Verhaltensforschung

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Vokabeltraining für den Hund

Kleinkinder lernen ab dem zweiten Lebensjahr im Schnitt zehn neue Wörter pro Tag. Dabei lernen sie die Bezeichnungen von den Dingen in ihrer Welt nicht nur durch explizite Erläuterung, sondern auch, indem sie sich die Bezeichnung von Gegenständen im Ausschlussverfahren erschließen. In einem klassischen Experiment werden Kinder aufgefordert, das "chromfarbene Tablett zu bringen, und nicht das rote". Lässt man die Kinder anschließend zwischen einem roten und einem olivgrünen Tablett auswählen, so bringen sie das olivgrüne, auch wenn sie den Namen "chromfarben" noch nie gehört haben. Dieser Prozess, ungefähre Hypothesen über den Zusammenhang zwischen Namen und Dingen zu entwickeln, wird als fast mapping oder "schnelles Zuordnen" bezeichnet. Bisher ging man davon aus, dass fast mapping eine nur dem Menschen eigene Fähigkeit sei.

Andererseits könnte es aber auch sein, dass diese Form des Lernens durch Ausschluss auf generellen Lernmechanismen beruht, die der Mensch möglicherweise mit anderen Tieren teilt. Die Max-Planck-Forscher wollten daher feststellen, ob auch Bordercolli Rico in der Lage sein würde, die Beziehung zwischen einem Wort und dem Objekt, auf welches sich das Wort bezieht, auf indirekte Weise zu lernen. Im Experiment boten sie Rico ein völlig neues, unbekanntes Spielzeug zusammen mit sieben ihm bereits bekannten Objekten an. Zunächst ließen sie die Besitzerin den Hund auffordern, einen der bekannten Gegenstände zu apportieren. Erst im zweiten oder dritten Versuch eines Durchgangs nannte sie dann ein völlig neues Wort ("Rico! Wo ist der xyz?"). In sieben von zehn Fällen brachte Rico den neuen Gegenstand. Offensichtlich konnte er tatsächlich das neue Wort im Ausschlussverfahren mit dem neuen Gegenstand in Verbindung bringen, entweder weil er wusste, dass die ihm bekannten Objekte bereits Namen hatten, oder weil sie eben nicht neu waren. Auch vier Wochen nach der ersten und einzigen Konfrontation mit diesem Gegenstand apportierte der Hund das Zielobjekt korrekt in drei von sechs Durchgängen. Diese Erfolgsquote ist vergleichbar mit der von dreijährigen Kindern.

Der Hund ist also in der Lage, menschliche Worte mit spezifischen Gegenständen in seiner Umwelt zu verbinden. Offensichtlich kann er durch seine umfassende Erfahrung beim Lernen von Bezeichnungen die Regel aufstellen, dass Dinge einen Namen haben. Es ermöglichte ihm, im Ausschlussverfahren ein neues unter einer Anzahl von bekannten Objekten zu identifizieren und mit dem neuen Namen in Verbindung zu bringen. Das "Vermeiden lexikalischer Überlappung", wie die Forscher es nennen, kann man auch bei Kindern beobachten. "Diese kognitiven Fähigkeiten, die es dem Tier erlauben, eine Vielzahl von Klängen und Geräuschen richtig zu interpretieren, scheint sich also unabhängig und viel früher entwickelt zu haben als die Fähigkeit, diese akustischen Signale auch selber zu produzieren, also sprechen zu können", sagt Julia Fischer, Leiterin einer Forschergruppe am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.

Max-Planck-Gesellschaft (2004)