Sinnesphysiologie

Der Degu kann im Gegensatz zu uns Menschen UV-Licht sehen.

Sehen statt Riechen

Viele Fische, Reptilien und Vögel können UV-Licht sehen und nutzen dies auch zur gegenseitigen Erkennung: Manche Vögel, wie z.B. Blaumeisen, unterscheiden Weibchen und Männchen am UV-Muster des Gefieders. Auch bei der Nahrungssuche spielt UV-Sehen eine Rolle. So reflektiert der wachsartige Überzug vieler Beeren diese kurzwellige Strahlung. Ultraviolett-Sehen gehört zur Grundausstattung der Wirbeltiere und zahlreicher Wirbelloser, z.B. der Bienen. Die meisten Säugetiere aber haben diese Fähigkeit im Laufe der Evolution verloren, einschließlich uns Menschen. Für uns reicht das sichtbare Farbspektrum von kurzwelligem Blau bis zu langwelligem Rot. Allerdings weiß man seit einiger Zeit, dass manche Nagetiere, wie etwa Ratten oder Mäuse, UV sehen können. Wozu dieser UV-Sinn den Nagern nützt, darüber gab es bislang allerdings nur Spekulationen.

Leo Peichl vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main hat mit seinen südamerikanischen Kollegen Francisco Bozinovic, Andrés Chávez und Adrián Palacios den in Chile häufig vorkommenden Degu (Octodon degus) untersucht. Im Freiland leben die tagaktiven Degus in offenem Buschland in kleinen Kolonien mit straffer sozialer Organisation. Die Forscher untersuchten das Farbsehvermögen dieser Nager mit Hilfe von Elektroretinogrammen und fanden, dass sich das sichtbare Spektrum für diese Tiere bis in den UV-Bereich erstreckt. Nun stellt sich natürlich die Frage nach dem Nutzen dieser UV-Tüchtigkeit. Die Forscher suchten also nach UV-Quellen in der natürlichen Umgebung der Degus. Die von den Tieren als Nahrung genutzten Pflanzen reflektierten nur geringe UV-Anteile, ebenso Erde, Sand und Steine. Fündig wurde das Team jedoch bei den Duftmarken, mit denen Degus ihre Umgebung markieren. In der Nähe der von Degu-Kolonien bewohnten Baue ziehen gemeinsam benutzte Hauptpfade durch das Gelände und zu den Sandsuhlen. Diese kommunalen Einrichtungen werden ausgiebig mit Urin und Kot markiert, teils zur eigenen Orientierung, teils zur Abgrenzung des Territoriums gegen Nachbarkolonien.

Die Messungen ergaben, dass frischer Degu-Urin die UV-Anteile des Lichtes viel stärker reflektiert als die längerwelligen Anteile. Im Gegensatz dazu reflektiert alter, eingetrockneter Urin hauptsächlich die längerwelligen Anteile und nur sehr wenig UV. Dank ihrer UV-empfindlichen Augen können Degus frische und ältere Urinmarken auch optisch und nicht nur anhand ihrer Geruchsintensität unterscheiden. Sie können also sehen, wo kürzlich ein Artgenosse entlang gelaufen ist und wo die aktuellen "Szenetreffs" sind. Da Geruchssignale durch Luftbewegungen zerstreut werden und deshalb keine sehr präzisen Ortsmarken darstellen, böte die visuelle Ortung der Urinmarken einen signifikanten Zugewinn an Orientierungsgenauigkeit. Unter diesem evolutionären Druck könnten die Nager ihre UV-Tüchtigkeit bewahrt haben.

Max-Planck-Gesellschaft (2003)