der Arbeit über die Altersgruppen neu überdacht werden muss und dass Änderungen notwendig sind, wenn das Altern der Bevölkerung nicht schon bald die gesamtwirtschaftliche Entwicklung drosseln soll. Arbeitszeit ist je nach Erwerbstätigkeit nicht gleich gestaltet, Erwerbsbiografien sind unterschiedlich und niedrige Erwerbsquoten gehen häufig auf geringe oder veraltete Qualifikationen zurück. Bei dem Rostocker Index geht es nicht um Produktivität, es geht um die geleistete Erwerbsarbeit. Flexible Beschäftigungsmodelle wie in den Niederlanden zeigen, dass es Ansätze für eine neue Verteilung von Arbeit gibt. Wir müssen uns auf die alternde Gesellschaft von morgen in vielerlei Hinsicht vorbereiten: Auch mit mutigen Anreizen für ältere Erwerbstätige.

Zentrum für Demografischen Wandel